13 Reasons Why aka Tote Mädchen lügen nicht – Staffel 2 (Serienkritik)

Nachdem sich Hannah Baker (Katherine Langford) in der letzten Staffel das Leben genommen hat und durch eine ganze Reihe (konkret: 13) Kassetten mit ihren „Freunden“ und ihrem Umfeld abgerechnet hat, sollte eigentlich Ruhe einkehren, die Trauerarbeit beginnen und die rechtlich verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden.

Nur passiert das quasi nicht. Die Reichen kommen davon. Die anderen stehen dumm da. Also verklagt Hannahs Mutter (Kate Walsh) die Schule, damit diese ihre Verantwortung gegenüber dem Mobbing ernst nimmt.

Währenddessen beginnt Clay Jensen (Dylan Minette) Visionen von Hannah zu haben und seltsame Polaroid-Fotos tauchen auf, die klarstellen: Hannah war nicht das einzige Opfer.

Die zweite Staffel vom polarisierenden Überraschungserfolg „Tote Mädchen lügen nicht“ ließ nicht lange auf sich warten und die Schreiberlinge (und -innen) der Serie waren nicht untätig. Während Staffel 1 ja noch auf einem Roman basierte, war das bei Staffel 2 per se nicht mehr so. Da hatten die Macher/Showrunner scheinbar eigene Ideen.

Die Klage gegen die Schule ist eine gute Idee und durch den Gerichtsprozess und die Aussagen der Schüler*innen kommt durchaus auch Spannung in die Serie. Die zweite Schiene der Handlung, neben den Flashbacks, die mehr Hintergrund in die Geschichte der ersten Staffel bringen und Vorkommnisse jetzt auch außerhalb von Hannahs Version darstellen, spielt in der Gegenwart und dreht sich um die Polaroids, die nahelegen, dass Hannah eben nicht das einzige Vergewaltigungsopfer war.

Die Charaktere werden weiter ausgebaut und zum größten Teil auch durchwegs glaubwürdig weiterentwickelt. Es geht dieses Mal sehr viel mehr um das Thema „Verantwortung“ und darum, dass nicht alles schwarz/weiß ist, sondern die meisten Menschen eben als „Graustufen“ existieren. So bekommen viele „Gute“ aus Staffel 1 ein paar dunkle Seiten und umgekehrt. Selbst Hannah wird nicht als „Unschuldslamm“ präsentiert, sondern als ein Mädchen, welches es durchaus auch faustdick hinter den Ohren hat.

Ganz kurze Version: Wer mit Staffel 1 nicht warm wurde, der oder die wird auch mit Staffel 2 nicht warm werden. Das kann man mal getrost so im Raum stehen lassen. Wer wissen möchte, was mit den Menschen weiter passiert – Staffel 2 bietet euch (ein paar) Antworten.

Staffel 2 stellt die Frage, ob man die Probleme und die schrecklichen Vorkommnisse nicht auch hätte anreden und anprangern können, ohne zum letzten Mittel zu greifen. Auch das „public shaming“ wird thematisiert und „Mobbing“ ist ein großer Teil der neuen Handlung. Zeugen werden vorgeladen und müssen vor Gericht aussagen. Wer sagt was? Wer lügt? Wer sagt die Wahrheit? Und kommt die Wahrheit, die ausgesprochen wird auch wirklich nahe an die Tatsachen ran? Denn manchmal ist die Wahrheit, die man in einem Satz aussprechen kann (also Fakten) von der Wahrheit, die tatsächlich geschehen ist sehr weit entfernt.

Gerade gegen Ende dieser Staffel gibt es dann eine sehr, sehr harte Szene, die wirklich heftig ist und quasi aus dem „Nichts“ kommt. Natürlich gab es wieder Kontroversen, aber hey – bei einer zweiten Staffel gibt es dann klarerweise keinen medialen Aufschrei mehr … ja, so funktioniert unsere Gesellschaft.

In Kurzversion: Staffel 2 schafft es die Charaktere weiterzuentwickeln und manche Figuren in der Zuseher/innen-Wahrnehmung (un)sympathischer zu machen als in Staffel 1, einfach weil sie mehr Kontext zu scheinbar netten/bösen Taten liefert. Spannend geschrieben, wenn auch mit Längen, und technisch super umgesetzt, ist die zweite Staffel ein konsequente Fortführung, wenn auch mit Abstrichen.

War Staffel 1 emotional (und hatte mit Nachdenken wenig zu tun), so ist Staffel 2 eher das Nachdenken nach der Emotion (was auch bedeutet, dass man distanzierter zu den Charakteren wird). Die Auflösung (Schuldspruch für die Schule oder nicht? Wird der Täter verurteilt? usw.) ist zwar nicht hochdramatisch, hat allerdings bei uns Zuhause durchaus für Diskussionen gesorgt.

Mit Nachdenken meinte ich übrigens nicht, dass man über manche Dinge in der Serie (es gibt natürlich auch ziemlich konstruierte Zufälle und so weiter) allzu lange nachdenken sollte, sondern mehr, dass manche Aussagen/Taten/Entscheidungen durchaus zur Selbstreflexion anregen (wie sehe ich das? Finde ich gut, was da grad passiert? Finde ich, dass Handlung A die Person, die sie ausführt sympathischer oder (un)sympathischer macht? Und wenn ja, warum? Solche Dinge).

Auch wenn ich anmerken muss, dass die Szenen am Ende (am richtigen Ende, nicht das Ende der Verhandlung) eher … angeklebt fühlten als wirklich organisch entwickelt, auch wenn die ganze Staffel lang eigentlich darauf „hingearbeitet“ und viel „Foreshadowing“ betrieben wird. Vllt wäre es besser gewesen, man hätte hier einen Schlusspunkt gesetzt, als sich zwingend eine weitere Staffel offen zu halten.

„Tote Mädchen lügen nicht – Staffel 2“ bekommt von mir 7 von 10 möglichen, nachlassende und eher den Kopf als den Bauch ansprechende Punkte.


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