Deadpool (Filmkritik)

Wade Wilson (Ryan Reynolds) schlägt sich als Söldner durch sein Leben. Er bezeichnet sich selbst als Bösewicht, der schlimmeren Bösewichten das Leben schwer macht. Mit Vanessa (Morena Baccarin) trifft er zufällig in einer Bar die Frau seines Lebens. Seinen Heiratsantrag nimmt sie an, das Leben war noch nie so schön für Wade. Doch dann die Diagnose: Krebs und zwar gleich in mehreren lebenswichtigen Organen.

Als ihn kurz darauf ein seltsamer Typ im Anzug anspricht und ihm nicht nur Heilung sondern auch noch Superkräfte verspricht, lässt er ihn zunächst abblitzen. Vor allem wegen Vanessa sagt er schließlich doch zu. Was dann geschieht, nun, das war von keinem der Beteiligten so geplant. Es wird Zeit für Wade mittels des Einsatzes von expliziter Gewalt, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen.

Deadpool

Deadpool alias Wade Winston Wilson, erblickte das Licht der Comicwelt erstmals im Jahre 1991. Zunächst als Schurke geplant, entwickelte er sich schon bald zum Antihelden und hat seitdem neben diversen eigenen Serien, immer wieder Gastauftritte in sämtlichen anderen Marvel-Comics. In filmischer Hinsicht wurde seiner Karriere 2009 im Film „X-Men Origins: Wolverine“ ein ordentlicher Dämpfer verpasst, bei dem zwar bereits Ryan Reynolds den Charakter spielte, dieser jedoch stark verändert wurde und somit die Erwartungen der Fans kaum befriedigt wurden.

Jahre in der Produktionshölle konnten Reynolds Traumprojekt nicht stoppen und nachdem eine CGI-Testsequenz 2014 im Internet auftauchte und diese allgemein für Jubel sorgte, gab das Studio FOX endlich grünes Licht (nein, nicht das aus der Laterne, das war WarnerBros). Die Regie übernahm Tim Miller, der hiermit sein Debüt abliefert und bis jetzt hauptsächlich für Visual Effects zuständig war (z.b. bei Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt oder Mass Effect 2). Die Entscheidung ein R-Rating anzustreben, war dabei nicht nur mutig, sondern für diesen Charakter auch essentiell.

Mittlerweile ist klar: Reynolds Geduld hat sich bezahlt gemacht, es hat funktioniert. Bei Kosten von 60 Millionen Dollar hat er bereits eine halbe Milliarde weltweit wieder eingespielt, einige Rekorde gebrochen und Teil 2 wird im Jahr 2017 ins Kino kommen. Der Erfolg ist groß, genau wie die oberflächlich zelebrierte Coolness, die auch den verschiedensten Menschen zugänglich ist, die das Ausgangsmaterial nicht kennen. Hat der Film deshalb eine Abwehrhaltung verdient, die ein derartiger Hype bei manchen Leuten auslösen kann?

Da kann ich nur ganz klar „Nein!“ darauf sagen und genau wie Deadpool, zwischen den Ebenen hin und her hüpfen (ja, ich meine die Metaebene). Ich schreibe nun als einer, der Wade „kennt“. Was der Film trotz des ganzen Humors sehr gut macht, ist auf die Intelligenz der Zuschauer zu setzen. Dabei spricht er vor allem das bei Nerds sehr speziell geschulte Gehirn an, denn die Gags, die sich auf Filme und Schauspieler beziehen, sind zahlreich und bei der Erstsichtung, bekommt man sicherlich nicht alle mit. Und nun der zweite Grund, der neben dem Hirn wichtig ist, um eine Person zu mögen: richtig, das Herz.

„Fake laugh hiding real pain“. Genau das ist Wade. Er kann dich in den Boden reden, er hat auch in den ausweglosesten Situationen noch einen coolen Spruch auf Lager. Hat er deshalb keine Angst? Ist er deshalb immer der strahlende Held am Ende des Tages? Nein und nochmals nein, denn Wade ist im Prinzip ein ganz normaler Typ, den viele sicherlich als Loser sehen, der dann aber eben genau nicht über sich hinauswächst und der strahlende Held wird, sondern einfach nur eine gute Zeit haben will und etwas traute Zweisamkeit mit seiner Partnerin.

Deadpool Ryan and Morena

Dass er sich während des Films rächen möchte und seine Feinde auch umbringt, das entspricht ihm daher durchaus, immerhin will er ja in keiner Weise ein Vorbild sein. Das ist es dann auch, was Kritiker hier am Meisten bemängeln, nämlich die formelhafte Story. Das kann ich zwar verstehen, traue den Machern aber durchaus zu, dass diese sehr bewusst gewählt war, um zu zeigen, dass Deadpool sich eben innerhalb der Parameter seiner Comicwelt bewegt, die gewisse Grenzen und Regeln hat, er da auch nicht heraus kann, dies jedoch wenigstens (weil er sich seiner Situation bewusst ist) mit seinen Sprüchen kommentiert.

Großartig ist auch die Tatsache, wie mittels Rückblenden und der allgemein schnellen Erzähl-Geschwindigkeit, die Tatsache, dass es wegen des für einen Genre-Film doch recht geringen Budgets im Prinzip nur zwei große Action-Szenen gibt, nie wirklich auffällt. Was dann zu sehen ist ist geschmeidig, toll choreographiert und brutal, macht Spass und ist sehr schön anzusehen. Neben den sehr präzisen Kopfschüssen verfehlen dabei auch Deadpools Schwerter niemals ihre „Köpfe fein und säuberlich abtrennen“ Funktion.

Schauspielerisch ist Ryan Reynolds (The Voices, Woman in Gold), der ja beruflich einige Flops hinter sich hat, hier so gut wie schon lange nicht mehr. Dieses spitzbübische Dauergequassel steht ihm einfach sehr gut, er kann die seltsamsten Sachen in den unmöglichsten Momenten von sich geben und bleibt trotzdem sympathisch. Dass man dann seine emotionalen Momente trotzdem ernst nehmen kann, das ist große Kunst und zu großen Teilen sein Verdienst. Mit Morena Baccarin (Serenity, Spy) steht ihm eine toughe Dame zur Seite, mit der er nicht nur eine unheimlich starke Chemie hat, sondern die auch die Traumfrau wohl jedes Nerds verkörpert.

„What´s my name?“ Ed Skrein (The Transporter Refueled, Tiger House) als Oberschurke Ajax ist (neben der Story) ein weiterer Schwachpunkt, wie ich vielerorts lesen konnte. Ja, Marvel hat auch beim MCU oft das Problem, dass die Bösen blass wirken oder hinter ihren Möglichkeiten bleiben, bei Deadpool Comics geht es aber meistens um ihn selbst, seine Feinde treiben nur die Handlung voran, wegen denen kauft man aber keines der Hefte. Skrein ist für mich herrlich arrogant und eiskalt in der Rolle, wäre aber sicher als Nummer Eins des Oberbösen besser angekommen, als selbst diese Funktion anzunehmen. Dafür darf es sein „Sidekick“ Gina Carano (In the Blood, Heist) als schweigsame Mutantin Angel Dust, mit stoischer Mine, sogar mit Colossus aufnehmen.

Der wiederum ist als CGI-Charakter konzipiert und da muss ich den Beteiligten ein großes Lob aussprechen, die hatten nicht viel Geld, haben aber tolle Arbeit geleistet. Natürlich ist der Einsatz von Computereffekten in manchen Szenen nicht zu leugnen, doch größtenteils sind die einfach dynamisch gestaltet bzw. choreographiert und passen wirklich perfekt zum Gesamtbild. Genau wie die Musik von Tom Holkenborg (Mad Max: Fury Road) und der Einsatz von einigen Hitsongs aus den 90er- und späteren Jahren.

Insgesamt daher ein klarer Fall eines „von Fans für Fans“ Filmes, von denen es sowieso viel zu wenige gibt. Angreifbar ist die ganze Sache auf mehreren Ebenen (egal ob diese Tatsache von den Machern nun bewusst oder nicht gewählt war) und in den Comics ist Wade genau wie im gleichnamigen Computerspiel, noch eine Spur irrer unterwegs, doch der Film-Deadpool ist ja erst am Anfang seiner Entwicklung, immerhin hört er ja auch noch nicht ständig Stimmen in seinem Kopf. Aber das kann ja noch werden, Reynolds hat immerhin jahrelang für diese Rolle gekämpft und weiß was er tut. So und nun wird es endlich Zeit für ein paar würzige Chimichangas!

„Deadpool“ bekommt von mir 9,5/10 die oberflächliche Spaßebene, mit einer tiefgründigeren Gefühlsebene erdende Empfehlungspunkte.

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