Gänsehaut-Momente: Mass Effect 3 – Mordin Solus

Wenn es eine Spielreihe gibt, die ihre Charaktere vor alles andere gestellt hat, dann ist es wohl Mass Effect. Niemand der die Reihe gespielt hat wird behaupten können, dass es sich bei den vorkommenden Charakteren um Abziehbilder handelt, sondern das sind runde, aktive, selbständige Persönlichkeiten. Und niemand personifiziert das besser als Mordin Solus.

Im zweiten Teil der Sci-Fi-Reihe von Bioware lernt man den extrem logischen, pragmatischen und intelligenter-als-alle-anderen Salarianer kennen. Er hat in einem virusverseuchten Bezirk einer Raumstation eine Klinik aufgemacht und versucht dort die Menschen zu heilen. Eine Bande will Schutzgeld erpressen und Mordin knallt sie eiskalt über den Haufen. Seine Begründung: Die Intervention der Banditen hätte zu folgenschweren Konsequenzen für alle Kranken geführt und die Schutzgelderpressung die Möglichkeiten auf Heilung eingeschränkt, also blieb nur die Schlussfolgerung: Entsorge die Banditen, dann ist auch das Problem weg.

Pragmatisch. Skrupellos.
Und trotzdem ein Menschenfreund. Oder eigentlich Alienfreund. Oder … hm, äh, Freund von allen Lebensformen ganz allgemein.

Mordin begleitet Shepard und seine Crew durch das Abenteuer und wenn man sich nicht völlig blöd anstellt, dann wird Mordin einer der verlässlichsten, loyalsten und großartigsten Charaktere mit denen man in Mass Effect 2 und 3 seine Zeit verbringen kann.

Und ab jezt folgen SPOILER.

Es gibt sehr, sehr viele Begegnungen mit Mordin, die im Gedächtnis bleiben. Eine Sache zieht sich allerdings durch: Der Genophage. Kurz gefasst: Es gab eine Rasse im Universum, die haben sich vermehrt wie die Karnikel. Nur waren sie weniger flauschig, mehr gepanzert und sie hatten einen starken Hang zur aggressiven Expansion. Diese konnte nur eingedämmt werden, indem sich mehrere Forscher zusammenschlossen und ein Virus entwickelten, welches die Fruchtbarkeit der Weibchen dieser Rasse so stark dezimierte, dass die gesamte Rasse gezwungen war, ihr Verhalten zu ändern – denn das Überleben war plötzlich schwer geworden. Auch ohne Kampf und Krieg. Über die ethischen Implikationen dieses Vorgehens wurde in allen Mass Effect-Teilen häufig diskutiert und das Thema ist alles andere als leicht.

Mordin Solus war einer, wenn nicht DER Wissenschaftler, der den Genophage erdacht und möglich gemacht hat. Mit den Worten von Mordin: „Had to be me. Others might have gotten it wrong“. Denn der gute Mann ist dermaßen gut in seinem Feld, dass er es geschafft hat, den Virus so zu bauen, dass nicht zu wenige Weibchen fruchtbar bleiben, aber auch nicht zu viele. „Had to be right. Had to be me.“

Allerdings lernt Mordin als Shepards Begleiter einige Männer (und später Weibchen) dieser Rasse selbst kennen. Die sind immer noch Krieger, aber gebrochene Krieger. Auf ein fruchtbares Weibchen kommen hunderte Männer. Mann kann sich vorstellen, was das für Rituale zwischen den Alpha-Tieren auslösen kann. Und auch tut. Und Mordin bekommt das alles direkt mit. Und beginnt sich zu fragen, ob es vielleicht nicht doch ein Fehler war. „Made a mistake. Doesn’t usually happen.“

Wer mit Mordin Zeit verbringt wird unweigerlich feststellen, dass der gute Kerl voller Überraschungen steckt: Nach mehreren Dialogen erklärt er einem gleich mal voller Selbstbewusstsein, dass er die Annäherungsversuche schmeichelhaft findet, er aber kein Interesse an einer sexuellen Interaktion mit Menschen hat. Er findet sie halt nicht sehr erotisch. Auf die völlig verblüffte Frage, wie er darauf kommt, dass man dies möchte, antwortet er völlig sachlich: „Drop by often. Only talk. Conclussion only natuarl. Females often drawn towards me.“

Oder ein anderes Mal, als man entdeckt, dass er früher ein Spion und Agent war. Oder Sänger. Oder Schauspieler. Und dann bricht er plötzlich in Gesang aus und singt „Scientist Salarian“ (basierend auf dem Stück „Modern Major-General (ab 1:05)“, dass ihr alle der Melodie nach kennt). Es gibt auch ein Gespräch, ein seltens Gespräch in welchem Mordin persönlich wird und darüber spricht, was er gern machen würde. Sich zur Ruhe setzen. Füße in den Sand stecken. Sehen wie das Wasser die Muscheln am Meer umspült.

Und dann die Muscheln diversen wissenschaftlichen Tests unterziehen. Ja, da musste ich grinsen.

Gegen Ende von Mass Effect 3 hängt dann alles von euren vorhergegangenen Taten ab. In meinem Fall(!) hat Mordin sich entschieden die Genophage zu neutralisieren. Klarerweise geht einiges schief und Shepard und Mordin stehen in einem Turm, einem Sender, der das Anti-Virus freisetzen kann. Rundherum brennt es. Das Ding wird in Kürze in die Luft fliegen. Ein Lift führt zum Terminal, welches für die Freischaltung des Virus gebraucht wird. Nach einem kurzen Gespräch betrifft Mordin den Lift, bereit in den sicheren Tod zu fahren um seinen Fehler gut zu machen. Ein letzter Blick auf Shepard. Eine letzte Sekunde Friede. Ein letzter Moment Hoffnung auf eine Zukunft. Und ein letzter Satz von Mordin zu Shepard: „Would have liked to test that seashells.“

Dann fährt der Lift. Shepard flieht. Und Mordin – rettet eine ganze Rasse vor dem Ausstreben. Das Virus verbreitet sich, fällt wie Asche vom Himmel. Die Explosion zerfetzt den Turm. Mordin mit ihm. Die Flammen und der Rauch vermischen sich mit dem sonderbaren Leuchten des Virus. Und Shepard steht nur da, blickt ungläubig in die Richtung in welcher seiner Freund Mordin eben sein Leben gelassen hat.

Und zum ersten Mal wird mir bewusst: Das kann nicht gut enden. Es kann für uns alle kein gutes Ende geben. Und wenn ich möchte, dass die Sache (Rettung der Erde und des Universums) auch nur den Hauch einer Chance bekommt, dann werde ich mit allen die hier neben mir stehen wohl mit dem Leben dafür bezahlen.

Und Mordin? Mordin hat das gemacht, was er immer gemacht hat: Er hat uns allen gezeigt, dass es für alle Taten Konsequenzen gibt. Mordin war Held genug, seine Last auf seine Schultern zu nehmen und niemand anderen dafür durchs Feuer gehen zu lassen.

Und ich hoffe, dass – wenn es so weit ist – ich genauso viel Mut aufbringe wie mein Freund.

(Allein beim Schreiben dieser Zeilen steigen mir bereits wieder Tränen in die Augen. Und das letzte Mal, dass ich die Mass Effect-Trilogie gespielt habe ist mindestens fünf Jahre her)


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