Wind River (Filmkritik)

Es herrscht tiefster Winter im Indianerreservat Wind River in Wyoming, als der Profi-Fährtenleser und für den örtlichen Wildbestand zuständige Cory Lambert (Jeremy Renner), die Leiche eines erfrorenen einheimischen Mädchens im Schnee findet. Sie war barfuss unterwegs, weit und breit keine Spur irgendeines Fahrzeuges und ihr Hose in der Leistengegend, weist Blutspuren auf.

FBI-Neuling Jane Banner (Elizabeth Olsen) wird für diesen Einsatz abberufen und sieht sich schon bald, mit einer scheinbar unlösbaren Situation konfrontiert. Einerseits gibt es hier so gut wie keine Personalressourcen, anderseits herrschen in dieser trostlosen Gegend eigene, raue Sitten. Schnell kommt sie zu der Einsicht, dass sie ohne die Hilfe des erfahrenen Cory, keine Chance hat diesen Fall zu lösen.

Taylor Sheridan der als Darsteller bereits in zahlreichen Serien mitgespielt hat, ist vor allem bekannt für seine gefeierten Drehbücher zu Sicario und Hell or High Water. Nach sechs Jahren Pause hat er nun seinen zweiten Film als Regisseur abgeliefert und auch die Story stammt wieder aus seiner Feder. Für alle Bevölkerungsgruppen gibt es eigene Statistiken über sämtliche Vermissten. Bis auf die sogenannten „Native Americans“, da ist die Zahl unbekannt. Das war laut Sheridan auch der Hauptgrund, diese Geschichte zu schreiben und das „Inspired by true events“ Insert am Anfang des Filmes, steht für die tausenden ungelösten, wahren Verbrechen.

Das Knirschen des Schnees, das Pfeifen des Windes. Scheinbar endlose Schneelandschaften. Eine gewisse Schwere liegt in der Luft und die Kälte, spürt man als Zuseher förmlich in seinen Knochen. Sheridan spart auch nicht mit Symbolik, gleich von der ersten Szene an, in der Jäger Cory, eine Herde Schafe vor den bösen Wölfen beschützt. Es ist sein Job, doch wie persönlich dieser ist, erfährt man im Laufe der Handlung. Überhaupt finde ich den Umgang mit emotionalem Schmerz hier sehr intensiv.

Ja, es wird sehr viel darüber gesprochen, doch in welcher Form, ich würde fast sagen (ohne jetzt kitschig sein zu wollen, denn das ist das Letzte Gefühl, dass ich mit diesem Film verbinden würde) es entbehrt nicht einer gewissen Poesie. Außerdem gibt es dann auch die noch stärkeren Szenen und in denen wird gar nicht gesprochen. Eine Umarmung, sich ausweinen, tief durchatmen oder einfach nur gemeinsam ins Leere schauen. Ich bin kein Freund von Dramen in filmischer Form, doch hier konnte ich sehr gut mitfühlen, ohne wegschauen zu müssen.

Die Handlung wird trotz oder gerade wegen diesen ruhigen Momenten ständig weiter voran getrieben, bis sie sich schließlich in einem gewalttätigen Finale entlädt. Das alles eingefangen von einer Cinematographie, die ich nur – nicht nur auf Grund der Kälte – als atemberaubend bezeichnen würde. Schön ist auch die Art und Weise, wie mit dem sich aus Avengers kennenden Gespann Renner und Olsen umgegangen wird. Beide werden ebenbürtig präsentiert und sie lernen von einander. Wo ihr die Erfahrung fehlt, fehlen ihm teilweise Umgangsformen. Sie wachsen sozusagen durch den gegenseitigen Kontakt und das ganz ohne eine unnötige und auch unpassende Liebesbeziehung.

Jeremy Renner (Arrival) als Cory hat diese stoische, von Schmerz geprägte Ausstrahlung, die ihn interessant und gleichzeitig auch leicht unheimlich macht. Seine Aktionen und Worte sind trocken und direkt, er ist effizient was die Lösung des Falles betrifft doch auch dazu fähig, über intime Dinge zu reden bzw. anderen damit zu helfen. Endlich wieder mal eine Rolle in der er zeigen kann, dass er mehr ist als nur der Nebendarsteller in Blockbustern (obwohl er auch das sehr gut macht).

Elizabeth Olsen (Godzilla) als Jane ist da das ziemliche Gegenteil. Sie ist neu in diesem Job und noch relativ unvorbelastet. Aber sie ist kämpferisch, lässt sich nicht beirren und will das Richtige tun. Von der Tatsache, dass sie völlig unvorbereitet ist und auch nicht grade freundlich aufgenommen wird, lässt sie sich nicht einschüchtern. Eine starke Dame also und so wird sie von Olsen auch gespielt. In Nebenrollen ergänzen Altstar Graham Greene (Die Hütte) als Polizist und Jon Bernthal (Baby Driver) als Bauarbeiter das einnehmende Duo.

Insgesamt daher sicher kein Film, der einen wörtlich „aus den Socken haut“, jedoch eindeutig einer, der genau erkannt hat, was nötig ist um zu überleben. Ich finde den direkten und ehrlichen Umgang mit Emotionen ohne jeglichen Zynismus einfach unheimlich erfrischend und die Inszenierung ist derart erwachsen und kommt ohne Spielereien aus, so dass es fast schon wieder wie eine Abwechslung zum sonstigen Alltag wirkt. Wenn sich Selbstjustiz wie Gerechtigkeit anfühlt, dann ist ein Film genial darin seine Inhalte zu vermitteln, sowohl was dieses Gefühl betrifft als auch darin zu zeigen, dass Ureinwohnern in den USA, noch immer nur genau diese bittere Lösung zur Seite steht.

„Wind River“ bekommt von mir 8/10 die schönen Momente als Lichtblicke in alle dem Grauen im Gedächtnis behaltende Empfehlungspunkte.


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