Joker (Filmkritik)

Arthur Fleck (Joaquin Phoenix) ist hauptberuflich ein Clown. Sein Traum ist es, ein Stand-Up-Comedian zu werden und in die Talkshow seines Vorbilds Murray Franklin (Robert De Niro) eingeladen zu werden, da dieser die Vaterfigur darstellt, die Arthur gern hätte.

Nur hat es das Leben nicht allzu gut mit ihm gemeint: Er lebt mit seiner Mutter Penny (Frances Conroy), einem Pflegefall, in einer Wohnung und kümmert sich um sie. Außerdem hat er durch ein Schädel-Hirn-Trauma eine Behinderung, die sich dadurch äußert, dass er in Stresssituationen in hysterisches Lachen ausbricht – was selten zu einem für ihn guten Ergebnis führt.

Nach und nach bricht die Welt um Arthur herum ein und langsam dämmert es ihm, dass es vielleicht besser ist, in einer Welt wie dieser der Verrückte zu sein, der sich alles erlauben darf als der Verrückte, der permanent nur draufzahlen muss, weil er sich zu viele Sorgen macht und zu sehr um eine Anpassung bemüht, die ohnehin niemals stattfinden wird …

Muss man noch viel zu der Figur des „Joker“ sagen? Einer der bekanntesten und auch beliebtesten Bösewichte aus dem Batman/DC-Universum. Es gibt mehrere Versionen seiner Entstehungsgeschichte und diese hier ist quasi sein „Joker Begins“. Regisseur Todd Philipps, der ja eher für abartige und durchgeknallte Komödien berühmt ist, hat hier seine ganz eigene Version dieser Figur erschaffen – unter Mitwirkung von Scott Silver, der am Drehbuch beteiligt war (und der auch „8 Mile“ verfasst hat). Inwiefern Joaquin Phoenix mitreden konnte weiß ich nicht. Der „Legende“ nach hat Phillips allerdings das Drehbuch verfasst während er über seinem Schreibtisch ein Bild von Phoenix hängen hatte, da er sich nur ihn in dieser Rolle vorstellen konnte.

Was also, ist „Joker“ jetzt?
Ein komplexes psychologisches Meisterwerk? Der Abstieg eines Menschen in den Wahnsinn? Sozialkritik? Eine One-Man-Schauspiel-Show?
Was ist „Joker“?

Das war eine Weile keine rhetorische Frage für mich, sondern völlig ernst gemeint. Ich konnte ihn nicht einordnen.

Was fix war, ist, dass ich aus dem Kino gekommen bin und völlig sprachlos war, weil die zwei Stunden wie im Flug verflogen sind. Ich war sprachlos, wie super der Film technisch (die Belichtung! Die Nahaufnahmen! Die Musik!) gemacht ist. Phoenix ist ebenfalls grandios, auch wenn er meines Erachtens weit weniger zu tun hatte, als ich dachte. Aber allein die Szenen als er versucht sein Lachen zu unterdrücken sind einfach grandios gespielt.

Die Inszenierung baut von Anfang bis zum Ende eine tragisch-bedrohliche Grundstimmung auf, die von der grandiosen Musik und den dreckigen Farben perfekt eingefangen wird. Pathos um des Pathos Willens, natürlich – aber hey, es funktioniert perfekt. Einzig ein paar Szenen am Ende haben meinen positiven Gesamteindruck geschmälert, denn der Film hat einfach zu viele davon. Enden, meine ich. Zum Beispiel – Vorsicht, kleiner Spoiler – als Joker in der Talkshow sitzt, da meint er, er sei unpolitisch und dann plötzlich erklärt er der Welt, dass er das Produkt ihrer Unterdrückung sei. Selbst sein Idol habe ihn ja nur eingeladen, um sich über ihn lustig zu machen. Das war in meinen Augen einfach unnötig. Ein „Bösewicht“, der sich erklärt. Danke. Die gibt es im Dutzend. Das hat Joker (als Film wie als Figur) nicht verdient und das hätte es auch meiner Ansicht nicht gebraucht. Wer bis dahin nicht verstanden hat, was passiert, der oder die kapiert es auch nicht, wenn man es erklärt. Das ist allerdings ein kleiner, zu vernachlässigender Makel.

Die Frage lautete immer noch: Was ist „Joker“?

Ein psychologisches Meisterwerk? Nein. Sicher nicht. Der Verfall von Arthur ist quasi Taxi Driver mit gescheitertem Clown. Also per se nicht neu, wenn auch – nochmals: quasi perfekt inszeniert.
Ist es der beste Comic-Film im Batman-Universum? Ich finde nicht, denn die Verbindung zu Batman ist zwar gegeben, aber ein wenig konstruiert und für die Geschichte eigentlich unnötig. Aber hey, es ist ein Joker-Film. Da gehört das dazu.
Ist es der tragische Abstieg eines Mannes in die Dunkelheit, der sich befreit von allen Zwängen, die die Umwelt ihm auferlegt und der gleich dazu eine Revolution auslöst? Das kann sein, denn am Ende wird mir gezeigt, dass sich scheinbar die halbe Stadt gegen die „Reichen“ erhoben hat und der Grund dafür? Die Ermordung von drei reichen Collegekids und die Tatsache, dass ein Bürgermeisterkandidat die „arme Bevölkerung“ als Clowns bezeichnet. Wenn das genug wäre, um eine Revolution auszulösen, dann würden hier bei uns quasi alle paar Wochen die Häuser brennen.
Ist es ein Aufruf zur Revolution und zur Gewalt? Möglich, denn in letzter Konsequenz sagt der Film eines ganz klar: Am Ende, wenn du dir gar nicht mehr zu helfen weißt, dann gibt es immer noch eine Lösung, die dir offen steht: Gewalt.

Ist das eine Message, die man transportieren will/kann/soll?

Also was ist „Joker“? Ich war mir lange nicht sicher, wie ich den Film einordnen soll (was an sich schon mal toll ist, weil ich damit viel Grund zu Diskussionen hatte), bis es schließlich letzte Woche „Klick“ gemacht hat. Jetzt weiß, wie ich ihn verstehen und für mich einordnen kann. Ich hatte nämlich tatsächlich das Problem, dass ich den Film absolut genial fand, es aber nicht schaffte, das vor mir selbst zuzugeben, denn es ist tatsächlich ein wenig subtiler Aufruf zur Gewalt. Wenn man ihn so sehen will.

Ich sehe es jetzt anders: Ich sehe ihn als Warnung. An die Gesellschaft. An jene 1%, die die Macht haben, das System zu ändern und bessere Rahmenbedingungen für alle zu schaffen. Denn der Film zeigt im Grunde eines: Wenn ihr Menschen alles nehmt, dann können sie nur mehr zur Gewalt greifen. Anders hört ihr nicht auf sie. Das hat man ja auch in der Menschehitsgeschichte schon öfter miterlebt. Und eine Person wie der Joker ist – statistisch betrachtet – irgendwann unvermeidlich.

Macht ihn das zu einem großartigen Comicfilm? Keine Ahnung. Ist das noch eine Comic-Film? Noch immer keine Ahnung. Glaube ich einem Millionen-Dollar-Film und den Machern (= reichen Menschen), dass sie eine Message an ihre Kolleg*innen schicken wollen und dass sie sich auf die Seite der „Ungehörten“ stellen, während sie mit ebendieser Message Millionen scheffeln? Keine Ahnung. Vermutlich nicht.

Nimmt das dem Film irgendwas von seiner Spannung, seiner perfekten Inszenierung, der Macht seiner Bilder und der Wahrheit seiner Aussage? Nein. Tut es nicht.

Und das ist es ja, was zählen sollte.

„Joker“ bekommt von mir 9,5 von 10 möglichen, leider eine Spur zu viele Enden habende, Punkten.


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