Rambo: Last Blood (Filmkritik)

Seine Zeit als Soldat hat er mehr oder weniger hinter sich gelassen, von kurzen Phasen an Flashbacks abgesehen. Man kann auch sagen, John Rambo (Sylvster Stallone) leidet an posttraumatischer Belastungsstörung. Aber er hat sein Leben gut im Griff und auf seinen dunklen Seiten hat er „den Deckel drauf“. Als psychologischen Ausgleich gräbt er auf seiner Ranch Tunnel, baut quasi ein Labyrinth unter der Weide, die gefährlich krankhaft wie jene von Vietcongs aussehen, schmiedet weiter Waffen und hört sich Musik an, die klar von Kriegsheimkehrern bevorzugt wurde (zB The Doors).

Aber das ist alles mehr oder weniger unter der Oberfläche, denn tatsächlich besteht sein Leben aus seiner Ranch, dem Aufwachsen seiner Ziehtochter Gabriela (Yvette Monreal) und das war es dann auch schon. Seine Dämonen hat er hinter Gittern eingesperrt und irgendwo tief in sich vergraben. Das Leben, könnte man so sagen, ist schön.

Doch dann will Gabriela ihren leiblichen Vater finden und ihn fragen, warum er sie als Kind verlassen hat. John rät ihr davon ab, denn er Kerl befindet sich in Mexiko und ist alles andere als nett. Aber Gabriela hört nicht und es kommt, wie es kommen muss: Sie wird von Mädchenhändlern entführt, drogenabhängig gemacht und als Sexsklavin benutzt.

Rambo versucht sie zu finden, muss aber feststellen, dass im Mexiko des neuen Jahrtausends andere Regeln gelten als im Dschungel von Vietnam oder den Schlachtfeldern von Burma …

Die erste Frage, die man sich bei „Last Blood“ stellt ist: Braucht es diesen Film? Hatte der vorige Teil nicht den perfekten, runden Abschluss von Rambos Geschichte geliefert? Und die Antwort ist: Nein, niemand „braucht“ diesen Film.

Die zweite Frage, die sich stellt: Ist „Last Blood“ überhaupt ein „echter“ Rambo-Film, wenn er in den USA/Mexiko spielt und sich der Hauptcharakter mit Mädchenhändlern und Gangstern anlegt? Die Antwort lautet: Definitiv ja. Es ist viel mehr ein Rambo-Film als es der zweite und dritte Teil waren, wenn man nach dem Charakter geht. Geht man nach der Comic-Action, dann eher nicht so richtig, denn „Last Blood“ ist vor allem eines: Richtig, richtig düster. Damit meine ich nicht die Brutalität im Sinne von Gewalt, sondern im Sinne dessen, was den Charakteren passiert und was sie ertragen müssen.

Die dritte Frage lautet: Ist es der letzte Rambo-Film? Ich vermute mal nicht. Stallone meinte zwar, das war es, aber am Ende hat man sich ein Hintertürchen offen gelassen und ein paar Wochen, nachdem er verknüdet hatte, dass es der letzte sein würde, hat er angemerkt, dass er – wenn dieser Teil sich gut verkaufen würde – er bereit wäre, einen weiteren zu machen.

Die Entstehungsgeschichte von „Last Blood“ ist übrigens auch ziemlich spannend, vor allem die Versionen, die es gibt. So gibt es eine (europäische) Version, in welcher der Film mit der Rettung von zwei Wanderern beginnt, die in der anderen (amerikanischen) Version rausgeschnitten wurde. Scheinbar gibt es in einer der beiden Versionen auch mehr Szenen, die Hintergründe über Rambos Zustand/Charakter und Besessenheit mit den Tunneln erklärt (also seine PTBS thematisiert), ich weiß aber nicht in welcher. Vermutlich läuft es darauf hinaus: Die Europäer kriegen mehr Charakter. Die Amerikaner mehr Action ohne Charakter. Wie es halt jeweils zum Land/Kontinent passt.

Die vierte Frage lautet, ob „Rambo: Last Blood“ ein guter Film ist. Unabhängig von der Erwartung die mit dem Namen Rambo einhergeht, kann ich sagen: Ja. Es ist ein kalter, harter, nihilistischer Film, aber es ist ein guter Film. Die Story ist per se nicht neu, aber auch dieses Mal schafft es Stallone (hier unter der Regie von Adrian Grunberg, der zB Mel Gibson in „Get The Gringo“ perfekt in Szene setzte) eine stimmige Geschichte zu präsentieren, die dieses Mal auf den Charakter von John Rambo zugeschnitten ist: Er ist zufrieden. Er hat eine (nicht leibliche) Tochter, die er liebt. Es geht gut und er schafft es, die Abgründe, die in ihm schlummern, unter Kontrolle zu halten. Weil er liebt und geliebt wird.

Dann wird ihm das genommen (und ihr rechnet nicht damit, wie genau ihr gezeigt bekommt, was Gabriela alles passiert) und es reißt ihm das Herz aus der Brust. Und dann passiert, was passieren muss: Der Abgrund öffnet sich und wir sind wieder im „brutalen Rache-Rambo Land“. Und zwar so richtig. Und dann sieht man, was John von den Vietcong gelernt hat.

Ich fand es ziemlich toll, dass man sich wirklich viel Zeit für die Story gelassen hat. Die Action (auf die ja scheinbar immer alle warten) kommt erst in den letzten 20 Minuten. Dann dafür so richtig. Aber sie funktioniert primär deshalb, weil wir über eine Stunde lang sehen, was vorher alles passiert. Ist diese Action dann übertrieben (und wie viele Männer passen in die paar Autos?) und extrem brutal? Ja. Aber sie befriedigt auch ziemlich, nach dem, was man davor gesehen hat.

Was ich übrigens extrem cool und witzig fand: Trump sprach ja immer von der Mauer und so weiter, welche die „bösen Mexikaner“ aus dem Land raushalten sollte. Stallone handelt das Thema in fünf Sekunden ab, denn man sieht die Mexikaner weit von der Grenze weg in einen Tunnel marschieren und kurz darauf auf der amerikanischen Seite (erneut weit von der Grenze weg) rauskommen. Ähnlich wie in „Sicario„. Fand ich einen netten Seitenhieb. Achja, es gab auch eine Menge Rassismus-Vorwürfe gegen den Film, was ich zwar nachvollziehen kann (diesen Vorworf kann man bei diesem Film eigentlich ganz leicht konstruieren), aber nicht so empfunden hatte. In „Last Blood“ stellen keine Mexikaner schlimme Sachen an, sondern die Kartelle und einzelne Personen. Ich habe im gesamten Film keine Pauschalverurteilung oder ähnliches gehört. Das ist als würde mir jemand erklären, ich sei Rassist und würde Italien schlechtmachen, wenn ich sage, dass die Mafia brutal und gefährlich ist. Das sind für mich einfach zwei Paar Schuhe.

Stallone selbst wirkt hier so alt wie überhaupt noch nie. Sein Gesicht scheint nur noch aus Falten zu bestehen und wenn er spricht, dann kann man oft nur überlegen, ob er jetzt wirklich was gesagt oder nur gegrummelt hat. Wenn das die Maskenabteilung war, die ihn so alt geschminkt hat, dann bin ich beeindruckt. Wenn er mittlerweile wirklich so alt aussieht, dann bin ich fast ein bisschen schockiert.

„Rambo: Last Blood“ bekommt von mir 8 von 10 möglichen, sich erstaunlich viel Zeit für eine erstaunlich tragische, berührende, Story nehmende, Punkte.


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