Christopher Nolan’s The Odyssey (Filmkritik)

Nachdem Odysseus (Matt Damon) durch einen Trick die Belagerung von Troja beendet hat, macht er sich mit seiner Crew auf die Heimfahrt. Dumm nur, dass er eine Abkürzung nehmen möchte, die ihn zu einer Insel bringt. Dort wollen sie ihren Proviant aufstocken, folgen einem Schaf und treffen in einer Höhle auf den Schafhirten. Der ist allerdings ein Riese und ein Zyklop. Der gleich mal ein paar von Odysseus Männern frisst. Durch einen Trick schaffen sie es zu entkommen, blenden allerdings den Zyklopen – soll heißen: Sie machen ihn blind.

Das war ein Fehler. Denn der Zyklop ruft im Schmerz immer wieder einen Namen: Poseidon! Deshalb denken Odysseus Männer, der Zyklop wäre ein Sohn von Poseidon und der Gott des Meeres hätte Odysseus deshalb verflucht.

Das zeigt sich darin, dass der Schiffweg nach Hause, der im schlimmsten Fall Monate dauern sollte, mehrere Jahre dauert.

Und Zuhause warten seine Frau Penelope (Anna Hathaway) und sein Sohn Telemachus (Tom Holland) auf seine Heimkehr, während viele Freier seit knapp drei Jahren dort warten und auf ihre Kosten leben. Aber Penelope will keinen neuen Mann. Lange allerdings wird das nicht mehr klappen …

Es gibt vermutlich bereits Tausende Kritiken da draußen, die sich um Nolan’s „The Odyssey“ drehen. Und grob die Hälfte davon zerlegt den Film, weil er historisch nicht akurat ist. Die andere Hälfte zerlegt ihn, weil er ein optisches Wunderfest darstellt. Irgendwo gibt es eine Schnittmenge von jenen, die es großartig finden, dass Nolan noch auf echte Effekte und Drehen vor Ort setzt.

Ich lasse jetzt mal den ganzen technischen Schnickschnack außen vor, denn in Wahrheit ist es völlig egal wie der Film gedreht wurde. Was man merkt, ist, dass die Leute vor Ort waren – an echten Stränden und Wiesen. Da gibt es keinen bzw. wenig Greenscreen und nur ein bisschen Sound Stage. DAS ist wirklich großartig. Weil man das merkt. Weil die Leute sich einfach im echten Rauam realistischer und sicherer bewegen. Also für das – Hut ab. Die ganze Story mit den IMAX-Kameras und all dem anderen Zeug? Juckt mich nicht.

Der Backlash für das Casting. Ich möchte da gar nicht viele Worte darüber verlieren, nur so viel: Page ist nicht Achilles und auch kein Stand-In für Achilles. Es ist ein eigener Charakter und der passt sehr gut in die Story, die Nolan erzählen will. All die Memes und all die Wortmeldungen á la „Page würde im Krieg in Troja keine zehn Minuten überleben“ – stimmt. Nolan weiß das auch. Stellt euch eine Person vor, von der ihr mit einem Blick wisst: Diese Person ist für niemanden eine Gefahr. Genau. Page. Nach einer Minute im Film stirbt der Charakter. Zack. Aus. Der Grund dafür ist logisch. Erzählt Odysseus später mal, es sei der großartigste Krieger überhaupt gewesen? Ja. Aber das ist eine klare Lüge, die er erzählt um jemand anderen zu beschämen.

Zweite Sache: Lupita Nyong’o. Passt sie in die Rolle(n)? Nein. Hat sie gestört? Nein. Sie kommt vielleicht in Summe fünf Minuten vor. Und für die Handlung ist sie im Kern sogar unwichtig. Die Odyssee startet NACH dem trojanischen Krieg. Auch wenn dessen Auswirkungen natürlich der Grund für die „Odyssee“ darstellt.

Kurz zum Casting generell: Ich bin völlig beeindruckt gewesen, welche Schauspiel-Kaliber Nolan um sich scharen kann – sogar für völlige Nebenauftritte, die eben quasi „du zwinkerst und sie sind vorbei“-Momente sind. Komplett irre.

Schade dabei: Es gibt ein paar Casting-Entscheidungen, die einfach nicht gut waren. Zum Beispiel Jon Bernthal. Der ist völlig fehlbesetzt und wirkt wie im falschen Film. Oder Zendaya (die übrigens keine Göttin spielt, sondern das schlechte Gewissen von Odysseus – er nennt es nur Athena) – allerdings halt ich die generell schlecht aus. Tom Holland – der war okay, aber der ist und bleibt Spider-Man. Der kann nichts anderes mehr spielen. Nie wieder. Der Rest – okay.

Matt Damon: Hammer! Der war für mich einfach großartig. Charlize Theron? Hab jede Sekunde im Film mit ihr geliebt – ja klar will Odysseus jahrlang bei der bleiben. Die Frau hat einfach Charisma. Die braucht nur stillstehen und in die Kamera gucken und ich würde mir das stundenlang ansehen.

Ansonsten: Der Film ist kein audiovisuelles Fest. Er ist auch nicht episch. Er erzählt eine Geschichte, die sich über mehrere Jahre erstreckt, ja. Aber das macht ihn noch nicht episch. Die Größe der Geschichte ist in diesem Fall sogar sekundär, denn Nolan hat sich entschieden, sich auf Odysseus zu konzentrieren. All die Massenschlachten im Trailer bzw. die Eindrücke, die ihr habt, die wie Massenschlachten wirken – es gibt keine. Nicht wirklich.

Was wir dafür haben: Einge Szenen in denen der Fokus verrutscht und das Bild unscharf ist (kann passieren mitten im Regen und Sturm) und viele Szenen in denen Odysseus mit seinen Männern flieht. In Richtung Boot. Das wirkt manchmal glaubwürdig (die Flucht vor dem Zykklopen) und manchmal extrem(!) unglaubwürdig, wie die Flucht vor den Riesenkriegern in den Silberrüstungen (Laestrygonians, wer es genau wissen will – oder zumindest angelehnt an diese).

Um die Story kurz zu umreissen: Nolan klappert nicht alle vierzehn Stationen der Odysee ab. Er kürzt zusammen und er verpasst vielen sogar eine extreme Kurzversion (die erwähnten Laestrygonianer – Insel, Kind, Hallo sagen, Kind schreit – Krieger kommen und killen alle. Kein Palast, keine Königin, kein König, der gleich mal zwei Krieger frisst, kein Hafen, kein Steinwurf, kein Versenken von 11 von 12 Schiffen, usw).

Es ist also jederzeit möglich Nolans Film aus dieser Perspektive zu zerlegen und zwar in kleinste Einzelteile. Absolut. Das geht sogar für Laien, die nur zum Teil wissen, was die Odysee überhaupt sein soll, weil Nolan oftmals auch keinen Kontext liefert – warum nochmals greifen die Laestrygonianer an? – nur als Beispiel. Ich hatte Leute im Kino neben mir, die haben nach dem Film bei ein paar Szenen laut beratschlagt, was das eigentlich passiert ist und warum.

Also der Film ist mit Sicherheit weder ein visuelles – dazu bietet er zu wenig Schauwerte – noch ein storymäßiges – dazu hat er zu viele Storylücken in sich – Meisterwerk.

Was er auf jeden Fall ist: Audiovisuell für das Kino gemacht. Im Heim-TV kann er nur verlieren. Gibt’s gar nicht anders.

Was mich überrascht hat – ich bin kein Nolan-Fanboy, ich kenne „Following“, „Memento„, „The Prestige“ und die „Batman“-Filme von ihm. „Inception“ fand ich so langweilig, dass ich ihn nicht mal fertig geguckt habe – das war wirklich ein Film von Mr. Filmtechnik, bei dem ich beim letzten großen Monolog von Odysseus Tränen in den Augen hatte. Weil alles an diesen Punkt geführt hat – die gesamte Reise mitsamt allen Stationen und ganz viel Kleinigkeiten am Weg hat dorthin geführt. Das fand ich wirklich großartig und Matt Damon hat schwer geliefert. Das hat mir fast das Herz gebrochen.

Es wird im Film ja immer wieder mal erwähnt bzw. wird Odysseus unterstellt, er wolle ja gar nicht nach Hause – Hammer. Oder die „People From the Sea“, die brandschatzend übers Meer brausen – all das wird aufgelöst und ich hatte wirklich – ich wiederhole: Bei einem Nolan-Film! – Tränen in den Augen.

Und ja, das hat mit Troja zu tun. Und um auch diesen Punkt gleich mal klarzustellen: Dieser Film baut seine Story nicht nur aus der Odysee zusammen. Es spielt auch die Illias (der Krieg bzw. die Belagerung von Troja) mit rein oder Virgils Aeneid (hab ich nie gelesen), wenn es um das Rundherum und Kontext (was passierte mit Agamemnon, aus „Agamemnon“ von Aeschylus, als Beispiel) geht. Also all die Argumente á la „Das ist nicht Homers Odyssee“ – Korrekt. Ist es nicht. Na und?

Also all die „Experten“ – schon klar. Ihr kennt die Odyssee auswendig. Und jene, die meinen, die „Götter“ im Film hätten göttlicher aussehen sollen, nun – es gibt keine Götter Film. Überhaupt keine. Gar keine. Nicht ein einziges Mal. Für jene, die die „irdische Optik“ der „Götter“ ankreiden.

Ich denke, man kann an dem Film auch so einiges aussetzen – ohne Sachen erfinden zu müssen.

Was ich auch eher so mau fand waren 50% der Musik. Trommeln (oder ähnliche Instrumente), die immer schneller und schneller schlagen – minutenlang! Das ist einfach mühsam. Ja, es funktioniert. Aber ich würde es nicht mal als Musik bezeichnen. Percussion. Okay. Aber nicht wirklich gut. Am Ende dann – der oben erwähnte Monolog – da war es dann toll. Da hat es gelickt. Da haben Bild, Musik, Sprache und alles zusammen mehr ergeben als die Summe der einzelnen Teile. Das war Gänsehaut.

Alles in allem: Ja, „The Odyssey“ war ein Erlebnis im Kino. Viel wird von dem Film allerdings nicht bleiben. Die Kontroverse rund um den Film wird größer bleiben als der Film. Denn dieser ist sicher sehenswert, aber mehr nicht. Ist der große „aha“-Moment gegen Ende die zweieinhalb Stunden vorher wert? Vermutlich nicht. Vor allem hätte man den Effekt auch mit weit kürzerer Laufzeit erzielen können. Und ich war auch deswegen so ergriffen, weil ich ihn nicht kommen gesehen habe.

Ist es völlig abartig, dass null Griechen im Film gecastet wurden? Ja. Absolut. Macht das den Film schlechter oder besser? Nein.

„Christopher Nolan’s The Odyssey“ bekommt von mir 7,5 von 10 möglichen, sehenswerte, aber nicht umwerfende und sicher nur im Kino richtig funktionierende, Punkte.


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