Eigentlich sind sie ja alle harmlos. Sie sind Comic-Fans, vielleicht ein wenig nerdig und auch irgendwie komisch. Aber grundsätzlich nett. Außer ihrer Liebe zu Comics verbindet sie eigentlich nicht viel. Bis eines Tages „Das Utopia Experiment“ in ihre Hände fällt. Und auf einmal bricht ihre Welt zusammen und kein Stein bleibt auf dem anderen.
Von nun an müssen sie sich zusammenraufen, denn nicht nur der Comic und seine Bedeutung machen ihnen das Leben schwer, sondern auch eine Organisation namens „Das Netzwerk“, welches gnadenlos Jagd auf sie macht – und vor nichts zurückschreckt …

Ich war völlig sprachlos und geschockt, als ich gesehen habe, dass es eine 2020iger Version der Serie „Utopia“ gibt. Die ist tatsächlich ein Amazon-Remake der britischen Serie mit gleichem Namen. Alter Verwalter, was soll das denn bitte? Völlig absurd. Nur, um das klarzustellen: Ich hatte bis heute keine Ahnung von diesem Remake und ich erwähne es nur, damit ihr die Finger davon lasst und euch bitte die Original-Version von 2013 anseht. Das ist wichtig, denn – die ist einfach absolut unpackbar der Hammer!
Man merkt halt ab der ersten Szene, dass wir hier keine amerikanische Weichspül-Serie vor uns haben, sondern eine britische. Und das die werten Damen und Herren da drüber durchaus Sachen produzieren können, die auch richtig wehtun wissen wir ja nicht erst seit Danny Boyles „Trainspotting“.
Vorweg: Ihr merkt vielleicht, dass die Zusammenfassung oben ungewohnt kryptisch ist. Das liegt daran, dass man mit möglichst wenig Vorwissen in die Serie hineingehen sollte. Ich habe auch alle Namen weggelassen, weil es euch wie mir gehen wird – ihr werdet euch eine Zeitlang wirklich fragen, wer jetzt die Hauptperson ist – wer ist gut? wer ist böse? Was ist wessen Ziel? Und wer gehört zu wem?
Da ist alles drin: Paranoia. Hilfe. Opferbereitschaft. Verrat. Mord und Totschlag. Liebe. Und das gesamt auf acht Folgen gepresst. Die noch dazu einen stimmigen Abschluss finden. Mehr will ich jetzt da gar nicht verraten.
Aber – die Schauspieler:innen sind alle top. Ich meine, ich bin vielleicht ein klein wenig vorbelastet, weil ich den englisch-britischen Dialekt einfach Liebe und man den Dialogen hier einfach anmerkt: Die hat jemand verfasst, der oder die die Sprache kennt und weiß, wie was klingen muss. Eine amerikanisierte Version davon will ich mir gar nicht vorstellen. Das ist in etwa so als würde jemand oberösterreichische Sprichwörter im Dialekt in einen Film einbauen und das absolut zur Charakterdarstellung einer Figur nutzen – nur um mitzuerleben, wie diese Person auf Hochdeutsch von einem Berliner nachsynchronisiert wird. Es mag sein, dass die Worte das gleiche bedeuten, aber Himmel wirkt das anders.
Jedenfalls geben sich hier doch gleich ein paar Namen die man kennt (oder kennen sollte) die Ehre: Ian McDiarmid (Palpatine, der „somehow returned“ ist aus Star Wars), Stephen Rea („V For Vendetta“ oder „Stuck„), Emilia Jones („“) oder Alistair Petrie („Star Wars: Rogue One„, „Andor“ oder „The Night Manager“).
Und das Schauspiel ist über jeden Zweifel erhaben – ebenso die Optik der Serie. Da gibt es eigentlich kein Bild, welches nicht durchkomponier ist – egal, ob Farbe, Formen oder Platzierung. Vor allem die Farbgebung – das knallgelbe Cover der Blu-Ray-Box kommt nicht von irgendwo. Also auch filmtechnisch gibt es hier null auszusetzen. Ich meine – seht euch einfach mal den Trailer an, dann wisst ihr was ich meine. Und Danny Kelly (Erschaffer der Serie) und seine Leute, die haben es geschafft, die gesamte Serie über durchzuziehen, nicht nur im Trailer. Einfach ein Hammer!
Ihr seht also: Es gibt genau keinen Grund sich „Utopia“ (erneut: Das Original!) nicht anzusehen. Aber ganz viele Gründe dafür.
Ich würde euch allerdings empfehlen erst mal in die erste Folge reinzugucken. Es gibt da gleich am Anfang eine Szene, die man so vermutlich in keiner amerikanischen Serie finden würde. Und ihr werdet relativ schnell wissen, warum nicht. Wenn ihr was da passiert spannend findet und aushaltet (nein, kein torture porn), dann könnt ihr euch alle anderen Folgen reinziehen, denn dann wird es euch genauso mitreissen wie mich.
Ich weiß, ich wiederhole mich, aber nochmals: Seht euch Utopia (2013-Version) an! Ihr werdet es nicht bereuen. Das ist eine sträflich unterbewertetsten Serien überhaupt. Und wenn ihr – so wie ich eben – britische Akzente mögt, dann könnt ich gleich auf 10 Punkte aufrunden.
Oh – und wer unbedingt eine Schublade braucht: Ich würde sagen, „Utopia“ ist eine Thriller-Crime-Drama-Action-Serie mit Sci-Fi-Elementen (ist ne Standpunktfrage …). Und einfach, damit es draußen ist: Neil Maskell ist einfach ein absoluter Wahnsinn! Vor allem, wenn man Interviews mit ihm aus dem echten Leben kennt und weiß, wie nett und sympathisch der rüberkommt, dann kann man bei Utopia nur mit offenem Mund da sitzen und staunen, staunen, staunen.
„Utopia – Staffel 1“ bekommt 9 von 10 möglichen, besser und spannender geht’s fast nicht, Punkte.
