Gänsehaut-Momente: The Last Of Us – Ellies Vertrauen

Joel ist Vater. Zugegeben. Seine Tochter ist nicht seine biologische Tochter, aber das Band zwischen ihm und ihr, das ist etwas Besonderes. Er würde durch die Hölle für sie gehen, oder anders gesagt: Er würde alle zur Hölle schicken für sie. Er wollte das nicht. Er wollte nie wieder einem Menschen so nahe kommen, denn in seiner Erfahrung ist so, dass alle Menschen, die man in sein Herz schließt entweder dieses Herz brechen oder abhauen oder sterben. Die Welt ist bösartig, gemein und sie hat es auf sie abgesehen.

Aber Ellie … sie berührt etwas in Joel und erinnert ihn an eine Zeit in welcher die Welt noch nicht voller Monster (in menschlicher und mutierter, animalischer Form) war. Während Joel sich anfangs sträubt auf die kleine Göre aufzupassen, überstehen die beiden gemeinsam eine Menge Gefahren und noch bevor er sich so richtig versieht, sieht er in Ellie seine Tochter.

Und das macht eine Menge Probleme.

Denn die Frage, ob das Wohl eines Menschen, den man liebt, über das Wohl aller anderen gestellt werden kann ist, eine Frage, die sicherlich nicht einfach ist. Tatsache ist: Ellie ist immun gegen die Pilzsporen, welche die Menschen in der Welt von „The Last Of Us“ zu Monstern macht. In ihr, bzw. in ihrem Gehirn, liegt die Chance auf den Sieg über die Pilzsporen. Sie ist der Schlüssel. Sie macht die Rückkehr in eine Welt ohne die „Infizierten“ möglich.

Auf ihrer Reise retten sich die beiden gegenseitig – nicht nur in physischer, sondern auch – und vor allem – in seelischer Hinsicht. Aber je näher sie ihrem Ziel kommen, desto klarer wird Ellie, dass sie vielleicht nicht überleben wird. Dass es durchaus sein kann, dass sie als Heilmittel gebraucht wird – und nicht als lebendige, atmende Person. Sie weiß es. Sie akzeptiert es. Wenn die Welt dadurch ein besserer Ort wird und Millionen gerettet werden können, dann opfert sie sich – für eine Welt, die sie nie kannte.

Wir stehen mit Joel neben ihr und fragen uns, ob es das alles wert ist. Ob es wirklich so sein kann, dass ein junges Mädchen sich opfern darf für eine Welt, die es vermutlich weder erfahren wird, noch die ihr dafür gebührende Dankbarkeit entgegenbringen wird. Eine Welt, die wir kennen. Eine Welt voll Krieg, Hass, Propaganda, Rassismus, Diktaturen (die einen politisch, die anderen wirtschaftlich) und Betrug. Eine Welt, von den Pilzsporen abgesehen, die der von „The Last Of Us“ so unähnlich gar nicht sein mag.

Dafür sollen wir tatenlos zusehen, wie Ellie sich opfert? Wie wir eine Tochter verlieren? Wie uns eine Person genommen wird, die zwar jung ist, aber so viel weiter als so viele andere Menschen, die wir auf unserem Weg kennengelernt haben? Eine junge Frau, die so stark das repräsentiert, was diese Welt lebenswert macht? Sie für Menschen opfern, die – kaum holt sich die Natur ihren Lebensraum zurück – sofort wieder in paranoide Machtkämpfe und bestialische Vorgehensweisen verfallen?

Und ab jetzt folgen SPOILER.

Nein. Das tun wir nicht. Natürlich tun wir das nicht. Wenn auch nur der kleinste Zweifel besteht, dass die Sache schief gehen könnte, dass Ellie sich opfern könnte und es niemand nützt, dann gibt es keine Sekunde nachdenken.

Scheinbar gibt es die Option Tonbänder zu finden, im Lager/Hospital in das man Ellie bringt, auf welchen die Ärzte darüber sprechen, dass es bereits die xte Person ist, die immun ist und keine hat die Operation überlebt und ein Gegenmittel gegen die Sporen ist noch immer so weit weg, wie es vorher war. Dieses Band hätte die Entscheidung natürlich noch leichter gemacht, aber auch so war es nie wirklich Thema.

Es gibt ein Gespräch mit Marlene, die Joel mit Ellie auf die Reise schickt, und dieses Gespräch war für mich Grund genug. Es gibt Zweifel. Es gibt keine Garantie. Es kann sein, dass die Sache nichts bringt. Dann gebt mir Ellie zurück, lasst mich meiner Wege ziehen und lasst uns in Ruhe.

Natürlich passiert das nicht und Joel macht, was Joel macht. Er legt alle um, die sich ihm in den Weg stellen, schnappt sich die bewusstlose auf die OP vorbereitete Ellie und flieht. So weit, so klar.

Dann wacht Ellie auf. Die Ellie, die sich opfern wollte für die Welt. Die Ellie, die das Leben aller anderen über ihres stellt (noch ein Grund, warum sie die Beste von uns allen ist) und ist sichtlich verwirrt. Joel erklärt ihr, dass die Ärzte aufgegeben haben nach einem Gegenmittel zu suchen und sie jetzt in Ruhe ein gutes Leben leben können. Joel ist fröhlich. Er hat seine Tochter wieder. Er weiß, alles wird gut.

Aber Ellie ist skeptisch.

Ganz am Ende macht Ellie ihrer Skepsis Luft. Sie blickt Joel an. Sie will die Wahrheit wissen. Ist alles, was er ihr gesagt hat, über das Ende der Suche nach dem Heilmittel, darüber, warum sie noch immer lebt und hier mit ihm unterwegs ist … ist das alles wahr? Joel sieht ihr in die Augen, lächelt – und bekräftigt seine Lüge.

Ellie sieht ihm in die Augen, sucht sein Gesicht nach der Wahrheit ab, nach einem Zeichen der Lüge, nach einem Grund für ihr Misstrauen – und entscheidet sich ihm zu glauben.

„Okay“, sagt sie. Und vertraut Joel.
Der sie eben betrogen und belogen hat.

Und das dritte Mal in meinem Leben sitze ich vor einem Videospiel, freue mich tierisch, weil die Verbindung zwischen Joel und Ellie so stark ist, dass sie ihm glaubt und gleichzeitg habe ich ein dermaßen schlechtes Gewissen, dass ich die nächsten Tage und Wochen allen in meinem Umfeld von dieser Szene erzähle und sie nach ihrer Meinung frage. Was denkt ihr? War das schlimm? War das richtig? War es falsch?

Ich weiß es noch immer nicht.
Ich weiß nur, dass die Welt von „The Last Of Us“ ohne Ellie eine Welt ist, die gern zugrunde gehen darf. Ist das falsch?


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