Sucker Punch (Filmkritik)

Babydolls Stiefvater ist eine Bestie. Erst tötet er ihre Mutter, und versucht sich gleich nach ihrem Begräbnis nun an ihr zu vergreifen. Als sie sich seiner Annäherungen erwehrt tötet sie unbeabsichtigt ihre eigene Schwester, bekommt einen Nervenzusammenbruch und wird von der Polizei in eine Irrenanstalt eingewiesen. Deren inoffizieller Herrscher namens Blue lässt sich vom Stiefvater gut dafür bezahlen eine Lobotomy an Babydoll durchführen zu lassen, damit sie ihn nicht verraten kann. Fünf Tage bleiben ihr, um zu entkommen.

Zuerst schüchtern, freundet sich Babydoll mehr oder weniger mit den anderen Frauen in der Anstalt, die sich in Babydolls Fantasie in ein Luxusbordell verwandelt, an und plant einen Ausbruch. Vier Gegenstände müssen gefunden und erobert werden, damit die Flucht gelingt: Eine Karte, Feuer, ein Messer, der Zentralschlüssel und – ein Geheimnis muss aufgedeckt werden, dass nur Babydoll kennt.

Sucker Punch 1 Film Cast

Kurz gefasst klingt die Geschichte um Babydoll und ihren Ausbruchsversuch sehr belanglos. Wären da nicht der grandiose Trailer und die Tatsache, dass ein gewisser Zack Snyder („Dawn Of The Dead“, „300„, „Watchmen“ und „Legend Of The Guardians – The Owls of Ga’Hoole„) Regie geführt hat, hätte mich der Film vermutlich nicht interessiert. Aber da ich bis jetzt noch jeden Film dieses Mannes sehr gern mochte – wenn auch aus unterschiedlichen Gründen – habe ich mich ziemlich auf „Sucker Punch“ gefreut, bei dem Snyder gemeinsam mit seiner Frau noch dazu das erste Mal selbst das Drehbuch verfasst hat (300 und Watchmen waren Comicverfilmungen, Legend Of The Guardians basiert auf einer Buchreihe und Dawn Of The Dead war ein Remake des Romero-Klassikers).

Im Vorfeld hat man ja nicht allzu viel Gutes über „Sucker Punch“ gehört bzw. gelesen. „Belangloses, visuell tolles Musikvideo.“ oder „Nur Schein ohne Sein.“ oder „Klischeestory“ und manch einer warf dem Film bzw. seinem Macher sogar Männerfeindlichkeit vor. Zum Glück habe ich auf all diese Kommentare nicht allzu viel Wert gelegt, denn der Film – soviel sei vorweg genommen – ist ein kleines Meisterwerk. Auch wenn einige der Kritikpunkte ihre Berechtigung haben, ist der Film in Summe absolut sehenswert. Warum und weshalb ich das so empfinde, erkläre ich gern.

Snyder und seine Frau spielen bei „Sucker Punch“ mit den Klischees der Actionfilme und liebäugeln ganz offen mit einer (grandios in Szene gesetzten) Videospielästhetik. Das dies nicht jedermanns/jederfraus Sache ist, dürfte klar sein. Die Abenteuer, die Babydoll in ihrem Kopf erlebt, haben allesamt die „Optik eines Computerspiels“. Wer also gerne zusieht, wenn jemand anders vor der Playstation sitzt und den Endgegner aus den Latschen haut und sich dabei gedacht hat: „DAS wäre als Film spitze!“, dann bitte schön – hier habt ihr genau diesen Film.

Das macht den Verlauf der Szenen bis zu einem gewissen Grad klarerweise vorhersehbar, aber gerade als ich dachte, ich weiß, wie es weitergeht, macht der Film eine Linkskurve und hat mich dadurch sehr überrascht. Schade zum Teil, denn ich hätte gerne noch mehr von den „Computerspiel-Einschüben“ gesehen – was viel über deren Qualität aussagt, da ich kein Fan von sinnlosen Daueractionfeuer („Transformers 3“ oder Star Wars Episode II, der Endkampf“) bin, mir aber dennoch bei den Actionpassagen nie langweilig wurde und gleichzeitig toll, weil der Film so abwechslungsreich bleibt.
Im Gegensatz zu anderen Kollegen *hust* Bay *hust* schafft es Snyder die Action so zu inszenieren, dass es einerseits möglich ist auch wirklich zu sehen, was gerade passiert und zweitens, die Szenen nie so langatmig werden zu lassen, dass der geneigte Zuseher sich wünscht, die Action würde endlich aufhören und der Film doch bitte weitergehen.

Die Damenriege, namens Babydoll (Emily Browning, bekannt aus „Der Fluch von Darkness Falls“ oder „Lemony Snicket“), Sweet Pea (Abbie Cornish, die Stimme von Otulissa in „Legend Of The Guardians“, „Limitless„), Rocket (Jena Malone, „Life As A House „, „Cold Mountain“ oder „Into The Wild“), Blondie und Amber, sieht klarerweise bezaubernd aus. Die Optik ist auf „unschuldiges Schulmädchen“ bzw. „Bordell für Minderjährige“ getrimmt worden, was einigen sicher im Magen liegen wird – zum Setting des Films passt es auf jeden Fall super. Und ehrlich gesagt, sehe ich lieber sexy angezogenen Frauen beim Bösewichte metzeln zu (ich gebe zu auch ein Fan von DOA zu sein), als starken, bulligen Stallone-Verschnitten … Jason Statham vielleicht mal ausgenommen ;-).
Der Mentor von Babydoll, wenn man ihn so nennen will, wird von Scott Glenn gespielt, der mit seiner herrlich rauchigen Stimme und seinem Faltengesicht vor jedem Auftrag „das Briefing“ der Ladies abhält und immer noch einen lockeren Spruch auf den Lippen hat „One last thing: Don’t ever write a check with your mouth you can’t cash with your ass“.

Sucker Punch 2 Film Robot

Soweit, so gut – und jetzt lege ich mich mit ein paar Leuten an, die mir den Kopf abreißen werden:
Auf seine eigene Art ist „Sucker Punch“ der bessere „Inception„. Die Themen sind ähnlich. Träume, Flucht in andere Realitäten, deren Auswirkungen und schließlich eine Erkenntnis, mit der nicht zu rechnen war. Allerdings ohne den ganzen intelektuellen Blabla, welches scheinbar vielen „Ineception“-Fans das Gefühl gegeben hat, sie wüssten plötzlich über Philosophie Bescheid.
Snyder erklärt nicht. Er zeigt.
Er labert nicht rum. Er zeigt.
Er tut nicht „als ob“. Er macht es.

Ein paar Beispiele: Vorsicht! SPOILER folgen!
Die Drachenmutter wacht auf und entdeckt, dass Babydoll ihr Kind getötet hat, um mit den Feuersteinen zu entkommen. Niemand SAGT(!): „Oh, jetzt ist sie böse!“. Wozu auch? Das sieht man dem Drachen ganz gut an. Auch der Grund ist klar und Snyder nimmt sich sogar ein paar Sekunden Zeit zu zeigen, wie die Drachenmutter traurig winselnd ihr totes Kind mit der Nase anstupst, bevor sie wütend abdampft.
Niemand sagt: „Wir sollten abhauen, wenn wir überleben wollen!“. Wenn die Übermacht zu groß ist, dann hauen die Leute einfach ab. Ohne es zu kommentieren.
Kein Doktor steht im Film neben Babydoll und sagt irgendwann: „He, sie träumt sich während des Tanzens weg und stellt sich vor um ihr Leben zu kämpfen, damit sie ihre Angst überwindet.“ Wozu auch? – Snyder zeigt es.
Auch als Rocket Babydoll fragt: „Have you ever wanted to just take something back? You know, something you said, something you did?“ denkt man als Zuseher sofort an die tote Schwester. Babydoll antwortet „All the time.“
Und es gibt diesen klassischen „Flashback“-Schnitt in welchem kurz das Bild vom Anfang des Films wieder auftaucht NICHT(!).
Snyder traut seinen Zusehern zu, dass sie das noch wissen. Allein dafür muss man heutzutage ja schon dankbar sein. Nichts Schlimmeres als Filme, die alles zu einhundert Prozent immer wieder erklären müssen, weil sie denken sonst versteht es niemand (Das Ende von „Bourne Ultimatum“ als Jason dann auch noch „wegschwimmt“ … musste man das wirklich noch zeigen?).

Klarerweise findet auch die Snyder-typische Zeitlupe wieder ihre Verwendung. Und zwar ausgiebig. Wer damit bis jetzt nichts anfangen konnte, wird auch weiterhin nichts damit anfangen können. Aber so stylisch wie hier, hat Snyder sie noch eingesetzt. Liegt vielleicht auch daran, dass er sie großteils dazu nutzt um Emily Browning gut in Szene zu setzen und es mir nur deshalb so vorkommt als wäre sie dieses Mal „besser“ als bei den anderen Filmen. Ich bin halt auch nur ein Mann.

Nichtsdestotrotz trieft der Film vor Klischees. Der böse Stiefvater, der böse Pfleger, der perverse Bürgermeister, der fette Koch, die unschuldigen Mädchen (eigentlich erfährt man so gut wie nichts über die Damen, das unschuldig habe ich nur geschrieben, weil sie so dargestellt werden) … alles Klischees, die in „Sucker Punch“ nur zu gern benutzt werden.

Auch die eine oder andere Szene (geworfene Axt fliegt in Zeitlupe durch den Bildschirm und trifft dann „schnell“ ins Ziel, Pistolenkugel fegt in Zeitlupe aufs Ziel zu) kennt man bereits aus anderen Filmen, aber das geniale Setdesign, die Inszenierung der Kämpfe und die immer leicht abgewandelten Auflösungen der Klischees sorgen für das nötige Maß an neuen Ideen und Abwechslung, um den Film weit aus der Masse herausragen zu lassen.

Filme brauchen eine gute Story und eine gute Optik und „Sucker Punch“ trifft in beiden Fällen ins Schwarze und über das Setdesign oder die Spezialeffekte von „Sucker Punch“ brauche ich eigentlich kein Wort mehr verlieren, ja, so gut sind sie.

Die Kritik bezüglich des „langen Musikvideos“ stimmt übrigens, lange Szenen des Films sind ohne Dialoge und nur mit Musik unterlegt. Allein die ersten zehn Minuten des Films, in denen Babydolls Mutter stirbt, ihr Stiefvater versucht auf sie loszugehen und sie versehentlich ihre Schwester tötet in Kombination mit „Sweet Dreams“ erzeugt Gänsehaut. „Some of them want to use you …“ während der Stiefvater sich über Babydoll herzumachen versucht … braucht man da Dialoge? Ist damit nicht alles gesagt? Und diese nahezu perfekte Symbiose aus Musik/Text/Bildern schafft Snyder den ganzen Film lang („Army Of me“ von Björk als Babydoll ihre kämpferische Seite entdeckt, etc).

Dass die Schauspieler (und Innen) eigentlich nur nettes Beiwerk sind, das gut (im Sinne von „Zur Rolle passend“) aussehen muss, stört da eigentlich schon gar nicht mehr. Großartige Charakterentwicklungen gibt es nicht und den Damen und Herren wird großteils nicht viel mehr abverlangt, als eben ihre Klischees so gut es geht auszufüllen. Babydoll soll die „Unschuld vom Lande“ sein, das bekommt Emily Browning toll hin. Dazu braucht sie allerdings nicht viel spielen. Jede Frau, die man in diesen Kleidern mit dieser Frisur in den Film gestellt hätte, hätte genauso gewirkt. Das gleiche gilt für alle anderen. Und das stört kein bisschen.

Wenn Film also ein visuelles Medium ist, dann ist Zack Snyder meiner Meinung nach einer von jenen Filmemachern, der diese Visualität am besten nutzt.

„You are afraid? Don’t be. You have alle the weapons you need.“

Alles in allem ist „Sucker Punch“ ein Film zum immer wieder sehen und bekommt von mir 9,5 von 10 um die Freiheit kämpfenden Punkte.


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