An Seiner Seite (Filmkritik)

Charlotte Kler (Senta Berger) kehrt mit ihrem Mann zurück nach Deutschland. Entfremdet von ihrer Tochter und ihrer Enkelin fühlt sie sich jedoch zunehmend fehl am Platze. Es hilft auch nicht, dass ihr Mann Walter (Peter Simonischek), ein berühmter Dirigent, mehr seine Arbeit als seine Frau zu lieben scheint.

Eines Tages läutet es an ihrer Tür und Martin Scherer (Thomas Thieme) steht vor ihrer Tür. Er hätte gern einen Kübel Erde, denn seine Frau, die kürzlich verstorben ist, ist in diesem Haus aufgewachsen und sie hat sich gewunschen, mit einem Teil „Heimat“ begraben zu werden.

Charlotte bittet ihn herein und seine freundliche, charmante und auch ein wenig unbeholfene Art gefallen ihr sehr gut. Relativ rasch, beschließt sie, Kontakt mit ihm aufzunehmen und ihn besser kennenlernen zu wollen …

Ich weiß, ich weiß, ich behaupte immer, es gibt keine guten deutschen Filme und dann komme ich immer wieder mit welchen daher. So auch dieses Mal. „An seiner Seite“ ist eine Produktion, die ich auf ZDF gesehen habe und irgendwie sind meine Frau und ich dann hängengeblieben bei dem Film. Ich glaube, es war die „Senta Berger“-Woche oder so.

Wie dem auch sei: Der Film wirkt in der Beschreibung über weite Strecken wie Standardware und als würden viele Momente die sich an klassische Rosemunde-Pilcher-Kitsch orientieren darin vorkommen. Allerdings – und deshalb bin ich dran geblieben – lösen die Drehbuchautoren Florian Iwersen und Felix Karolus (der auch die Regie übernommen hat) diese meistens anders auf als man es erwarten würde.

Und ein Bruch in der Erwartungshaltung ist ja in meinem Fall meistens der Grund, warum ich bei Filmen dranbleibe. Beispiel: Die scheinbare bzw. gewünschte Wiedervereinigung der Tochter mit der Mutter. Die Mutter, Senta Berger eben, versucht mit der Enkelin in Kontakt zu kommen und übersieht dabei völlig, dass diese eine kleine „Alternative“ (soll heißen umweltbewusst, sparsam, lieber „grün“ als „reich“) ist. Als Charlotte also vorschlägt, dass sie, um besseren Kontakt zu ihrer Enkelin zu bekommen, mit dieser „shoppen geht“, kommt als Reaktion nur ein trauriges Lachen und die Aussage: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie das will“. Diese Szene ist einfach passend, weil sie perfekt zeigt, wie wenig Charlotte über ihre Tochter, über ihre Enkelin und generell über die Jugend der Welt weiß. Sie meint es gut, hat aber keine Ahnung, wie die Welt heutzutage funktioniert. Sie lebt immer noch in der „alten“ Zeit und in der neuen Zeit kennt sie sich schlichtweg nicht aus.

Tatsächlich ist der Film weniger das klassische „Frau fühlt sich von Mann verlassen und sucht sich eine neue Liebe, findet sich, verwirklicht sich und alles wird gut“, sondern geht in eine völlig andere Richtung. Denn es geht nicht darum, dass Charlotte sich irgendwie endlich verwirklicht, sondern tatsächlich bemerkt Charlotte nach und nach, dass die Welt sich völlig verändert hat – und sie hat es nicht mitbekommen. Das zeigt sich auch in der Beziehung zu Martin, der entgegen meiner Erwartung kein Love-Interest ist, sondern jemand, der genauso verloren ist, wie Charlotte. Und in der Auseinandersetzung mit ihm findet sie letztlich heraus, wer sie eigentlich ist und was sie eigentlich will. Das hat wenig mit dem kitschigen Pathos anderer Produktionen dieser Art zu tun, sondern passiert auf eine völlig natürlich Weise.

Auch die Reaktionen von Martins Tochter auf die Anwesenheit dieser neuen Frau ist erstaunlich ehrlich: Wut und Zorn über den Vater, der sich quasi „gleich die Nächste sucht“ und die hilft dann sogar noch die alten Kleider von Mama zur Kleiderspende zu packen. Dabei tut sie das nur, weil Martin es einfach nicht schafft.

Ich fand all die Auflösungen dieser verflochtenen Beziehungen und Erwartungen und Befürchtungen absolut gelungen. Sicher, ein paar der Charaktere sind nur kurz dabei und im Grunde nur Stichwortgeber*innen für bekannte Situationen, die dann eben anders als erwartet gelöst werden, aber das macht die Emotion dahinter nicht weniger greifbar, denn es sind Situationen die man absolut nachempfinden kann. In diesem Fall gilt für diese Charaktere tatsächlich „weniger ist mehr“.

Und das Ende des Films hatte ich so nicht erwartet, denn einerseits endet der Film absolut abrupt und ich war kurz ein wenig sprachlos, dass man da jetzt aufhört. Aber schon im nächsten Moment dachte ich mir: „Das ist das perfekte Ende.“ Alles irgendwie offen, aber tatsächlich alles geklärt. Das klingt paradox, trifft es in diesem Fall definitiv.

Schauspielerisch gibt sich niemand eine Blöße, wenn auch klar Senta Berger (Muss man zu der Dame viel sagen? Wer kennt sie nicht?) die Nummer Eins darstellt. Thomas Thieme („Der Untergang“, „Männersache“, „Babylon Berlin“) als Martin ist ebenfalls perfekt gecastet und Peter Simonischek („Der achte Tag“, „Toni Erdmann“) füllt seine Rolle quasi im Vorbeigehen mit Autorität und Würde. Wirklich, wirklich rundum gelungen.

Was soll ich noch sagen, außer: „Ich sehe dich.“

„An seiner Seite“ bekommt von mir 9 von 10, unerwartet mitreissende, Punkte.

PS: Für den Trailer auf die YouTube-Seite klicken, bitte.


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