Tyler Rake: Extraction (Filmkritik)

Tyler Rake (Chris Hemsworth) ist Söldner. Ansonsten verbringt er seine Zeit damit zu trinken, Tabletten zu schlucken und zu trauern, auf Grund von persönlichen Verlusten. Wenn jedoch ein Auftrag kommt, dann kann dieser nicht gefährlich genug sein. Immerhin wäre im Kampf zu fallen, durchaus ein Ausweg für ihn aus seiner Abwärtsspirale. Seine aktuelle Mission betrifft Ovi (Rudhraksh Jaiswal).

Der ist der Sohn des größten Drogenbarons von Indien und wurde vom mächtigsten Drogenkönig von Bangladesh entführt. Tyler und sein Team sollen ihn heraus holen, doch schon bald wird klar, dass der Job nicht glatt laufen wird. Tyler sieht sich einer Übermacht von Gegnern gegenüber und wenn er den Jungen nicht zurück lässt, hat er so gut wie keine Chance, aus der Sache lebend wieder heraus zu kommen…

Sam Hargrave ist seit Jahren erfolgreich im Geschäft als Stuntman, Stunt-Koordinator und Kampf-Choreograph (z.b. bei Atomic Blonde oder Deadpool 2). Zuletzt auch bei den beiden neuesten Avengers Filmen Infinity War und Endgame. Von dort kennt er auch deren Regisseure Joe und Anthony Russo, die hier bei seinem Regie-Debüt als Produzenten fungieren. Auf deren Graphic Novel „Ciudad“ basiert Extraction und Joe hat dafür die Story in ein Drehbuch verwandelt.

Nun ist der Film exklusiv auf Netflix zu bewundern und ich muss sagen, er ist eine echte Wucht. Ich will aber vor dem Lob noch kurz ein paar Negativstimmen ansprechen. Für Blödsinn halte ich die Aussage (zumindest sehe ich es anders), dass hier die Dynamik des „weißen Retters“ benutzt wird. Düster und zu brutal, neben der Action gibt es nichts außer einer nicht existenten Handlung. Da halte ich dagegen, dass es eben nicht immer ein blöder Spruch sein muss, um eine Situation aufzulockern. Ich liebe Deadpool (wo die hohe Gewalt übrigens als erfrischend empfunden wurde), aber es geht auch anders (und das ist gut so).

Ich persönlich bewerte ja Handlung schon lange nicht mehr nach „wenig oder viel“ Kriterien, sondern ob mir die Story stimmig vorkommt, ob es nachvollziehbar und emotional ansprechend ist. Das ist hier definitiv der Fall und auch wenn es sich um einen Film mit einigen „Dauer-Action-Einlagen“ der Marke John Wick handelt, mir war keine Sekunde über langweilig. Wick ist übrigens ein gutes Stichwort, denn auch dessen Regisseur Chad Stahelski kommt ursprünglich aus dem Stunt-Bereich.

Da müssen sich „normale“ Regisseure im Action-Genre durchaus warm anziehen, denn was solche Leute hinter der Kamera für ein Gespür haben, was Blickwinkel, dynamische Kamerafahrten und Choreographien betrifft, das ist dynamisch, mitreissend und stellenweise einfach nur beeindruckend. Diese über 10 Minuten dauernde Sequenz im Film, die mit einer Autoverfolgung beginnt, dann zu einer Schießerei wird und schließlich in einem Zweikampf endet und es so wirkt, als wäre alles in einem Guss ohne Schnitt gefilmt worden, da wird man so richtig hineingezogen ins Geschehen und die Zeit vergeht wie im Flug.

Überhaupt sind die Martial Arts Elemente schmutzig und effektiv gestaltet, man spürt die Kraft dahinter und wie Held Tyler hier die Umgebung nutzt und seine Feinde mit einer Vielzahl von verschiedenen Aktionen ausschaltet (manchmal sieht es aus wie Ringen, dann wiederum bei den Nahkampf-Schusswechseln fast wie Ballett), da gibt es keine Stagnation beim Zuseher, das ist frisch und nimmt mit auf Reise. Frisch ist auch das Setting, denn die schwüle indische Atmosphäre, ist einladend und irgendwie beengend zugleich.

Unterstützt mit zunächst gelblichen Farbfiltern, die sich im Laufe der Handlung dann auch etwas wandeln, wird so ein exotisches Bild einer schwülen, nach außen hin wunderschönen Stadt vermittelt, in der Gefahr jedoch an fast jeder Ecke lauert. Was man anders erwarten könnte, doch nicht der Fall ist, ist wie viel hier die Darsteller dann doch wirklich „schauspielen“ müssen. Alle überragt (und das nicht nur körperlich) hier natürlich Chris Hemsworth (Men in Black: International).

Bekannt wurde er ja vor allem als Thor in zahlreichen Filmen des MCU, wo er immer mehr auch seine komödiantische Ader zum Vorschein bringen konnte. Hier empfiehlt er sich erstmals seit langem als (richtig) ernst zu nehmender Action-Star, denn als Tyler Rake überzeugt er nicht nur physisch in sämtlichen körperlich fordernden Momenten, nein, besonders die emotionalen Augenblicke verleihen seiner Figur diese Ebene, die ihm Persönlichkeit gibt und ihn nie zu einer austauschbaren Actionfigur verkommen lässt. Einnehmend, charismatisch, cool, Respekt einflössend, nur ein paar beschreibende Worte die mir hier zu ihm einfallen.

Großartig sind auch seine mir bisher alle unbekannt gewesenen, indischen Co-Stars. Rudhraksh Jaiswal (The Tenant) als Ovi wirkt nie wie der lästige, kleine Junge in Not, der einfach nur gerettet werden muss. Er entwickelt sich weiter und vor allem die Gespräche mit Tyler sind weit erwachsener, als man es erwarten würde. Randeep Hooda (Shooter) als sein Verfolger ist ebenfalls ein sehr intensiver Typ, der scheinbar immer wieder aufsteht und sich nie durchgehend in die Feind/Freund Schiene einordnen lässt. Spaß hatte eindeutig David Harbour (Hellboy) bei seinem kurzen Gastauftritt.

Insgesamt daher ein spannendes, mitreissendes, toll gefilmtes und wahnwitzig choreographiertes Actiondrama, bei dem Hemsworth und seine Kollegen, allesamt ohne Rücksicht auf Verluste, voll in ihren Rollen aufgehen. Sehr modern, von der Dynamik des muskulösen Helden jedoch durchaus auch nostalgisch und nicht nur was die bereits erwähnte Kamerafahrt oder auch einen schnell ausartenden Kampf gegen Kinder betrifft, eindeutig auch innovativ. Man kann eigentlich nur gespannt sein, was Hargrave als nächstes Projekt geplant hat.

„Extraction“ bekommt von mir 9/10 die Mission niemals aufgebende Empfehlungspunkte.


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