Mercy (Filmkritik)

Als Chris Raven (Chris Pratt) erwacht, stellt er entsetzt fest, dass er an einen Stuhl gebunden ist und einer KI gegenübersitzt, die ihm mitteilt, dass er verhaftet wurde, weil er seine Frau ermordet hat. Chris ist völlig fertig, denn er kann sich an nichts erinnern. Außer, dass er einer der ersten war, der die KI „Maddox“ (Rebecca Ferguson) gefeiert hat, weil diese eine objektive Richterin und Vollstreckerin ist. Als Chris jetzt jedoch selbst als Angeklagter hier sitzt, da kommen ihm dann doch Bedenken.

Er hat ein wenig über eine Stunde Zeit, um seine Unschuld zu beweisen. Dafür bekommt er Zugriff auf alle Systeme auf die auch Maddox Zugriff hat. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt und bei Chris geht es um jede Minute …

Ich habe schon lange keinen Film mehr gesehen, der gegen Ende absolut entgleist, der keine zwei Sekunden nachdenken aushält, weil sofort jedwede Logik zusammenbricht und den man mit drei Zeilen Text hätte retten können.

Aber zurück zum Start: Der Film ist super gemacht, die Optik, die visuellen Effekte – das funktioniert unglaublich gut. Im Grunde erleben wir den gesamten Film aus der Sicht von Chris Raven, der ja an einen Sessel gefesselt ist. Eingeblendete Videoaufzeichnungen, einerseits von Bodycams über Türklingel-Kameras bis hin zu Handyvideos und Social-Media-Postings.

Das hätte rasch nervig und anstregend werden können, zumal Maddox auch zwischen verschiedenen Dateiordner herumspringt und wir alle Dinge rund um Chris im Raum projiziert sehen. Das sieht eigentlich immer gut aus – ist manchmal aber auch einfach nur Selbstzweck, denn sind wir ehrlich: Welchen Mehrwert hat es innerhalb des Films für irgendjemand, dass – als man zum Beispiel sieht, wie eine Hütte in die Luft gejagt wird, das Feuer rund um Chris realistisch in den Film projiziert wird? Genau keinen. Außerhalb des Films hat es jedoch einen Grund: Es sieht einfach cool aus.

Und als ich gesehen habe, wer diesen Film hier gemacht hat – also Regie und Produktion – war mir sofort klar, dass der Film zwei Dinge erfüllen wird: Eine grandiose Optik und eine Story die um Storylücken herumgeschrieben wurden und nicht Storylücken in einer an sich durchdachten Story.

Aber ehrlich: Die ersten zwei Drittel war mir das egal, denn die Spannung war hoch, das Tempo flott und die Optik hat einfach mitgerissen. Der Schnitt hat genau das richtige Timing: Man springt als Zuseher wild durch die Datenbanken und da wird visuell einiges geboten, aber es ist nie „zu“ schnell. Das Tempo ist gerade richtig, sodass man das was man sieht aufnehmen und verarbeiten und seine Bedeutung verstehen kann, bevor es zur nächsten Info weitergeht. Alle Achtung.

Aber im letzten Drittel wirft man dann alle Zurückhaltung über Bord und dazu kommt noch, dass der Drehbuchautor einfach nicht mehr wusste, wie er alle Storystränge zusammenhalten soll und ehrlich gesagt fühlte es sich tatsächlich fast wie ein anderer Film an. Und auch die KI benimmt sich gegen Ende einfach völlig absurd.

Es wird jetzt kein großer Spoiler sein, wenn ich folgende Frage stelle: Wenn die KI Zugriff auf alle technischen Geräte hat und alle Geräte an das Netz angeschlossen werden müssen, wieso kann sie dann eine gefilmte Entführung übersehen? Ich meine … meine Telefon kann mir zehn Minuten nachdem ich mit jemanden neben dem Telefon darüber gesprochen habe, eine Werbung dazu unterjubeln und „zufällig“ anzeigen – aber es gibt keine Automatismen, welche Entführungen melden? Oder Morde? Wo doch quasi die gesamte Stadt mehr oder minder aus Kameras besteht? Pft. Nein. Sinnfrei.

Dabei hätte man einfach nur drei Zeilen Dialog einbauen müssen. Einen kurzen Dialog, in dem der KI genau diese Frage gestellt wird und die KI antwortet, dass so viele Daten auf sie einprasseln, dass ihre Energiereserven für die permanente und Analyse quasi das Land lahmlegen würden, weshalb man sich entschlossen hat, ihre Rechenleistung einzudämmen und sie auf Gerichtsverfahren und damit zusammenhängende Datafeeds reduziert hat. Punkt. Fertig. Logikproblem gelöst. Es hätte auch noch ein weiteres Problem gelöst: Der dritte Akt hätte nicht so ausarten können – zum Beispiel eine Bombe auf Rädern von einer Detonation abhalten.

Schauspielerisch gibt Chris Pratt sein Bestes und die meiste Zeit reicht es auch. Manchmal ist er knapp am Scheitern und den aggressiven, wütenden Cop am Ende mit den zusammengezogenen Augenbrauen – sorry, da musste ich einfach laut auflachen. Aber – es ist okay. Von Rebecca Ferguson kann man ja nicht viel verlangen, ich meine – sie spricht eine KI. Und das macht sie die meiste Zeit über, auch wenn sie immer wieder einmal zu menschlich klingt, zu oft blinzelt und sich zu viel bewegt, für eine KI. Aber auch hier: Die Leistung passt schon. Das Problem ist – siehe oben – das Skript. Das wäre wirklich um einiges besser gegangen.

Hat es trotzdem Spaß gemacht: Für die ersten zwei Drittel: Ja, absolut. Das letzte Drittel zieht den Film dann ein wenig runter, aber nicht genug, dass er deshalb nicht sehenswert wäre.

„Mercy“ bekommt von mir 6 von 10 möglichen, visuell grandiose aber drehbuchtechnisch am Ende scheiternde, Punkte


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