Gänsehaut-Momente: The Last Of Us – Joel: „Ich glaube ihm“

Die Welt ist am Abgrund. Sogar noch ein paar Schritte darüber hinaus. Eine Infektion hat beinahe die gesamte Menschheit dahingerafft. Der Fungus (Pilz) pflanzt sich ins Gehirn der Menschen, wuchert, zerstört alle ihre Gehirnfunktionen und macht aggressive Bestien aus ihnen. Die Hinterbliebenen haben sich in Kommunen gesammelt. Es gibt eine eigene Regierung, diese herrscht aber mit eiserner Hand – grundsätzlich zum Schutz der BürgerInnen. Wenn sich Menschen jedoch aus der Schutzzone begeben, werden sie gnadenlos gejagt, denn die Gefahr, dass er Fungus eingeschleppt wird, ist zu groß.

Joel ist einer der Überlebenden, der sich aufgrund seiner Verbitterung und seines Zynismus aber nicht viel um Menschen schert. Auch um Regeln nicht. Einzig Tess ist ihm noch etwas wert. Sie ist seine Partnerin, seine Vertraute, die einzige, die sein Vertrauen noch besitzt. Als sie eines Tages den Auftrag bekommen (und das ist nett formuliert) ein junges Mädchen in eine andere Stadt zu schmuggeln, interessiert das Joel nicht wirklich. Aber Tess besteht darauf.

Kurz gefasst: Es geht wirklich einiges schief und die Gruppe muss sich durch allerlei Gefahren kämpfen. Wie üblich in diesem Genre sind es aber nicht die Monster von welchen die größte Gefahr ausgeht, sondern die Menschen. Banden belagern die Gegend und der Stärkere überlebt. Da werden schon Hinterhalte aufgebaut und die Hilfsbereitschaft von anderen beinhart ausgenutzt. Wer in dieser Welt zimperlich ist überlebt nicht lange. Und Joel hat diese Weisheit zu 100% verinnerlicht.

Nach langem Hin und Her und einigen knappen Situationen kommen sich Joel und Ellie näher. Sie werden Freunde. Sie werden beinahe wie Vater und Tochter (wer wissen will, warum sollte unbedingt „The Last Of Us“ spielen … eigentlich sollten alle, die es noch nicht getan haben, dieses Spiel spielen).

Und ab jetzt folgen SPOILER.

Später im Spiel: Joel wurde schwer verletzt. Ellie rettet ihn, besorgt Essen, pflegt ihn und treibt sogar Medikamente auf. Dann wird sie entführt. Joel, noch schwach, reisst sich am Riemen und macht sich auf den Weg um sie zu retten.

Da er aber nicht weiß, wohin sie geschafft wurde, nimmt er zwei Angreifer als Geiseln, bindet sie an Stühle und beginnt sie zu „verhören“. Das ist eine der intensivsten Szenen im Spiel, denn dachte man eine zeitlang, dass Joel auftaut und menschlicher wird, so wird man hier mit einer bitteren Wahrheit konfrontiert. Joel ist nicht menschlicher geworden. Joel ist immer noch der eiskalte, beinharte Mistkerl, der er war, bevor er Ellie getroffen hat. Er reißt sich nur zusammen, wenn sie dabei ist.

Während er die erste Geisel „verhört“ dauert es nicht lange und diese gibt ihm die Position des Lagers preis. Joel geht wenig zimperlich zu Werke, rammt dem Kerl schon mal ein Messer in den Oberschenkel und dreht es hin und her, damit es auch möglichst schmerzhaft wird und … nun ja. Der Kerl markiert die Position des Lagers auf einer Landkarte nachdem Joel ihm sagt, dass es hoffentlich der gleiche Punkt sein wird, den sein Freund da hinter später auf einer anderen Karte machen wird.

Er zeichnet das Lager ein.
Und Joel bricht ihm das Genick.

Dann geht er auf die zweite Geisel zu, die entsetzt und panisch herumschreit – „Ich sage dir nichts – gar nichts, überhaupt nichts!“, aber Joel beugt sich völlig unbeeindruckt nach unten und hebt ein Metallrohr auf. Dann hebt er es hoch, blickt den Kerl an und sagt: „Das macht nichts. Ich glaube ihm.“ Dann erschlägt er ihn.

Ich weiß nicht, wie lange ich mit offenem Mund vor dem Bildschirm saß und nicht ganz glauben konnte, was da eben passiert war. Joel ist der „Gute“. Joel ist der „Held“ der Geschichte. „Gute“ machen das nicht. Trotzdem: Er hat es gemacht. In einer Welt, die voller Grauen ist, ist Joel mit Sicherheit keiner der Unschuldigen. Im Gegenteil.

Es ist nicht der erste Hinweis, aber der deutlichste – Joel ist kein Held und er wird keiner werden. Joel ist kein Menschenfreund – die Menschen, die Menschheit sind ihm völlig egal. Joel ist sich selbst der Nächste. Und Ellie – die betrachtet er als seine Tochter. Und wehe allen, die sich ihm in den Weg stellen sie zu finden und/oder sie zu beschützen.

Später lernen wir, dass die wehrlosen Kerle, die Joel da getötet hat, Kannibalen waren. Sie essen Menschen. Das nimmt uns als Spieler ein wenig das schlechte Gewissen, denn trotz dieser Aktion – sind wir ehrlich – ist Joel im Grunde ein Kerl mit dem Herz am richtigen Fleck. Die Welt hat ihn bitter gemacht. Er braucht nur eine Chance, dann kann er Erlösung finden. Zumindest glaubt man das.

Bis zu dieser Szene.
Ja, die Typen sind Kannibalen. Ja, sie haben für alles was sie getan haben, vermutlich, verdient, was Joel mit ihnen gemacht hat.
Aber Joel wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, dass sie Kannibalen sind.
Und für ihn macht es genau KEINEN Unterschied. Für ihn zählt nur: Ellie. Seine Tochter.

Das mag nachvollziehbar sein. Das mag verständlich sein. Aber die extreme Kälte, Berechnung und Grausamkeit mit der Joel vorgeht hinterlassen ein verdammt mulmiges Gefühl in der Magengegend. So sehr ich mich gefreut habe, als Joel Ellie wieder findet. Als sie wieder zusammen sind, so sehr hatte ich das ungute Gefühl, dass dies alles nicht so enden wird, wie ich es erwarte.

Das Schlimme daran? In dem Moment, in dem Joel sagt „Ich glaube ihm“ und der zweiten, wehrlosen Geisel den Hals umdreht, bin ich voll und ganz bei ihm. Ich fühle seine Wut. Dann kommt mir ein Gedanke: Könnte ich auch so werden? Könnte ich unter bestimmten Bedingungen zu einem eiskalten Monster werden?

Joel hat mir die Antwort gegeben. Nicht durch seine Taten, aber dadurch, dass ich ihn in dem Moment, in welchem es passiert nicht verurteile, sondern ihm fast auf die Schulter klopfen und ins ins Ohr raunen möchte: „Okay. Gut so. Und jetzt retten wir Ellie.“ Kein Entsetzen. Keine Reue. Kein Mitleid. Ich fühle seinen Zorn und für keine Sekunde hinterfrage ich seine Methode. Das kommt später. Wenn Ellie gefunden und gerettet ist.

Dann frage ich mich: Was verdammt habe ich da gerade okay gefunden?

So macht man großartige Spiele, schreibt großartiges Storytelling: Abgesehen von den großartigen Charakteren gibt es wenig Spiele, die mir das Gefühl geben etwas über mich gelernt zu haben. „The Last Of Us“ hat mir dieses Gefühl zu geben. Und ich habe die Wochen nachdem ich es durchgespielt habe, sehr sehr oft mit anderen Leuten über das Spiel und konkret diese (und eine zweite) Szene gesprochen.

Und ich kriege immer noch Gänsehaut.


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