The Seasoning House (Filmkritik)

Irgendwo im Balkan im Jahre 1996. Viktor (Kevin Howarth) führt ein illegales Haus, in dem junge Mädchen, die während Plünderungen gefangen genommen wurden, zur Prostitution gezwungen werden. Angel (Rosie Day) ist eine von ihnen, doch da sie nicht hören und sprechen kann und Viktor gefallen an ihr findet, verbringt sie ihren Alltag in Gefangenschaft damit, die anderen Mädchen mit Drogen gefügig zu machen und nach den meistens gewalttätigen Besuchen der Freier, von Blutspuren zu befreien.

Als eines Tages Goran (Sean Pertwee) und seine Söldnertruppe in das Haus kommen, eskaliert die Situation plötzlich. Angel erkennt die Mörder ihrer Mutter wieder und da ihre einzige Freundin im Haus in akuter Gefahr scheint, nützt sie ihr über die Monate angesammeltes genaues Wissen über die Lüftungsgänge, um blitzschnell zurückzuschlagen und sich danach schnell wieder zu verstecken. Ein Katz und Maus Spiel beginnt, bei dem es keine Gewinner geben kann und der Verlierer mit dem Tod bezahlt.

The Seasoning House

Paul Hyett hat jahrelange Erfahrung im Special Effects Bereich (z.b. bei Tormented) und ist auch ein Make Up/Prothesen (z.b. bei Centurion, Ironclad, Citadel) Spezialist. Mit „The Seasoning House“ liefert er nun sein Debut als Regisseur und Drehbuchautor ab, dass auch im Rahmen des diesjährigen Fantasy-Film-Festes und auf diversen anderen Festivals gezeigt wurde. Der Reiz ging für mich hier vor allem davon aus, dass die Horrorfilm Gemeinde den Film liebte und die Mainstream Meute dagegen wetterte. Immer ein gutes Zeichen wie ich finde.

Der Film hat vor allem eines und das ist eine unheimlich dichte Atmosphäre. Betritt man als Zuschauer gemeinsam mit Angel das Haus, in dem die Story die meiste Zeit spielt, dann spürt man genau, dass man hier nicht mehr so schnell herauskommen kann. Trostlosigkeit und Schrecken ohne Ende beherrschen das Geschehen, Menschlichkeit sucht man vergebens. Gewaltgeile Triebe und die kompromisslose Geldgier schaukeln sich hier gegenseitig auf, bis alle Skrupel verschwunden sind. Man fühlt sich ähnlich wie die Hauptfigur unfähig zu sprechen und wäre wohl am Liebsten nicht nur taub sondern auch noch blind angesichts dieses Grauens und der eigenen Machtlosigkeit.

Beinnahe eine Stunde nimmt sich Hyett Zeit, um diese düstere Form der ganzheitlichen Brutalität zu zeigen, dabei wirkt das Gezeigte nie wie billige Effekthascherei, sondern erzeugt eine Mischung aus Hilflosigkeit und Wut beim Betrachten. Dann eskaliert die Sache ziemlich plötzlich aber nicht unerwartet, immerhin sind die Emotionen aller Beteiligten ständig am Limit. In einer unheimlich real wirkenden Messerstecherei (das haben wir wohl der einschlägigen Erfahrung des Regisseurs zu verdanken) entladen sich dann sämtliche Gefühle der Protagonistin.

Die zweite Hälfte der Geschichte ist dann ein unfaires Versteckspiel, bei dem bewaffnete Soldaten auf ein unerfahrenes Mädchen Jagd machen. Hilflos ist Angel aber keineswegs, immerhin hat sie nichts zu verlieren und weiß, dass ihre Gegner nur aufhören werden sie zu suchen, wenn sie nicht mehr leben. Die Spannung entsteht dabei großteils darum, weil man Angel wirklich perfekt als Überlebenskämpferin wider Willen aufgebaut hat und ihren Feinden überhaupt keine Sympathien entgegenbringen kann und will.

Der wichtigste Grund, warum dieser Film so gut funktioniert, ist neben der Intelligenz hinter der Kamera, die Spielstärke davor. Die mir bisher unbekannte Rosie Day hat zwar bereits jahrelange Erfahrung als Fernsehdarstellerin in zahlreichen Serien, liefert hier aber ihr Filmdebut ab. Und was für eines. Ohne Stimme übermittelt sie als Angel sämtliche Gefühle nur über Gestik und Mimik und da ist von verspielt, hoffnungslos bis hin zu vor Schrecken erstarrt alles dabei. Sie wirkt wie ein warmer Pol in diesem eiskalten Haus, in dem Normalität (was ist das schon) bereits lange vergessen ist. Ich hoffe sie sieht man nun öfters, denn sie weiß offensichtlich wie man eine Rolle mit Leben erfüllt.

Bei den zahlreichen negativen Figuren stechen vor allem zwei heraus. Sean Pertwee (Doomsday) spielt seine Führerrolle arrogant, unfreundlich und leicht diabolisch. Ein Kerl, um den man im echten Leben einen großen Bogen machen sollte. Kevin Howarth (Gallowwalkers) ist als Bordellbetreiber nicht minder abstossend, doch noch um einiges interessanter. Wie ist er so geworden? Eiskalt, kontrolliert und effektiv grausam ohne jede Emotion. Fast hätte man gerne mehr zu seinem Werdegang – vom Mann zum Monster – erfahren, wenn man nicht so sehr mit Angel beschäftigt wäre.

Insgesamt ist dies für mich ein optisch und überhaupt technisch sehr stark inszenierter, englischer Rachethriller mit großem Drama-Part, versehen mit Horrorelementen und tollen Talenten vor und hinter der Kamera, von denen in Zukunft noch einige gute Arbeiten zu erwarten sind. Wen das hier kalt lässt, der ist entweder im falschen Filmgenre oder gehört wohl zu den fiktiven Besuchern dieses Titel spendenden Etablissements.

„The Seasoning House“ bekommt von mir 8,5/10 auch ohne Stimme am Ende lauter als alle Anderen schreiende Empfehlungspunkte.


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