Oldies but Goldies: American History X (Filmkritik)

Derek (Edward Norton, „Birdman“ oder „Der Illusionist„) wird nach langer Zeit aus dem Gefängnis entlassen in welchem er aufgrund eines Mordes (aus Reaktion auf einen Überfall und starken rassistischen Motiven) gesessen hat. Seine alten rassistischen Freunde, allen voran sein kleiner Bruder Danny (Edward Furlong, „Terminator 2„, „Arachnoquake„), der von den Taten seines Bruder nachhaltig beeinflusst und nun selbst zum Rassisten wurde.

Aber Derek kommt verändert aus dem Gefängnis zurück, denn die Erlebnisse dort, haben sein vorheriges Weltbild zerstört. Auf eine Art und Weise, die sein komplettes Leben und seine Weltsicht einfach umkrempelt. Die Frage ist nur, wie er alles seinem Bruder erklären soll … und wie er in eine Welt passt, die nur über Hass und Spaltung definiert wird …

Tony Kaye ist eigentlich Musikvideoregisseur und für ein paar verdammt gute Musikvideos verantwortlich. So geht zum Beispiel „Runaway Train“ von Soul Asylum auf sein Konto. Oder auch „Dani California“ von den Red Hot Chili Peppers. Ansonsten macht er eigentlich auch primär Filme, die mit Musik zu tun haben. Umso unerwarteter kam dann auch „American History X“, der 1998 gleich mal für Furore sorgte.

Warum? Wer das Cover des Films kennt, wird nicht umhin kommen, sofort das Hakenkreuz zu entdecken. Als Tätowierung. Auf der Brust des Hauptdarstellers Edward Norton. Das hat damals bereits für eine Menge Aufmerksamkeit gesorgt, denn – hey: Ein Nazi als Hauptdarsteller? Puh. Bereits die Anfangsszene, in welcher das Verbrechen für das Derek (Edward Norton) ins Gefängnis geht, gezeigt wird, sorgt für ein ganz, ganz ungutes Gefühl in der Magengegend. Und die Darstellung von Norton als Derek – der so offensichtlich Freude an der Gewalt hat und so dermaßen den personifzierten Zorn verkörpert … da wird man bereits als Zuseher schon unruhig.

Und dann kommt der Rest des Films und die Einführung von Edward Furlong, der Dereks Bruder Danny spielt, dessen großes Vorbild eben Derek war und ist. Was bedeutet, dass auch Danny in diese Szene gerutscht ist, alle Nicht-Weißen hasst und generell der Meinung ist, die ganze Welt sei schuld an der Unterdrückung der Weißen und man müsse die Rassen getrennt und rein halten.

Danny hat schwer damit zu kämpfen, dass Derek nicht der „Ideal-Nazi“ ist, für den ihn alle halten, sondern im Gegenteil ein völlig normaler Durchschnittsmensch ist, der noch dazu kein Problem mehr mit anderen Hautfarben oder Nationen hat. Es dauert auch eine ganze Weile, bis Derek damit herausrückt, was damals im Gefängnis passiert ist. Warum er sich verändert hat. Weshalb das alles so nicht weitergehen kann und er auf alle Fälle Danny vor dem beschützen will, was hinter der Fassade „weiße Überlegenheit“ lauert.

Und Edward Norton liefert hier die Performance seiner Karriere ab. So glaubwürdig der personifizierte Hassbrocken Derek am Anfang ist (der Hass strahlt aus seinen Augen), so glaubwürdig ist auch der geläuterte Derek. Der gebrochene Derek. Der Derek, der versteht, gebrochen ist, Schuldgefühle hat und dennoch die Hoffnung auf Vergebung mit sich herumträgt. Die Gespräche mit den Menschen, die ihn vorher idealisiert haben, welche klare Wahrheiten (was Derek im Gefängnis passierte) als Lügen hinstellen und sich alle Fakten so zurechtrücken, dass sie in ihr Überlegenheitsweltbild passen.

Sicher – ganz offen gesprochen ergreift der Film Partei für Diversität. Rassismus ist scheiße. Das ist eine Aussage des Films. Aber eigentlich nur eine Randnotiz, denn die Kernaussage ist viel einfacher und hat nichts mit Rasse oder Herkunft zu tun: Gewalt erzeugt Gewalt erzeugt Gewalt erzeugt Gewalt. Dass dabei Herkunft und Identität eine Rolle spielen, dass es wichtig ist zwei (oder mehr) Gruppen zu haben, die sich großteils durch ihren Hass aufeinander definieren, dass es darum geht sich vor seinen eigenen Leuten zu beweisen – das genau diese Dinge es sind, die Gewalt vielleicht nicht auslösen, aber verhindern das sie aufhört – das zeigt der Film sehr gut auf.

Rassismus ist in diesem Fall ein erzählerisches Mittel. Und ein paar der Erklärungen, zB wo Dereks Weltbild herkommt, sind sehr kurz gefasst und, nun … ja, eh. Das nimmt man halt in Kauf, das ist schon okay, man kann nicht alle Themen durchkauen, aber trotzdem oder dennoch ist der Film mitreissend und nachdenklich stimmend geworden.

Es gibt diese eine Zeile im Film, die ich mir seit Jahren als Motto im Kopf behalte: „Macht das was du tust dein Leben besser?“ Wer die Szene im Film sieht, kann vermutlich nur schwer ein paar Tränen unterdrücken.

Auch am Ende des Films – der ein sehr, sehr hartes Ende hat, damit nur alle die Message auch verstehen – sitzt man dann mit offenem Mund da und fragt sich, wie das alles jemals enden wird.

„American History X“ ist sicher kein Gute-Laune-Film und man sieht sich dem Film auch weniger an, als dass man ihn erlebt. Ein Film wie dieser kann sicher auch verschieden interpretiert werden (es gab Aufrufe im Internet, Nazis sollen sich den Film ansehen, um als Warnung vor Verrat zu dienen. Das muss man sich mal vorstellen!), aber für mich war es ein Erlebnis und ein Schlag in die Magengrube.

„Gewalt erzeugt Gewalt erzeugt Gewalt“, scheint der Film zu flüstern, „diesen Kreislauf wirst du nie durchbrechen können“. Starker Tobak.

„American History X“ bekommt 8,5 von 10 möglichen, es sich stellenweise doch sehr einfach, aber dafür effektiv machende, Punkte.


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