Snowden (Filmkritik)

Edward Snowden (Joseph Gordon-Levitt) arbeitet beim Geheimdienst. Er ist ein Nerd. Er ist ein Informatiker, Programmierer und irgendwie auch ein wenig ein Hacker. Was er nicht ist: Ein Mensch mit großartig vielen Sozialkontakten, aber das stört ihn nicht großartig.

Beim Heer wird er nicht glücklich, also wechselt er den Job, weil „es cool ist, Akten sehen zu dürfen, auf denen ‚Top Secret‘ steht“. Irgendwie kriegt er die Stelle dann auch und weil er ein paar gute Ideen hat, schreibt er ein cooles Programm und die Sache läuft.

Irgendwann – was großteils daran liegt, dass er jetzt eine Freundin hat – kommt ihm aber irgendwie vor, als wäre sein Job nicht unbedingt einer, welcher die Welt verbessert, sondern eher … nun, als würde er einen Überwachungsstaat á la „1984“ unterstützen und – Hand aufs Herz: Ist Sicherheit die Aufhebung der Privatsphäre wert?

Oliver Stone ist wieder einmal im Registuhl gelandet und hat einen neuen Film über einen seiner Helden gemacht. Stone ist ja mehr oder weniger (zumindest in seiner Sicht) ein Rebell, der das amerikanische Regime … sorry, Diktat … ach, seufz. Die Handlungsweisen der Regierung der Vereinigten Staaten sehr kritisch sieht und auch vor Verschwörungstheorien nicht halt macht. Gut – das gilt auch für Michael Moore. Der Unterschied ist eben ein Oliver Stone versteht a) was vom Filme machen und b) macht Spielfilme und keine Dokumentationen (die 10teilige „The Untold History Of The United States“-Dokuserie mal ausgenommen).

Allerdings beruht der Ruhm von Stone primär auf Erfolgen aus längst vergangenen Tagen. Da wäre zum Beispiel der Dauerbrenner „Platoon“ mit seinem ikonischen Bildern des Vietnam-Kriegs (da war auch Charlie Sheen noch ernst zu nehmender Schauspieler) oder auch „JFK“, der ein paar sehr unangenehme Fragen stellte und an „Natural Born Killers“ kann man sich, denke ich, noch gut genug erinnern.

Jetzt verfilmt er also das Leben von Edward Snowden. Ihr wisst schon: Der Edward Snowden, der als Verräter von Amerika gilt und laut „Überwachung!“ herausposaunt, bzw. Informationen und Daten an die Presse übermittelt hat, um zu beweisen/belegen, dass die USA einfach alles und jeden abhören – inklusive der eigenen Bevölkerung. „Es gibt keine Geheimnisse im Internet, es gibt nichts, was ihr online tut, was man nicht herausfinden kann – und alle Kameras dieser Welt? Die sind nicht für eure Sicherheit da“ – oder so ähnlich.

Der Film selbst ist technisch gut gemacht und unterhaltsam genug, ihn mal sehen zu können. Der Charakter von Snowden ist an sich kein großartiger Mensch, es ist einfach nur ein Mensch, der etwas Interessantes getan hat. Wer sich nie die Frage gestellt hat, warum Snowden tat, was er tat, der/die wird diesen Film langweilig finden, denn darum geht es im Grunde genommen.

Wenn es nach dem Film geht, dann ist es sein eigenes Privatleben, welches ihn dazu veranlasst hat, publik zu machen, was er eben publik gemacht hat. Aber was war das noch? Könnt ihr euch erinnern? Was hat Snowden euch denn gesagt? Hat ihr euch jemals darüber informiert? Wisst ihr es? Und nein, er hat nichts mit Wikileaks zu tun. Eben. Das ist der Teil des Films, der mir wirklich auf den Magen geschlagen hat, denn was da technisch alles möglich ist (und zwar problemlos) ist wirklich ziemlich unangenehm, bzw. kann es sehr unangenehm sein. Wirklich auffallen tut das Snowden aber erst durch seine on/off-Freundin Lindsay (Shailene Woodley), die Künstlerin ist.

Als sie auf ihrem Laptop am Internet hängt und sich Akt-Fotos von sich anguckt, wird Edward nervös und bittet sie diese zu löschen (was sie nicht versteht). Als die beiden Sex haben bemerkt er, dass der Laptop aufgeklappt ist und die Kamera in ihre Richtung zeigt – was bedeutet, seine KollegInnen könnten ihm theoretisch gerade zugucken und so weiter und so fort. All das macht ihn halbwegs nervös.

Der Entschluss, alles an die Öffentlichkeit zu bringen ist dann ein sehr persönlicher, denn Edward macht sich Sorgen, ob seine Freundin eine Affäre hat, aber sein Boss beruhigt ihn, denn – wie Ed merkt – überwacht dieser ihn, seine Lebensgefährtin und alle Leute, die mit ihnen im Kontakt sind. Sie wissen schon: Für die nationale Sicherheit.

Was den Film sehenswert macht, ist wie er das Problem der Überwachung darstellt bzw. die Funktionen der Programme der USA in Kombination mit vorhandenen im Netz vorherrschenden Programmen (wie zB Facebook). Und das ist erschreckend. Es ist auch erschreckend, wozu die USA diese Dinge verwenden (da gibt es einen speziellen Fall, der im Film exemplarisch gezeigt wird – „What if she had killed herself?“ – „Then we would have used that too“). Dass die falschen Dinge in den falschen Händen immensen Schanden anrichten können, ist keine neue Erkenntnis, aber dass die falschen Hände jene der amerikanischen Regierung sind … das zeigt „Snowden“ auf ziemlich deutliche Weise. Natürlich durch die systemkritischen Augen vom „Rebell“ Oliver Stone. Und das Ende ist für meinen Geschmack dann doch viel zu dick aufgetragen.

Vermutlich wird der Film nicht helfen zu verdeutlichen, was Snowden eigentlich genau aufgedeckt hat, denn sind wir uns ehrlich: All dieser EDV-Internet-Techno-Mist ist ohnezu viel zu kompliziert und abstrakt, da spielen wir lieber Pokémon Go, anstatt zu versuchen zu verstehen was der Nerd mit der Brille uns da eigentlich sagen will mit seinem Code/Programm/Web-Gebrabbel (dazu bitte die geniale Last Week Tonight-Folge anschauen).

Und das ist der Teil, der tatsächlich schade ist, denn der Film bemüht sich in erster Linie das Bild von Edward Snowden als Held zu zeichnen und ihn in den Augen seiner amerikanischen MitbürgerInnen seinen Verräter-Stempel zu schwächen, deshalb liegt der Fokus auch wirklich auf Snowdens Person. Mich hätte weit mehr interessiert, was die USA alles mit ihren Programmen machen können und auch tatsächlich tun … denn das wird im Film (leider) nur exemplarisch angerissen.

Als Film ist „Snowden“ sehenswert, aber kein echtes Highlight. Was in Anbetracht der abstrakten Inhalte auch schwer gewesen wäre. Dafür sind Joseph Gordon-Levitt und Shailene Woodley eine starke Kombination und es ist immer schön, wenn man Nicolas Cage mal wieder nicht austicken sieht.

„Snowden“ bekommt von mir 6 von 10 möglichen, am komplizierten Inhalt scheiternde, Punkte.

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