Shin Godzilla (Filmkritik)

In Tokio herrscht Verwunderung, denn irgendein Problem ist in der Bucht aufgetaucht. Ersten Augenzeugen, die von einem großen, lebeden Organismus sprechen schenkt man keinen glauben – zumindest bis ein großer Schwanz aus dem Wasser erhebt und die Tatsachen für sich sprechen.

Die Regierung zögert – was könnte das sein, was ist da los und was sollen wir denn bitte tun? Aber da bewegt sich das Ding bereits aufs Festland zu und zieht eine Schneise der Verwüstung durchs Land. Dann erstarrt es. Dann mutiert es.

Und immerzu wird gezögert und überlegt, wie man nun vorgehen soll – bis es schließlich wirklich groß und mächtig wird und sich die Frage stellt, ob Man(n) es überhaupt aufhalten kann?

Ich verstehe jeden Menschen, der mit diesem Film nichts anfangen kann. Ich verstehe auch alle, die dem Godzilla-Reboot von 2014 vorwerfen der Kampf der Monster würde viel zu kurz sein.

Ich teile diese Meinungen nur nicht.

Wer einen Godzilla-Film sehen will, der vor Wahnwitz und Zerstörungsorgien fast zerbirst soll sich „Godzilla: Final Wars“ ansehen und damit glücklich werden (ich war sehr glücklich). Dieser Film hier (als auch der 2014er) haben damit nichts am Hut.

War der 2014er-Film ein Versuch „Godzilla“ zu einem Naturphänomen zu machen und ihn (oder sie?) auf die Seite der „Guten“ zu stellen (man sehe sich dazu das „how it should have ended“ auf youtube an, das trifft den Nagal auf den Kopf – ich sag nur „let them fight“), so sehr versucht „Shin Godzilla“ wieder dahin zurückzukehren, dass Godzilla weder gut noch böse ist. Godzilla IST.

Godzilla hat keine Meinung. Es nimmt keine Rache. Es will niemanden aufhalten. Godzilla ist ein Ergebnis. Es ist eine Konsequenz. Und jedwede Zerstörung, die durch das riesige Vieh (ist es das?) geschieht, ist auf eine fehlerhafte (oder noch schlimmer: fehlende!) Entscheidung von außerhalb zurückzuführen.

„Abwarten, Tee trinken, notfalls mal drauf schießen, vielleicht hilft es ja?“
Dabei ist es nicht einmal das Abwarten per se – es ist auch in vielerlei Hinsicht ein Hören auf die falschen Leute, ein Reagieren auf etwas, bevor man die Fakten kennt. Ein Umgang mit dem, was man zu sehen glaubt, bevor man wirklich versteht, was man da gerade sieht. Das ist „Shin Godzilla“. Eine Warnung. Ein Kommentar zur Schnell-Schuß-Politik (im doppelten Wortsinn) und den daraus resultierenden Folgen. Denn jeder Schnell-„Schuß“ macht das Monster nur stärker.

Und da bieten sich jetzt gefühte Millionen von Interpretationen an. Und das genau ist der Ursprung von Godzilla. Eine personifizierte Metapher. Da gibt es gerade in „Shin Godzilla“ viele Beispiele. Jeder Versuch/Schnellschuß läuft darauf hinaus, dass Godzilla mutiert und wieder etwas zerlegt. Absichtlich? Nein. Das ist halt ein Nebenprodukt von außer Kontrolle geratener Radioaktivität (ah – ist jetzt die ganz, ganz, gaaaaanz subtile Metapher klarer geworden? Godzilla besteht/ernährt sich von Radioaktivtät) – es gibt Opfer und die gibt es anfangs im direkten Umfeld. Aber je länger es dauert, desto weiter und größer geht die Verwüstung voran.

Es ist schon sehr symbolisch, dass es letzten Endes Züge und Löschfahrzeuge sind, die das Monster zur Strecke bringen, wenngleich man ob der letzten Bilder schon weiß – das Biest schläft nur. Es ist nicht besiegt. Das kann sich jederzeit wieder rühren, wenn man nicht aufpasst. Nochmals: Geht es deutlicher? So als Metapher? Subitl geht anders, das muss man schon sagen. Das kann man mögen und gut finden: Muss man aber nicht.

Wer also einen Monsterfilm erwartet, in welchem alles durch die Bank zerlegt und zerstört wird, der oder die ist hier fehl am Platze. Aggressive Verhaltensweisen werden in „Shin Godzilla“ mit Vernichtung bestraft. Die Actionszenen sehen gut aus, sind aber sehr kurz gehalten. Waffen bringen den Tod und machen alles nur schlimmer.

Was letzten Endes die Welt rettet ist relativ simpel: Gebt der Wissenschaft (Metapher für: Holt euch erst mal alle Fakten!) die Zeit die sie braucht, bevor ihr anfangt hirnlos draufzuhauen – ihr seht doch, dass dies alles nur noch schlimmer macht.

Dazu kommt, ebenfalls wenig subtil, dass die USA sich nach einiger Zeit einschalten und deren erste Lösung ist halt gleich mal (Hallo UNO, hallo UN, hallo EU) Bomben drauf und gut isses. Das dies für die Bevölkerung verheerende Folgen hat muss man halt (am anderen Ende der Welt sitzend) in Kauf nehmen. Ich kann es gar nicht oft genug sagen: Subtil? Nein, danke. Aber auch leider auf Fakten basierend (Irak? Afghanistan?).

Wer mit all dem Zeug, dass ich hier geschrieben habe nichts anfangen kann und nur stumm den Kopf schütteltn muss, der oder sie sollte einen großen Bogen machen, denn „Shin Godzilla“ ist ein extrem politischer Film, ein Statement in B-Movie-Form. Wer allerdings eine hirnlose Action-Orgie erwartet ist hier komplett fehl am Platze.

Es sagt schon einiges aus, wenn die meiste Zeit des Films über nur die Menschen gezeigt werden. Godzilla selbst kommt gefühlte 30 Minuten davon vor. Und 15 davon steht das Monster nur rum und guckt böse. Nix mit Action.

Dafür sind sogar die Dialoge und Krisensitzungen super gefilmt, flott geschnitten und wirklich gut anzusehen und sauber inszeniert. Man muss halt akzeptieren, dass die deutsche Übersetzung (vermute ich jetzt mal) ein paar Doppeldeutigkeiten kaputt gemacht hat, aber auch so hat „Shin Godzilla“ kein Problem, denn wie gesagt: Die Metapher werden nicht in Dialogen sondern in Handlungssträngen und Situationen transportiert. Auf dieser Ebene ist „Shin Godzilla“ wohl der originalgetreueste Godzilla seit dem Erstlingswerk und die Kombination aus „B-Movie-Charme“ und „Triple-A-Message“ erinnert mich stark an „Iron Sky„, auch wenn „Shin Godzilla“ keine Zeit für Satire hat.

Ich meine, habt ihr das Monster gesehen? Wisst ihr, dass es nur schläft? Ist euch klar, dass eure Anführer euch ohne mit der Wimper zu zucken fast ausgelöscht hätten?

Das ist nicht witzig. Aber es ist ein verdammt genial verpacktes Stück Kino, dass es in meinen Augen verdient hätte an Filmschulen als Lehrstück über „Filme mit Message“ zu gelten. So viel offensichtliche Kriktik würde in Form einer Doku wohl sofort beschlagnahmt werden.

„Shin Godzilla“ bekommt von mir 9 von 10 möglichen, als (welt- und/oder umwelt)politische Parabel extrem beeindruckend funktionierende Punkte.

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