Victor Frankenstein – Genie und Wahnsinn (Filmkritik)

London vor vielen Jahren. Ein buckeliger junger Mann (Daniel Radcliffe) arbeitet seit er denken kann als Clown bei einem Zirkus. Er wird zwar ständig gedemütigt, doch neben seiner heimlichen Liebe zur Artistin Lorelei (Jessica Brown Findlay) ist es vor allem seine Faszination und das Studium der menschlichen Physiologie, dass ihn täglich wieder aufstehen lässt.

Als Lorelei eines Tages vom Trapez stürzt und zu ersticken droht, rettet er ihr zusammen mit einem zufällig anwesenden Doktor namens Victor Frankenstein (James McAvoy) das Leben. Victor erkennt dabei sein Potential, befreit ihn aus der Gefangenschaft und gibt ihm schließlich den Namen Igor. Was jedoch genau im Labor des exzentrischen Doktors vor sich geht, das übersteigt selbst Igors kühnste Vorstellungen, denn Victor möchte den Tod überwinden und neues Leben schaffen.

Victor Frankenstein

Mary Shelley’s Roman „Frankenstein“ aus dem Jahre 1818, ist im Laufe der Jahre ja bereits mehrere Male verfilmt worden bzw. hat diverse Produktionen beeinflusst. In den vergangenen Jahren hatte Hollywood mit dem Stoff aber kein Glück. Für meine letzen Filme mit dem ehrenwerten Herrn „F“ im Titel – I, Frankenstein (guilty pleasure in Reinkultur) und Frankenstein´s Army (nur vom Kreaturen-Design her gut) – konnte ich keine klaren Empfehlungen aussprechen. Auch den aktuellen Film von Regisseur Paul McGuigan (Push) mochten die Kritiker nicht und an der Kinokasse konnte er weltweit nur 34 Millionen von seinen 40 Millionen Dollar Produktionskosten wieder einspielen.

Ich persönlich fand den Film sehr unterhaltsam und vor allem hat er mich in die Handlung hinein gezogen. Zuerst mal zur Inszenierung. Eindeutig auf modern getrimmt soll „Big Frank“ hier einem modernen und vor allem jüngeren Publikum schmackhaft gemacht werden, so in etwa wie es Guy Ritchie mit Sherlock Holmes gemacht hat. Der gute Doktor hat noch kein weißes Haar am Kopf, kann auch kämpfen wenn es sein muss und strahlt ein Charisma aus, dass sich irgendwo zwischen spitzbübisch und wissend einpendelt. Wenn er die Tiere des Zirkus beobachtet, dann blendet die Kamera teilweise seine Sicht ein, wie er das Innere mit all den Knochen und den Organen sieht.

Dieser Effekt wird auch kurz bei Igor eingesetzt, der natürlich ebenso kein hässlicher Buckeliger sein darf, sondern im Eiltempo den ganzen Schmutz und die Fehlhaltung ablegt und daher schon bald intelligent und hübsch zugleich erscheint. Der gläubige Inspektor wiederum, der als moralische Instanz fungiert, wird größtenteils zum Feind des Fortschritts und somit unserer Helden stilisiert, obwohl er im Prinzip nur Angst hat, dass hier ein teuflisches Monster geschaffen wird. Dass dieser doch eigene Mix im Zusammenhang mit der bekannten Grundstory unpassend wirken kann, ist mir ganz klar, für mich hat aber vor allem die Reise der Figuren und deren Darstellung einiges an Spannung geboten.

Alle Menschen hier stehen zu ihren Entscheidungen, machen aber auch Fehler und lernen daraus. Victor der manische Wissenschaftler, der einen Ausgleich, eine Form der Wiedergutmachung für eine persönliche Tragödie sucht. Hat er vor allem egoistische Gründe oder geht es ihm um das Leben an sich und um die gesamte Menschheit? Und Igor? Will er seinem Wissensdurst folgen auf Kosten der Privatsphäre oder entscheidet er sich – der dreckige, entstellte Kerl, der nie die Nähe einer Frau spüren wird – für die Liebe, das wahrlich unerwartete Wunder in seinem Leben?

James McAvoy (Filth) als Frankenstein ist einfach herrlich. Seine Gestik, das Funkeln in seinen Augen, seine exzentrische und egomanische Art, mit der er Leute vor den Kopf stößt, seine Energie ist durchgehend ansteckend, auch wenn der drohende Abgrund phasenweise durchaus spürbar ist. Er hatte sichtlich seinen Spaß und ist darstellerisch klar das Highlight des Filmes. Was nicht heißen soll, dass sich der ewige „Harry Potter“ Daniel Radcliffe (The Woman in Black) verstecken muss, der sichtlich zwischen der Faszination für die Wissenschaft und seinem zarten Gemüt hin und her gerissen ist und in Victor trotz aller Bedenken einen Mentor und auch Freund sieht, den man nicht im Stich lassen darf.

Die Artistin Lorelei, die Igor schon immer gerne hatte, wird von Jessica Brown Findlay (Winter´s Tale) als starke und liebevolle Persönlichkeit gespielt. Da sie Igor´s Zeit beansprucht und seine Konzentration ablenkt, ist sie freilich ein Dorn im Auge von Victor. Andrew Scott (Spectre) als Inspektor Turpin ist der Böse, obwohl er eigentlich der Gute ist (das fühlt sich eben im ersten Momente so an für den Zuschauer, wenn eine Figur den Helden das Leben schwer macht). Er setzt schon bald auch in selbstschädigender Art und Weise alle seine Kräfte ein, um Frankenstein zu stoppen, genau wie dieser alles dafür tut, sein Experiment zu Ende zu führen.

Insgesamt daher ein moderner Film im klassischen Gewand, der die Geschichte von Frankenstein aus der Sicht von Igor erzählt und für mich sehr schön zeigt, wohin uns Menschen Schmerz und Ablehnung hintreiben kann. Ein richtig toller McAvoy plus starke Kollegen, schön atmosphärisch blau-graue Farben und Einstellungen und Effekte, die sich keine Schnitzer erlauben. Sogar dem Humor wird der nötige Raum gegeben. Was haben wir somit gelernt? Manche sind Monster, manche haben eines in sich und andere wiederum, nun, die erschaffen Monster.

„Victor Frankenstein“ bekommt von mir 8/10 die erweckten Monster hoffentlich wieder loswerdende Empfehlungspunkte.


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