Unearth (Filmkritik)

George Lomack (Marc Blucas) betreibt mitten im Nirgendwo eine Autowerkstatt, die allerdings mittlerweile nicht mehr wirklich läuft. Das ist ein Problem, da er seine beiden Töchter alleine großzieht und noch dazu ein Enkelkind im Haus ist.

Die Nachbarin Kathryn Dolan (Adrienne Barbeau) ist Farmerin, die von ihrem Sohn und dessen Frau, sowie ihrer Tochter (Allison McAtee), die eigentlich Fotografin werden möchte, ihre Farm betreibt.

Nachdem George keinen anderen Ausweg mehr sieht, kommt ihm das Angebot einer Ölbohrfirma gerade recht, denn er braucht das Geld dringend und sie bieten das sechsfache von dem, was Kathryn ihm für die Felder bietet.

Als wäre das nicht genug, scheint die Bohrung im Grund beträchtliche Nebenwirkungen nach sich ziehen, deren Auswirkungen erst nach und nach schlagend werden … dann aber so richtig …

Die Autoren John C. Lyons und Kelsey Goldberg haben es sich nicht leicht gemacht und in ihrem Öko-Horror (mit dem coolen und treffenden Untertitel „A fracking horror story“ – wer es nicht weiß: Fracking ist eine sehr umstrittene Methode Öl und Gas aus dem Boden zu gewinnen, die scheinbar mehr Umweltschäden verursacht als alles andere) durchaus absolut menschliche Themen in den Vordergrund gestellt. Das schlägt sich darin nieder, dass die erste Stunde des Films mit den Figuren, ihren Sorgen und Ängsten und ihren Verbindungen zueinander verbracht wird. Das könnte jetzt extrem spannend sein, aber Tatsache ist: Man bekommt eine Stunde lang Menschen präsentiert, die allesamt aufgrund von äußeren Umständen, inneren Zwängen, Sturheit und doch auch Fehlentscheidungen auf den Abgrund, nun, nicht zurasen, aber zumindest in dessen Richtung schlendern.

Marc Blucas George zum Beispiel kämpft mit einem Alkoholproblem, einer Affäre mit der jungen Nachbarin, seiner jüngsten Tochter, die einen Enkel bekommen hat, auf den er immer wieder achtgeben soll und auf seine zweite Tochter, die psychische Probleme hat. Da kommt einiges zusammen. Und dann auch noch seine Werkstatt, die – gelinde gesagt – den Bach runter geht. Es muss also Geld her, denn die Stimmung ist ziemlich deprimierend.

Auch bei den Nachbarn, den Dolans, ist nicht alles eitel Wonne, denn das Geschäft mit den Ernteerträgen geht zurück, die Preise sind im Keller, man müsste die Farm von George dazu nehmen, dann hätte man vielleicht wieder Erträge, die was bringen würden. Spannungen zwischen Sohn Tom (P. J. Marshall) und ihrer Tochter Christina (McAtee) machen das alles auch nicht leichter.

Die erste Stunde beschäftigt sich also mit Zuständen der menschlichen Depression und es wird, auch in der Farbgebung der Kameraarbeit und den Lichtstimmungen, fast ein Endzeit-Szenario beschrieben.

Das zieht sich durchaus eine Weile. Wer also einen Horrorfilm erwartet, der oder die braucht viel Geduld. Erst im letzten Drittel kommt die Sache mit dem Horror in Schwung und dann geht es rund fünfzehn Minuten auch wirklich rund. Allerdings auf eine Art und Weise gefilmt, die ich ziemlich anstrengend fand und mit mehr Fragen aufwerfend als beantwortend.

Ja, wenig überraschend (ich werf mal ein kurzes „Spoiler“ ein) wird beim Bohren ein Pilz (oder Sporen) freigesetzt, welche beide Familien infizieren, aber die Auswirkungen sind breit gefächert. Während eine Person zum Beispiel selbst zum Pilz mutiert (über Nacht quasi) dreht eine andere durch und hört Stimmen und so weiter. Also alles in allem ziemlich wirr. Noch dazu werden Szenen teilweise nicht aufgelöst. Eine Person flüchtet vor einer anderen, aber was mit dieser passiert, sieht man nicht. Ein Polizist springt (infiziert) in ein Auto und fährt weg – wohin und was passiert? Man weiß es nicht. Also ist das Drehbuch da genauso verwirrend wie die Wackelkamera, die eingesetzt wird. Und dann ist es einfach … vorbei. Einblendung: „Ein Jahr später“ oder so.

Fand ich schräg, find ich immer noch schräg und hat mir das Gefühl gegeben, dass ich jetzt eine Stunde lang wohin geführt wurde, wo die Macher:innen selbst nicht genau wussten, was das dann ist. Die Message in Ehre, das Sich-Zeit-nehmen in Ehren, aber irgendwie … nein, das ist so nicht stimmig gewesen.

Was ich noch erwähnen möchte, ist das der Body-Horror am Ende mit einer extrem harten Szene bezüglich Georges Enkelkindes seinen Anfang nimmt. Und das war schon hart anzusehen. Man weiß als Zuseher:in ja, dass das nicht gut ausgehen wird, aber zu sehen, wie die Mutter versucht, ihrem Sohn ein Fläschchen zu trinken zu geben, der es aber nicht haben will – während wir wissen, dass das Kind die richtige Idee hat: Trink es nicht! – das ist starker Tobak, wie ich finde. Aber ihr wisst ja: Ich halte es ganz schlecht aus, wenn Kindern in Filmen was passiert (im echten Leben auch nicht übrigens).

„Unearth“ ist in seiner Idee gut, in seiner Figurenzeichnung fatalistisch und in der Umsetzung extrem langatmig, nur um am Ende dann gestresst zu sein. Irgendwie hat man das Gefühl, dass da mehr drin gewesen wäre.

Die härteste Szene im Film ist übrigens jene, als George die erste Abrechnung der Ölbohrfirma bzgl. der Nutzung seines Landes bekommt: Aus dem Schreiben geht nämlich hervor, dass George sich von den Anwälten hat über das Ohr hauen lassen, weil diese Firma George gefühlt dutzende Pauschalen und anfallende Kosten verrechnen kann, was dazu führt, dass er quasi was nachzahlen müsste. Er hat also sein Land zerstört und seine Familie ins Unglück gestürzt ohne irgendetwas dafür zu bekommen oder davon zu haben (von Staub, Lärm und so Dingen mal abgesehen).

„Unearth“ bekommt 5 von 10 möglichen, eher schwache, Punkte.


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