Oldies but Goldies: Memento (Filmkritik)

Leonard (Guy Pearce) hat ein Problem. Seine Erinnerungen – sie stoppen an einem bestimmten Punkt. Sobald er die Konzentration verliert, verliert er alles, was ab diesem Punkt passiert ist. Das ist im Alltag schon nicht einfach, aber im Falle von Leonard doppelt schlimmen, denn: Er sucht den/die Mörder seiner Frau.

Um den Überblick zu behalten, notiert er alle wichtigen Informationen und Dinge, die passiert sind, damit er den Überblick behält. Aber was, wenn er sich irrt? Was, wenn er seine Nachrichten an sich selbst nicht entschlüssen kann …?

„Memento“ war einer dieser Filme nach deren Ende ich mit offenen Mund da saß und einfach nicht genau wusste, was ich da jetzt noch groß sagen konnte. Es ist Jahre her, dass ich den Film das erste Mal gesehen habe und ich habe eine Weile gebraucht, um ihn zu entdecken. Im Kino ging er zumindest bei uns unter, aber zum Glück wurde ich dann doch irgendwie auf ihn aufmerksam.

Es gab eine Zeit, da war Christopher „The Dark Knight“ Nolan noch kein Blockbuster-Regiewunderkind, das eh nichts falsch machen kann, sondern einfach ein Mann, der – auch im kleinen Rahmen – vor allem super Geschichten erzählen und diese auch visuell bzw. filmtechnisch spannend umsetzen wollte (man gucke sich seinen Debutfilm „following“ an). Und ein Film, in dem das perfekt gelungen ist, ist „Memento“.

Es ist schwer zu beschreiben, weil es so banal klingt, aber ich versuche es mal trotzdem: Die Tatsache, dass Leonard sich nur an Dinge erinnern kann, die lange zurück sind und er keine „neuen Erinnerungen“ mehr machen kann ist nicht nur ein Aspekt der Handlung, sondern auch DIE zentrale Eigenschaft der Erzählweise des Films. Denn Regisseur und Drehbuchautor haben sich einen besonderen Kniff überlegt: So beginnt der Film in der Mitte (was nicht neu ist) und wird dann aber rückwärts erzählt.

Auch das klingt jetzt seltsam und nicht wirklich neuartig, denn die Genialität des Films liegt im Detail. Ich will jetzt nur eine kleine Szene herausgreifen, damit man versteht, was ich meine: Es gibt eine Szene, die damit beginnt, dass Leonard hinter eine Tür kauert, eine Flasche in der Hand hat und er sich unsicher umsieht. Was macht er hier? Warum die Flasche? Ist das seine Wohnung? Er weiß es eben nicht mehr. Er fragt sich, ob er betrunken war (wegen der Weinflasche), aber er fühlt sich nicht so. Na dann. Vielleicht sollte er sicherheitshalber duschen gehen, denn er riecht nach Schweiß. Dort drüben ist das Bad. Also geht er duschen. Und just wird er – wie er glaubt – überfallen.

Dann kommt ein Monolog, in dem Leonard in Schwarz/weiß in einem Hotelzimmer sitzt und die Geschichte eines Versicherungsvertreters erzählt, dessen Leben aus den Fugen geraten ist.

Dann geht es zurück zur Story von vorhin, die allerdings einige Zeit VOR der Szene, die oben beschrieben wird, ansetzt: Es ist eine Verfolgungsjagd, die darin endet, dass Leonard in dem oben erwähnten – ihm unbekannten – Zimmer sitzt, eine Flasche Wein als Waffe in der Hand hinter einer Tür jemanden auflauert. Zumindest so lange er sich konzentrieren kann. Als er kurz abgelenkt wird, vergißt er, in welcher Situation er war. Er fragt sich, ob das seine Wohnung ist und ob er betrunken war.

Ich hoffe, damit ist ein wenig klarer, wie genial diese Erzählweise mit der Geschichte verbunden ist, denn man weiß immer nur was auch Leonard weiß und zieht meist auch ähnliche Schlüsse, nur um eine Szene später zu sehen, was davor passiert ist und wie falsch man gelegen hat. Noch dazu kommt gegen eine Ende eine Auflösung, die doppelt auf den Tisch haut. Genialer Film.

Abgesehen vom Drehbuch spielt hier auch Guy Pearce („The Hurt Locker„, „The King’s Speech„, „Iron Man 3„) als würde es kein Morgen geben. Sein Leonard ist sympathisch, verzweifelt, fokussiert, verloren, zielstrebig, verbissen und knallhart – der gute Mann darf das gesamte Spektrum durchleben und er macht es großartig.

Auch der Support-Cast ist wunderbar – von der großartigen Carrie-Ann Moss (die mittlerweile mehr oder minder vergessen ist, abgesehen von „Jessica Jones„) über Joe Pantoliano („The Matrix„) bis hin zu Larry Holden („Batman Begins„). Super besetzt, genial gefilmt und ein wirklich unglaublich großartiges Drehbuch.

Ich kann mich nicht erinnern, welcher Film davor oder danach seine Story und seine Erzählweise so perfekt miteinander verbunden hat, wie dieser hier. Ganz, ganz großes Kino. Und das völlig ohne CGI-Gewitter.

„Memento“ bekommt von mir 10 von 10 möglichen, Technik, Regie und Story perfekt kombinierende und perfekt besetzte, Punkte.

PS: Ich muss anmerken, einfach, weil ich es als wichtig emfpinde: Seit „The Dark Knight Rises“ habe ich keinen Nolan-Film mehr gesehen. Weil der Film schlichtweg nicht gut war und es unmöglich war über seine Schwächen zu diskutieren, weil Nolan-Kritik quasi Kritik an den physikalischen Gesetzen der Welt war. Das hat genervt. Abgesehen davon – aber sehr willkommen – hat mich auch kein Trailer seiner letzten Filme irgendwie angesprochen. „Memento“ ist also in meinen Augen nicht ein Meisterwerk, weil er von Nolan ist und er „eh nur Meisterwerke macht“, sondern völlig allein für sich.

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