
Attsu hat (fast) alles. Einen liebevollen Vater, eine liebende Mutter, einen – trotz aller geschwisterlichen Streitigkeiten – tollen Bruder. Sie leben in einem kleinen Haus, der Vater ist Schmied, die Mutter liebt Musik und bringt diese auch Attsu näher. Als beim Pilze sammeln ein Fremder zu ihnen stößt und ihnen zeigt, wo sie die besten Pilze finden, da vertrauen Attsu und ihr Bruder Jubei ihm zu schnell und er kommt mit ihnen mit – zum Abendessen, wie die beiden denken.
Dann stellt sich heraus, dass der Fremde auf den Namen Saito hört, ihren Vater kennt und eine – in seinen Augen – Rechnung mit ihm offen hat. Denn Saito ist der Anführer der Yotei-Six, einer Bande zusammengewürfelter Schurken, die die gesamte Insel unter ihre Gewalt bringen wollen und ein eigenes Shogunat ausrufen möchten.
Am Ende der Nacht liegt Attsus Leben in Trümmern. Die Familie tot. Sie selbst wurde mit dem Schwert ihres Vaters an den brennenden Gengko-Baum im Garten fixiert und zum Sterben zurückgelassen.
Aber sie kann sich befreien, schafft es irgendwie auf das Festland und schlägt sich dort durch. Unter anderem als Söldnerin. Sie dient in der Armee, lernt mit verschiedenen Waffen kämpfen und kommt Jahre später unter dem Deckmantel eine Kopfgeldjägerin zu sein, zurück in ihre Heimat. Ihr einziges Ziel: Die Yotei-Six finden und allesamt töten …
Lange hat es gedauert, bis der Nachfolger zu „Ghost Of Tsushima“ gekommen ist und laut war der Aufschrei, als man hörte, dass eine Frau nun die Hauptfigur sein würde. „Woker Mist!“ haben sie gerufen. Und hatten damit Unrecht. Zum Teil. Naja. Um es gleich zu sagen: Ja, alle wichtigen und starken Figuren in der Geschichte sind Frauen. Das ist mir schon auch aufgefallen – egal ob es sich um eine Verbündete von Attsu handelt oder die meisten Figuren in den Nebengeschichten. Ein paar sind schon auch Männer, aber die dienen in erster Linie dazu, Attsu mit neuen Waffen auszustatten und verschwinden dann wieder aus der Handlung.
Die wirklich ausgearbeiteten Figuren sind Frauen. Und die wirklich starken Figuren sind auch Frauen. Sogar in den Reihen der Bösewichter. Das kann man mögen, muss man aber nicht. Man kann aber auch sagen, dass es passt, weil natürlich alle einer Frau, die sich wie ein Samurai benimmt (von der Moral mal abgesehen) eher von oben herab behandelt wurde. Klar, dass sich da eher Frauen ihr gegenüber aufgeschlossen zeigen.
Zuerst mal zu den Dingen, die ich nicht so toll fand, damit wir die aus dem Weg haben.

Die Story ist ein Klischee und wer „Kill Bill“ denkt, der oder die denkt richtig. Mehr ist nicht dahinter. Ja, es gibt, ein oder zwei Überraschungen, die aber in Wirklichkeit abzusehen sind. Es gibt ein paar Kopfgeldmissionen, in denen es scheinbar eine Wahl gibt, was man tun kann, aber das Spiel entscheidet für euch. Als Beispiel sei eine Mission genannt in der eine Frau gesucht wird, weil sie einen Freier ermordet hat. Wie sich herausstellt hat er sie geschlagen, weshalb sie zum Messer griff. Attsu lässt sie gehen. Das kann man nicht beeinflussen. Keine einzige Situation kann man im Grund beeinflussen. Die Story läuft wie sie läuft. Schade, wie ich finde. Da hätte man durch ein paar Kleinigkeiten durchaus eine interessante Möglichkeit für leichte Variationen in der Story schaffen können.
Auch das Ende der Story hat mir so nicht besonders gut gefallen – einerseits weil der letzte Kampf ein wenig zu unspektakulär ausfällt und andererseits weil ein Charakter stirbt, der nicht hätte sterben müssen. Da ging es nur darum, dass man nochmals auf die Tränendrüse drückt. Aus meiner Sicht hätte ein Überleben weit mehr Sinn gehabt. Wie man sich vorstellen kann, geht es im Spiel darum, dass man durch blinde Rache alles verlieren kann – selbst das wenige, was man noch hat. „Fight for the living – not the dead“, wie es ein wichtiger Charakter im Spiel auf den Punkt bringt.
Und ohne Spoiler – es ist ja wohl allen klar, wie es endet – kann ich sagen: Dadurch, dass Attsu die Reihen von Saito ausdünnt und ihm nach und nach alles nimmt (ja, ein wenig wie im „Punisher“ mit Travolta), stehen sich die beiden fast ebenbürtig gegenüber. Das letzte Kapitel heißt auch „The Cost Of Revenge“ und tja, was soll ich sagen. Dass Saito am Ende (fast) allein dasteht ist ja eigentlich schon die Message. Dass Attsu auch noch jemanden verliert, den sie eigentlich liebt, endet sich im Grunde genommen fast wie er. Mit einer kleinen Ausnahme, aber das wäre jetzt ein riesengroßer Spoiler.
Hätte man zum Beispiel die oben erwähnten Entscheidungen eingebaut und aufgrund von ein paar Zahlen im Hintergrund festgelegt, dass zB Attsu sich von ihrer Rache lösen kann oder auch nicht und je nachdem hätte die Person, die ihr nahesteht überlebt oder nicht – das wäre meiner Ansicht nach weit besser gewesen, hätte die Message besser transportiert und wäre auch nicht allzu schlimm gewesen ins Spiel zu implementieren. Aber gut. Das ist Wunschdenken. Es ist, was es ist und ich finde das die Atmosphäre als auch die Story im ersten Teil weit besser waren. Ich fand auch, dass Jin ein besserer Charakter war.
Grundsätzlich ist Attsu anfänglich nicht allzu liebenswert oder gar sympathisch. Ja, das ändert sich während des Spiels und gegen Ende mochte ich sie gern. Hat aber gedauert. Auch die Rückblenden, die man immer wieder sieht sind zwar nett, spielerisch aber völlig unnötig. Auch die eingestreuten „Feuer entzünden“ oder „Essen braten“-Minispiele sind völlig sinnfrei. Immerhin kann man die überspringen.
Entgegen vieler anderer Stimmen bin ich auch von der Optik nicht restlos überzeugt. Ja, das Spiel sieht gut aus, aber es gibt einen Punkt (gilt für alle Spiele) an denen Style einfach nur noch das ist. Style. Und Attsus Reise führt sich durch Gegenden, die sind dermaßen Postkartenmotive – allein von den Farben und der Intensität dieser Farben her – das tut fast schon weh. Sieht das alles wundervoll aus und ziemlich cool inszeniert – ja. Absolut. Sieht man es nach einer Weile nicht mehr, weil einfach alles so dermaßen durchgestylt ist, dass es fast schon wieder langweilig ist? Ebenfalls ja.

Klettern in solchen Spielen ist übrigens auch hier – wie meistens – einfach nur die richtigen Tasten drücken und den Stick in die richtige Richtung halten. Mit einem Wort: Anspruchslos. Aber das will ich dem Spiel nicht vorhalten, dass ist in den meisten aktuellen Open-World-Spielen ja auch so.
Was hat mir gefallen?
Die Story ist im Regelfall gut inszeniert. Die Dialoge sind super geschrieben und gerade eine (männliche) Person im Spiel hat sich für mich als absoluter Anker und Favorit herauskristallisiert. Tolle Figur. Auch das Attsu immer menschlicher und zugänglicher wird ist gut gemacht. Manche Set-Pieces sind richtig cool, wenn auch manchmal bzw. gar oft die Auflösung nicht so der Hammer ist (Flucht durch rausreiten und Punkt). Dennoch: Die Story und die Charaktere halten bei der Stange und das funktioniert schon alles gut. Auch wenn ich gestehen muss, dass es hin und wieder ein paar Abfälle in der Qualität der Dialoge gibt. Vor allem wenn es um ein „Treffen“ mit dem/der ehemlaigen Kitsune geht. Diese Überzeugungsarbeit, die Dialoge … ich sehe, warum das so notwendig war, aber irgendwie hätte man das schon ein wenig besser hinkriegen können. Aber das ist jammern auf hohem Niveau.
Das Gameplay selbst – das Wechseln zwischen den verschiedenen Waffen, das Stein-Schere-Papier-Prinzip im Kampf – funktioniert super und vor allem das Sounddesign ist ein Hammer. Wenn Klingen auf Klingen oder auf Fleisch treffen – das spürt man fast körperlich. Auch die Option Waffen vom Schlachtfeld aufzuheben und als Wurfgeschosse zu verwenden macht – ebenfalls dank Sounddesign – richtig Laune und manche Massenschlachten hätten ruhiger aufgrund ebendieser Tatsache gern länger ausfallen können. Generell gibt es weniger Rätsel und viel mehr Kämpfe. Aber da diese so viel Spaß machen ist das als großes Plus zu verbuchen.
Alles in allem also ein würdiger Nachfolger? Ja. Kann man so sagen. Vom Gameplay her ist „Yotei“ sicher das bessere Spiel, aber es verlässt sich wie sein Vorgänger zu viel auf etabliertes Game-Design und traut sich bei der Story zu wenig. Es gibt Spiele, wo es passt, wenn man nichts enscheiden kann – „Assassin’s Creed Shadows“ oder „The Last Of Us Part II“ als Beispiel -, aber andere, wie dieses hier, hätten von einem Minimum an Entscheidungsfreiheit klar profitiert.
Alles in allem bekommt „Ghost Of Yotei“ von mir 8,5 von 10, seinem Vorgänger leider nicht das Wasser reichen könnende, Punkte.
