Mulan (2020 Filmkritik)

Es ist soweit. Der Krieg steht vor der Tür und jede Familie muss einen Kämpfer in die Reihen der kaiserlichen Armee entsenden. Für Mulan (Yifei Liu) bedeutet das, sie wird sich die Rüstung und das Schwert ihres Vaters holen und an seiner Stelle die Reise antreten, denn er ist seit dem letzten Krieg verletzt und er würde mit Sicherheit nicht vom Schlachtfeld zurückkommen.

Das ist insofern ein Problem, weil es in der chinesischen Armee ein klares Credo gibt: Wer mit Frauen interagiert wird exekutiert. Wer Frauen mit ins Camp nimmt wird exekutiert. Wer lügt (vor allem im Zusammenhang mit dem oben erwähnten Geschlecht) wird unehrenhaft entlassen (und danach vermutlich exektuiert).

Also muss Mulan ihr Geschlecht verbergern, einen Mann spielen und noch dazu aufpassen, dass sie sich nicht verrät, denn das Chi ist stark in ihr und sie ist in Wahrheit eine Superheldin …


(C) Disney.

Das ist also der mehrfach aufgrund von Corona verschobene und später als Stream veröffentlichte neue Mulan-Film, auf den Disney so stark gesetzt und die Erwartungen nach oben getrieben hat. Keine Ahnung, wie hoch das Einspielergebnis war, aber ich kann euch eines garantieren: Er ist nicht wirklich gut.

Man merkt vielleicht meiner letzten Bemerkung in der Zusammenfassung weiter oben an, dass ich den Film einfach nicht ernst nehmen kann, denn er nimmt weder sich selbst noch seine Message ernst. Und das ist ein ziemliches Problem, denn sehr viel mehr hat der Film, von tollen Bildkompositionen abgesehen, nicht zu bieten.

Ich werde mich hüten, diesen Film mit dem Zeichentrickfilm des selben Namens von derselben Firma zu vergleichen (Spoiler: Die Realverfilmung stinkt mächtig ab im Vergleich), denn der aktuelle Realfilm ist auch völlig auf sich allein gestellt nicht wirklich gut und verschenkt unglaublich viel Potential.

Fangen wir mit den positiven Aspekten an: Die Bildkomposition ist gut. Die Musik ist zum großen Teil gut. Donnie Yen spielt mit und … und … tja. Okay. Das war’s. Hm. Hätte jetzt im ersten Moment gedacht, dass mir da mehr einfällt, aber irgendwie … ich überlege wirklich angestrengt, aber … hm … nein. Da kommt nichts mehr.

Und das ist das Problem des Films: Er ist absolut belanglos und schlichtweg nicht gut durchdacht. Die Effekte sind teilweise gut und teilweise erschreckend schlecht (der auftauchende Phönix zum Beispiel sieht absolut daneben aus. Von der Qualität des Effekts als auch vom Design her). Die Kampfszenen sehen im Trailer aus, als wären sie episch und großartig, tatsächlich wirken sie nur deshalb so, weil man die Schnittfolgen in den Schlachten/Kämpfen nicht mitbekommt. Das sind diese klassischen Kämpfe, bei denen man im Hintergrund sieht, wie die „Bösen“ darauf warten, dass die „Guten“ den Gegner vor ihnen fertigmachen, damit sie an die Reihe kommen. Oder Gruppenkämpfe, bei denen man sich unweigerlich fragt, was das denn soll? Person A drückt einen Gegner an die Wand, führt dann einen Dialog mit jemand anderem, und kämpft dann weiter. Und die ganze Zeit über wartet der Gegner in einer Position, in der er locker – gerade wenn das Gegenüber abgelenkt ist – ausbrechen hätte können. Da kommt einfach keine Spannung auf. Vom meistens missglückten Einsatz der Sprungkabel will ich jetzt nicht mal anfangen. Und der Grund warum man bei „Spezialmanövern“ von Mulan so oft schneiden muss ist mir nicht klar, vor allem dann nicht, wenn die Continuity nicht zusammenpasst und abgehakt wirkt. Das wäre mit ganz wenig Aufwand ganz viel besser gegangen. Sogar die Kampfszenen der Gestaltwandlerin sind zwar cool choreographiert, aber einfach schlecht umgesetzt und geschnitten.

Und das Drehbuch … das ist mal eine Sache, die ich spannend finde. Mulan ist ja per Definition ein „Frauenpower“-Film. Das liegt schon in der Natur der Sache, dass es a) ein moderner Disneyfilm und b) ein moderner Disneyfilm (die Wiederholung ist kein Fehler sondern Absicht) ist. Und das ist okay. Ich gucke mir ja auch keinen „John Wick“ an in der Erwartungshaltung, dass die Message jetzt „Halt auch die andere Backe hin“ ist.

Was hier jedoch geliefert wird ist ganz einfach Mist. Einerseits ist das Thema der Unterdrückung von Frauen allgegenwärtig und ziemlich plakativ (erneut: Passt ja auch zum Film) und man muss den Macher*innen zugute halten, dass nicht jeder Mann, der im Film vorkommt automatisch ein schlechter Mensch ist (lacht nicht, das kommt vor, siehe „Black Christmas„-Remake. Das ist allerdings eine sehr niedrige Anforderung, wenn ich das anmerken darf). Tatsächlich kommt der Teil oben (Umgang mit Frau = Todesstrafe) im Film vor, wird jedoch nie in einer Form erzählt, der irgendwie Spannung aufkommen lässt, der nie wirkt als könnte Mulan irgendetwas passieren, sondern im Gegenteil auf billige Witze setzt. Ein Beispiel:
Der Bettnachbar von Mulan dreht sich im Schlaf und umarmt seinen Bettnachbarn. Als er sich in Richtung Mulan dreht und sie umarmen will reagiert sie blitzschnell und hält ihre eigene Hand zwischen die Hand des Bettnachbarn und ihre Brüste, damit er nicht merkt, dass sie eine Frau ist. Das wirkt in Kombination mit Mulans Mimik wie ein Witz. Dass dieses Bild eine doppelte Bedeutung haben kann (unbewusste sexuelle Belästigung oder eben die Gefahr einer Entdeckung) bleibt völlig außen vor. Da haben die Macher*innen wohl nicht gewusst wo sie hinwollen.

(C) Disney.

Das zweite ist, dass Mulan sich nicht behauptet, weil sie trainiert und sich ihren Platz ganz einfach verdient, sondern weil sie schon seit Kindheitstagen einfach eine vor lauter Chi (oder „ch’i“) überbordende Superheldin ist, die eigentlich nicht als „Frau“ auftritt, sondern eben als genau diese „Superheldin“, die halt ihre Begabung verstecken muss. Das ist keine Allegorie auf den Alltag oder auf eine Mann/Frau-Dynamik. Das ist nicht mal Frauenpower. Das ist X-Men. Du bist ein Mutant. Du bist anders als der Rest.

Und die gesamte Inszenierung unterstreicht das noch dermaßen platt, dass mir irgendwann nur noch ein Gähnen ausgekommen ist. Klar muss Mulan sich bevor sie in die Schlacht reitet noch schnell die Haare aufmachen, damit sie im Wind wehen. Was auch sonst (Mir ist die Symbolhaftigkeit der Geste schon klar, aber es ist genauso unpassend wie „diese eine“ Szene in „Pakt der Wölfe„)? Klar muss sie mit der bösen „Hexe“ reden und ihr sagen, dass sie nicht böse ist, sondern nur missverstanden. Klar muss die Hexe mehrmals betonen, dass sie ja total gerne gut wäre, aber niemand hat ihre besonderen Fähigkeiten akzeptiert und drum hat sie halt jetzt die Seiten gewechselt (und wird von ihrem „Team“ wie Dreck behandelt). Ich verstehe den Konflikt und die Parallelen zwischen den Figuren, den die Drehbuchautor*innen da ansprechen wollten, aber … sorry, Leute. Das funktioniert so plump nicht.

Aber das alles kann man leicht verzeihen, denn sind wir ehrlich: Mulan ist ein Film für das junge Publikum. Die sehen das nicht so eng, die verstehen, was gemeint ist und die fühlen sich „empowered“, weil ja jedes Mädchen insgeheim „Mulan“ sein möchte. Passt auch. Soll so sei. Kein Thema.

Dann würde mich jedoch interessieren, warum niemand während der Produktion eine Entscheidung gefällt hat, welche Art Film das hier sein soll und für welches Publikum er sein soll?
A) Ein Kriegsfilm mit einer Heldin, die sich aufgrund ihres Könnens und ihres Mutes als Anführerin entpuppt?
Mission fehlgeschlagen: Es ist kein Kriegsfilm. Und keinesfalls ein guter (siehe die Szenenbeschreibung der Kämpfe weiter oben). Und Mulan ist ja von Anfang an die Superheldin, sie wurde ja nur missverstanden (und hat offenbar mehr Erfahrung in Kriegstaktik als ihr dekorierter Heerführer). Zusätzlich gilt ihr Erfolg ja erst nachdem er von den Männern auch als solcher bestätigt wurde. Wow. Was für Frauenpower (Das war Sarkasmus). Und wenn ich das mal so sagen darf: Mulan macht meiner Ansicht nach im Film keine Entwicklung durch. Absolut keine. Die Tatsache, dass sie übrigens nicht in die Schlacht reitet um ihren Vater und respektive ihre Familie zu retten, sondern weil sie einfach kämpfen will („Eine Frau gehört hinter den Herd und nicht an die Front!“ – „Aber Papa, ich bin eine Kriegerin!“ – „Kann nicht sein. Du bist eine Frau.“) ist da schon gar nicht mehr wichtig, nimmt der Figur jedoch (in meinen Augen) einen großen Teil ihres Charmes. Diese Mulan tut nicht, was sie tun muss, um ihre Familie zu retten, sondern sie macht es, weil sie sich prügeln will und nimmt die Rettung ihrer Familie nur als Vorwand. Das ist einfach ein völlig anderer Zugang.

Oder wollten sie
B) einen witzigen, unterhaltsamen Film mit einer Heldin, die ihren eigenen Kopf hat und die bemerkt, dass Männer auch nur schüchterne und unsichere Menschen sind, die eine Blamage vor dem anderen Geschlecht mehr fürchten als den Krieg?
Mission: Ebenfalls fehlgeschlagen. Denn dann frage ich mich, warum die ernsten Untertöne? Warum die Szene mit „Umgang mit Frauen = Tod“? Warum brutale Schlachten (in denen Dutzende Menschen mit Schwerten und Pfeilen in der Szene getötet werden, aber alles bleibt steril und Blut gibt es scheinbar nicht in China)? Warum Felder von Toten nach der Schlacht? Warum ist kein einziger anderer Charakter im Film irgendwie relevant? (die Kumpels, die Mulan in der Armee findet … ihr kriegt eine Kiste Bier/Minerlwasser/was auch immer von mir, wenn ihr euch fünf Minuten nach dem Film noch erinnern könnt, wie viele das waren und ich schenke euch jedes Monat eine Flasche Sekt dazu, wenn ihr es nach 10 Minuten noch schafft mir auch nur einen einzigen Namen zu nennen). Was ist mir ihrem „Love interest“? Ist der bisexuell? Der steht doch auf Mulan, völlig egal, ob das ein Mann oder eine Frau ist. Und das ist völlig okay, missversteht mich nicht, aber was trägt dieser Charakter zur Handlung bei? Außer mir zu sagen, dass Filmemacher*innen alle total modern und weltoffen sind (was mir völlig schnuppe ist)? Der Typ ist für die Message/Geschichte völlig irrelevant. Warum kommt der überhaupt in dieser Funktion vor (Übrigens muss dieser Typ natürlich erst sagen, dass er Mulan glaubt, bevor die anderen Männer das auch tun … unsere Superheldin muss also auch hier erst von einem Mann bestätigt werden … aber das nur am Rande). Da gibt es übrigens eine „nette“ #MeToo-Geschichte zu dem Charakter, aber dazu müsste ich jetzt den alten Zeichentrickfilm erwähnen, aber das mache ich nicht (Hach, also gut: Im Zeichentrick lernen sich Mulan und ihr Vorgesetzter kennen und lieben. In Zeiten von #MeToo geht das scheinbar nicht, weil Mitarbeiterin + Vorgesetzter = „Hochschlafen“ bzw. unangemessenes Verhalten am Arbeitsplatz bzw. Ausnutzen eines Autoritätsverhältnisses und so weiter. Also wurde die andere Figur aka Love Interest (ich weiß den Namen wirklich nicht mehr) in den Realfilm eingebaut, weil er auf „gleicher hierachischer Ebene“ wie Mulan steht und da ein Techtelmechtel okay ist. Dass muss man sich mal durch den Kopf gehen lassen … Wer den Zeichentrickfilm kennt: Wäre jemals jemand auf die Idee gekommen, dass Mulan ausgenutzt wird? Oder sich „hochschläft“? Da ist doch die ganze Zeit über klar, wie verschossen die beiden ineinander sind. Liebe Welt: Es hängt nicht immer nur vom „was“ ab, sondern auch auch vom „wie“.).

Das passt in dieser Form alles einfach nicht zusammen.

Was kein Thema wäre, wäre der Film zumindest gut gemacht, aber durch die schlechten Schnitte bei der Action, die schwache Regie in dramatischen Momenten und die mal-so-mal-so-Effekte bleibt der Film auch in hirnloser Berieselung einfach nur schwaches Mittelmaß. Sicher: Von der Bildkomposition her gibt es ein paar Stellen(!) an denen man auf Pause drücken und die Szene ausdrucken und als Poster an die Wand hängen könnte, keine Frage. Aber das reicht halt leider nicht für einen guten Film.

Von den Schauspieler*innen will ich gar nicht groß anfangen, denn die haben entweder (Donnie Yen, Jet Li) nichts zu tun, oder sie haben (Yifei Liu) nichts zu tun (erneut: Die Wiederholung war Absicht).

In meinen Augen liegt das Problem wirklich bei der Regie (Niki Caro), dem Drehbuch (Rick Jaffa, Amanda Silver, Elisabeth Martin und Lauren Hynek), dem Schnitt (David Coulson) und natürlich bei der Produktionsfirma Disney selbst. Leute, entscheidet euch, welchen Film ihr machen wollt. Das kann ja nicht so schwer sein. Man muss die „Star Wars“-Fehler nicht immer und immer wieder wiederholen.

Schade. Wirklich schade.

Und das Paradoxe daran: Wer wissen will, wie man diesen Film absolut stimmig, witzig, tiefgründig und mit einer absolut großartigen, selbständigen und auch heute noch als Vorbild funktionierenden Figur der „Mulan“ machen hätte können, der/die guckt sich „Mulan“ aus dem Jahre 1998 an. Interessanterweise aus einer Zeit, in der man noch nicht „woke“ war und der trotzdem den Geist der Emanzipation um so viel besser, leichter und unbeschwerter einfängt als das aktuelle Machwerk. Ja, jetzt kam er doch noch, der Vergleich.

„Mulan 2020“ bekommt von mir 5 von 10 möglichen, weder durch das Drehbuch noch die Machart noch die Message überzeugende, Punkte.


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