13 Reasons Why aka Tote Mädchen lügen nicht – Staffel 1 (Serienkritik)

Hannah Baker (Katherine Langford) hat sich das Leben genommen. Sie hat sich in die Badewanne gesetzt und mit Rasierklingen ihre Pulsadern aufgeschnitten. Davor hat sie noch 13 Kassetten besprochen. Für jeden Menschen, der sie zu diesem Schritt geführt hat, gibt es eine Kassette. Und erst am Ende der 13 Erzählungen wird das Bild vollständig sein und der Weg in den Suizid klar nachgezeichnet.

Clay Jensen (Dylan Minnette) kommt ebenfalls auf einer dieser Kassetten vor. Als er die Bänder bekommt, stürzt ihn das in eine tiefe Sinnkrise. Dass sein Freund Tony (Christian Navarro) noch dazu derjenige ist, der von Hannah beauftragt wurde, dafür zu sorgen, dass alle Betroffenen die Kassetten auch hören, macht ihn noch viel nervöser.

Denn Clay war in Hannah verschossen. So richtig nämlich. Die beiden waren auf einer Wellenlänge und eigentlich hätte es ein Happy-End geben müssen. Wenn nicht ein paar Dinge ein klein wenig und ein paar andere Dinge so richtig schiefgelaufen wären …

Was hat diese Serie nicht für Wirbel gesorgt. Da gibt es eine Serie, die quasi Suizid propagiert. Netflix hatte sich da sehr tief in die Nesseln gesetzt. Und jetzt? Jetzt haben wir drei Staffeln und die vierte ist bestätigt. Es kräht kein Hahn mehr danach.

Tatsache: Die erste Staffel der Serie ist wirklich spannend (und hätte ihre Geschichte auch fertig erzählt).

Tatsache: Kurz vor Ende sieht man sehr genau und drastisch, wie Hannah sich das Leben nimmt (angeblich hat Netflix die Szene mittlerweile gekürzt, was ich aus Gründen – siehe weiter unten – nicht gut finden würde).

Tatsache: Dass Hannah sich das Leben nimmt ist ihre eigene Entscheidung.

Tatsache: Der Weg, der sie bis zu diesem Punkt führt ist voller Missverständnisse, Teenage-Angst, klassischen Jugenddramen und einem unglaublich hohen Anteil an fehlender Kommunikation.

Das gleich mal vorweg. Ich fand diese Serie bzw. diese Staffel ziemlich großartig. Ohne jetzt auf irgendwelche Spoiler einzugehen fand ich, dass es der Serie (die auf einem Buch beruht) sehr gut gelingt, die vernetzten Welten von Jugendlichen darzustellen. Da geht es ums Image, da geht es um Rufmord, da geht es um reiche Eltern, Geld und Ansehen. All das komprimiert in ein Schulhaus, in dem die Sportler die coolen Jungs sind und die Mädchen in deren Augen im besten Fall Sexobjekte.

Alkohol. Party. Jungs, die nicht wissen, was ein „Nein“ bedeutet oder noch schlimmer: Jungs, die sich an Mädchen vergehen, die dermaßen betrunken sind, dass sie nicht einmal mehr „Nein“ sagen können. Gehen die Mädchen damit an die Öffentlichkeit, dann sind sie „Schlam*en“ oder es werden ihnen Fragen gestellt wie „Warst du zu aufreizend gekleidet? Bist du sicher, dass er dein ‚Nein‘ überhaupt gehört hat?“ und so weiter. Das ist keine Fiktion, dass kann man in vielen Dokumentationen und Berichten nachlesen. Opfer-Täter-Umkehr nennt man das und die Tatsache, dass ich diesen Begriff nicht erklären muss und er mittlerweile selbst im Boulevard-Medien verwendet wird, zeigt, wie sehr diese Dinge mittlerweile thematisiert werden (ob auch was verändert wird ist eine andere Frage).

Das ist zum Beispiel auch ein Thema, welches in „13 Reasons Why“ auftaucht. Die Vorgehensweise des Vergewaltigers ist ähnlich der oben beschriebenen. Es gibt kein Schuldbewusstsein. Es gibt nur ein „Das ist mein Recht. Ich weiß du willst das, auch wenn du denkst, du wolltest es nicht.“ Das ist drastisch und der Umgang mit diesem Thema, auch vor sich selbst – inklusive der Fragen: Was mache ich? Wie gehe ich damit um? Wem erzähle ich es? Erzähle ich es überhaupt? Wer wird mir glauben? – ist an sich schon nicht leicht und wird vom Umfeld im Regelfall nicht erleichtert. Im Fall von „13 Reasons Why“ ist es sogar so, dass die Betroffene zuerst überhaupt nicht glauben will, was ihr da eigentlich passiert ist.

Es ist also so, dass diese Staffel der Serie starke Themen beinhaltet und diese auch sehr drastisch zeigt. Stimme ich mit allen Aussagen über Schuld und Unschuld, die in dieser Serie getroffen werden, überein? Nein. Sicher nicht. Das ist aber auch nicht Sinn der Sache, denn – das muss man der Staffel zugute halten – es gibt mehrere Standpunkte. Es gibt kein „richtig“. Es gibt nur ganz viele „falsch“ und ein paar der „falsch“ haben zumindest die Nebenwirkung, dass die Chance auf Strafe für den/die Täter gegeben ist, wenngleich das auch bedeutet selbst zur Zielscheibe einer Öffentlichkeit zu werden, die aus Prinzip zu den erfolgreichen, reichen Jungs hält. Ich finde das positiv, denn es zwingt die Zuseher*innen sich selbst zu postitionieren. Sich selbst die Frage zu stellen, was sie für eine gute Vorgehensweise halten würden. Sich selbst zu überlegen, ob es überhaupt einen „guten“ Weg gibt und wenn ja, wie dieser aussehen könnte und ob er im „echten Leben“ eigentlich funktionieren könnte.

Kontroverse Themen, die von mehreren Seiten beleuchtet werden und Seher*innen zwingen, selbst nachzudenken? Find ich gut. Ich habe auch auf mehreren Seiten und Kritiken gelesen, also auch von jungen Menschen/Mädchen gehört, dass sie zB die Entscheidung von Hannah nicht verstehen können, denn sie hätte sich (viel früher und viel öfter) wehren können, hätte dieses oder jenes machen können. Die die Frage in den Raum stellen, was ein Suizid für einen Sinn habe, denn das mache ja nichts für niemanden besser und lasse die Täter mehr oder minder davonkommen. Und weitere ähnliche Aussagen. Das freut mich. Dann es zeigt mir, dass die Generation, die da heranwächst sich Gedanken macht und sich nicht davor scheut Missstände anzugehen. Natürlich nicht alle. Aber alles fängt klein an.

Eine der Fragen aus der Öffentlichkeit als die Serie rauskam, war, ob es notwendig ist den Suizid von Hannah so detailliert und drastisch zu zeigen? Ich finde JA. Weil man an diesem Punkt der Serie schon weiß, was ihr alles passiert ist und Hannah selbst die „romantische“ Vorstellung hat, dass ihr Suizid irgendeinen Sinn hätte. „Ich bringe mich um und dann ist alles besser.“ oder „Ich bringe mich aus Rache an euch/meinem Peiniger um“, denn dann geht es ihm/ihnen schlecht. Gedanken, die sinnfrei sind. Auch das zeigt die Serie sehr gut, denn der Peiniger hat kein Mitgefühl. Dem ist es egal, ob das Opfer lebt oder stirbt. Suizid bringt nur eines: Trauer für alle rundherum, die diesen Menschen geliebt haben. Auch das kommt, wie ich finde, sehr gut rüber. Man hinterlässt nichts Gutes. Und es nichts, absolut überhaupt nichts, Romantisches daran. Zu zeigen, wie brutal ein Suizid ist, wie blutig, wie schmerzhaft – ich fand es gut und ich fand es auch gut, dass es absolut „entmystifiziert“ wird. Warum gerade diesen Teil verharmlosen und alle anderen Teile davor so zeigen wie sie sind? Das ergibt keinen Sinn.

Kurzum: Ich finde diese Serie ist ein guter, solider Denkanstoss, deren Aussagen man nicht immer zustimmen muss, die es aber verdient hat, sie anzusehen, damit man diskutieren und das Thema breit ansprechen kann.

Wie ihr merkt, habe ich bis jetzt wenig bis nichts über Darsteller, Technik, Kamera, Musik oder Drehbuch geschrieben. Das hat einen Grund: Auf dieser Ebene ist „13 Reasons Why“ über alle Zweifel erhaben. Die Machart ist fast makellos. Perfektes Casting, perfekter Musikeinsatz, tolle Kamera und Übergänge und ein Cast, dem man glaubt, dass ihnen am Thema was liegt. Und aller Diskussionen zum Trotz ist die Serie an sich auch ganz einfach nur wirklich, wirklich spannend.

„Tote Mädchen lügen nicht“ bzw. „13 reasons why“ bekommt von mir 8,5 von 10 möglichen, drastische, harte, realistische, und tragische Punkte.

Die Serie gibt es auf Netflix.


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