Fremd in der Welt – I Don’t Feel at Home in This World Anymore (Filmkritik)

Die Assistenz-Krankenschwester Ruth (Melanie Lynskey) hat ein Problem, denn ihr Alltag, der hauptsächlich aus nichts tun und Bier trinken besteht, ist empfindlich gestört worden. Es wurde nämlich bei ihr eingebrochen und nun fehlt ihr Laptop und auch sämtliche Anti-Depressiva und das Silberbesteck der Großmutter ist verschwunden. Da sie sich von der Polizei im Stich gelassen fühlt, beginnt sie selbst mit der Jagd nach ihren gestohlenen Sachen.

Gemeinsam mit ihrem Nachbarn Tony (Elijah Wood) startet sie los und hält schon bald ihren Laptop wieder in ihren Händen. Als die beiden weitersuchen, kommen sie einer dreiköpfigen Gangster-Truppe (unter ihnen Dez – Jane Levy) auf die Spur, was große Probleme mit sich bringt. Die drei stehen nämlich nicht unbedingt auf Zeugen und sind nicht gerade zimperlich, diese zuerst für ihre Zwecke zu missbrauchen und sie anschließend endgültig zu beseitigen.

Dies ist das Regiedebüt von Schauspieler und Drehbuchautor Macon Blair. Er hat mit seinem Film bereits auf dem Sundance Film Festival 2017 einen Preis gewonnen und mit Netflix einen aufsteigenden Verteiler gefunden, der mit den Vorankündigungen einiger interessanter Projekte inklusive großer Namen, dieses Jahr eindeutig an Einfluss noch dazu gewinnen wird. Der etwas sperrige englische Titel kann ja vom Genre her so gut wie alles bedeuten und so fühlt sich dieses Erlebnis dann auch an, es lässt sich nicht eindeutig einem Genre zuordnen.

Hauptfigur Ruth ist eine Person, die wohl jeder Mensch an manchen Tagen in sich selbst wieder erkennen kann. Im Alltag wird sie übersehen, man drängt sich an ihr vorbei ohne sie wahr zu nehmen. Sie spürt es passt etwas nicht in ihrem Leben, kann aber nicht genau festlegen was es ist bzw. lenkt sie sich lieber ab, als darüber nachzudenken. Im Endeffekt hat sie das Gefühl, das jeder Teenager mal durchlebt – sich wie ein Alien in unserer Welt zu fühlen – niemals abgelegt. Ich habe sie schon nach wenigen Minuten ins Herz geschlossen.

Sie ist der Motor hier und somit wird auch der ganze Film von einer klaren Grundstimmung geprägt, für die die Bezeichnung tragisch-komisch, förmlich erfunden wurde. Gerade noch am grinsen erkennt man schon kurz darauf, dass das für die liebe Ruth jetzt sicherlich nicht sehr lustig war. Fühlt sich durchaus wie ein Spiegel der heutigen Gesellschaft an das Ganze, so nach dem Motto: wenn ich den anderen Menschen übersehe, werde ich selbst mehr gesehen oder wenn ich den anderen schlecht mache, bin ich automatisch besser. Oh ja, das kenne ich auch zeitweise von mir und ich bin nicht stolz drauf.

Die Erzähl-Geschwindigkeit ist passend zur Protagonistin keine schnelle, Ruth stolpert irgendwie immer weiter, während sich das Unheil ungesehen von ihr unweigerlich im Hintergrund aufbaut. Beim Finale geht es dann unerwartet brutal zur Sache, doch irgendwie hat man das Gefühl, dass genau das nötig war. All die emotional ungemütlichen Momente, all die mehr oder weniger passive Aggression, das musste ja fast irgendwann eskalieren. Sämtliche schmunzelnden Reaktionen des Zuschauers dienten zuvor eben nur dazu, die wahre Härte zu überspielen, die zumindest psychisch schon immer in Ruth´s Leben war.

Melanie Lynskey (Ever After) kennen die meisten wohl als Rose aus „Two and a Half Man“. Auch wenn sie bei dieser Serie anders schräg ist, als Ruth ist sie die perfekte Besetzung. Liebenswert hilflos und dennoch für einige Überraschungen gut, so eine Person hat man meiner Meinung nach gerne um sich, denn mit ihr wird es niemals langweilig. Mit Elijah Wood (The Last Witch Hunter) hat sie diese seltsame Buddy-Comedy Chemie, zwei Außenseiter eben, die sich gefunden haben.

Wood hat ein paar der besten Szenen, einfach weil er dank seiner religiösen Gruppe einen ausgeprägten moralischen Kompass hat, dann wiederum bei Konflikten schnell seinen Wurfstern durch die Gegend schleudert. In einer kleinen Nebenrolle steht Jane Levy (Dont´t Breathe) – was die ausgeprägte Form ihrer Kollegen etwas außerhalb der Norm zu agieren – in nichts nach. Sie ist moralisch ambivalent, wirkt ruhelos und seltsam unheimlich. Man spürt irgendwie ganz genau: wenn die ausflippt, dann will man nicht das Ziel ihres Zornes sein.

Insgesamt daher ein Film, auf den man sich einlassen sollte, damit er richtig funktioniert. Dann kann man eine bunte Bandbreite an Emotionen durchleben und wird gleich mehrmals auf Grund der angesammelten skurrilen Momente, ungläubig den Kopf schütteln. Nicht unbedingt ein Film zum immer wieder Ansehen, jedoch einer, der dich mit Hoffnung in den Alltag entlässt, etwas dass man auf Grund der Handlung nicht unbedingt erwartet hätte und nicht nur Ruth nie genug in ihrem Leben haben kann.

„I Don’t Feel at Home in This World Anymore“ bekommt von mir 7,5/10 sich mit der Welt langsam aber sicher irgendwie arrangierende Empfehlungspunkte.


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