Clinical (Filmkritik)

Doktor Jane Mathis (Vinessa Shaw) ist Psychiaterin und hat mit ihrer Methode Patienten mit deren Traumata zu konfrontieren, bis jetzt gute Erfolge erzielt. Bei Nora (India Eisley) hat sie damit aber eher das Gegenteil erreicht, denn sie dringt während der Weihnachtszeit in das Büro von Jane ein, verletzt sie mit einer Glasscherbe und will sich anschließend selbst das Leben nehmen.

Einige Zeit später – Jane ist seit dieser Sache selbst in Therapie bei einem Kollegen – will Jane wieder das machen, was sie am Besten kann und das ist nun mal Menschen zu helfen. Obwohl sie von Trauma-Patienten noch Abstand halten will, trifft sie auf Alex (Kevin Rahm), dem sie nach kurzem Zögern, doch eine Sitzung gewährt. Plötzlich beginnt sie Nora wieder zu sehen, wird von ihr in Träumen bedroht, sieht sie aber scheinbar auch im wachen Zustand. Kann sie sich auf ihre Sinne noch verlassen oder beginnt sie selbst bald zurecht an ihrem Verstand zu zweifeln?

Bei ihren Original-Movies gibt Netflix auch gerne neuen Talenten eine Chance (zuletzt bei Spectral) und das ist eine feine Sache. Für Alistair Legrand ist dies nach seinem Debüt „The Diabolical“ aus dem Jahr 2015, daher erst seine zweite Arbeit als Regisseur. Was er hier abgeliefert hat ist zwar nicht neu, mixt jedoch gekonnt einige Genres zusammen und erzeugt so einen unterhaltsamen – weil spannenden Mix – bei dem man einfach wissen will, wie die Geschichte ausgehen wird.

Seitenverkehrte Kameraeinstellungen, Perspektiven die wirken, als würde jemand das Geschehen beobachten. Ein Weihnachtslied zu Beginn, als Kontrastprogramm, denn man ist sich vom Gefühl her als Zuschauer sicher, dass da jetzt gleich was Schlimmes passieren muss. Dazwischen ein Score, der von spätestens seit „Psycho“ etablierten hohen Geigentönen geprägt ist. Die wiederkehrende Sicht der Dinge von Jane, wo die Ränder ihres Blickfeldes unscharf wirken, wie bei einem Traum oder als wäre sie in Trance.

Diese Stilmittel sind sicherlich nicht subtil, doch verfehlen sie ihre Wirkung nicht. Man ist sich schon nach kurzer Zeit sicher, dass hier etwas nicht stimmt und etwas Bedrohliches, ständig im Verborgenen zu lauern scheint. Passiert das alles nur in Jane´s Kopf, oder gibt es eine reale Gefahr (abgesehen von der, verrückt zu werden), vielleicht sogar eine übernatürliche? Als Gegenpol funktioniert ansprechend der „normale“ Alltag, wobei auch der kurze Einblick in die Methoden von Therapeuten, durchaus seinen Reiz hat.

Angenehm finde ich auch, dass dies kein schneller Film ist, der von seinen Jump Scares lebt. Kommt es dann aber doch zur Eskalation, sind diese Szenen vor allem zu Beginn und beim Finale ziemlich blutig, was ich in dieser Härte nicht erwartet hätte. Auch der Twist gegen Ende, den habe ich in der Form nicht kommen sehen. Ich persönlich mochte die Auflösung, auch wenn man sicherlich argumentieren kann, dass sich die letzten Minuten, wie aus einem anderen Film anfühlen. Der Schlussspann kommt dann zwar sehr abrupt, auf Grund des eingespielten Weihnachtssongs, musste ich aber einfach nur den Kopf schütteln und grinsen.

An Vinessa Shaw kann ich mich noch durch „The Hills Have Eyes“ erinnern (was auch schon wieder 10 Jahre her ist), seither ist sie mir nie mehr untergekommen. Übrigens ist Aaron Stanford (X-Men 2) in einer Nebenrolle als ihr Freund dabei, er spielte bei den „Hills“ damals ihren Ehemann. Als Jane zeigt sie gekonnt beide Seiten ihrer Persönlichkeit, sowohl die professionelle starke Seite, als auch die zerbrechliche, die Angst hat und an sich zweifelt.

India Eisley (Kite) als Nora wirkt durchgehend irre und verloren, sie strahlt einfach eine unheimliche Unberechenbarkeit aus. Sie wirkt ständig präsent, auch wenn sie gar nicht so oft zu sehen ist. Kevin Rahm (gerade unterwegs in der aktuellen Lethal Weapon Serie) als Alex schließlich, ist der entstellte, schwer traumatisierte Patient, bei dem man ständig befürchtet, dass die Sitzungen mit ihm für die labile Jane, etwas zuviel werden.

Insgesamt daher ein Trip, bei dem man nicht immer seinen Gefühlen trauen kann und schon gar nicht seinen Augen. Technisch bzw. von der Inszenierung insgesamt fühlt sich die Story frisch an und eine ungemütliche Spannung, die sich wie ein Virus festsetzt und ausbreitet, baut sich zu Beginn auf und lässt bis zum Schluss nicht locker. Hinzu kommen Figuren, die von ihren Darstellern als Menschen gespielt werde, bei denen so gut wie keiner, rein weiss oder schwarz einzustufen ist. Wann ist noch mal gleich ein Patient endgültig geheilt? Achja, erst wenn er tot ist!

„Clinical“ bekommt von mir 7,5/10 die Grenzen zwischen Patient und Doktor verschwinden lassende Empfehlungspunkte.


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