28 Days Later (Filmkritik)

Jim (Cillian Murphy) wacht im Krankenhaus auf. In London. Es ist leer. Genauso wie der Rest des Gebäudes. Und der Rest von London. Also marschiert er los und sucht nach Lebenszeichen. Es dauert nicht allzu lange und er findet sie. Aber in anderer Form als gedacht, denn Jim war 28 Tage lang außer Gefecht. In diesen 28 Tagen ist verdammt viel passiert, denn ein Virus ist frei gekommen und hat den größten Teil der Menschen in London oder vielleicht sogar England infiziert.

Ein Kampf ums Überleben beginnt, den Jim nur mit Hilfe von anderen Menschen gewinnen kann. Aber was kostet dieser Überlebenskampf. Aber zu was macht dieser Kampf die Überlebenden? Wie weit kann und darf man gehen? Wo beginnt das Mensch-Sein und ab wann wird man selbst zur Bestie?

kinopoisk.ru

Ich war sprachlos im Kino. Der Film hat mich getroffen wie ein Schlag ins Gesicht und selbst heute, vierzehn Jahre später sehe ich ihn mir immer wieder einmal gerne an, denn für mich hat dieser Film ein Genre neu definiert, bzw. mir so richtig gezeigt, wie gut Horrorfilme als Kunstform funktionieren und eine Message haben können, ohne gleichzeitig zu vergessen, dass sie in erster Linie unterhalten sollen.

„28 Days later“ schafft das alles. Und zwar spielerisch. Das Drehbuch von Alex Garland (der auch „The Beach“, „Sunshine“ oder die Story von „Enslaved: Odyssey To The West“ verfasst hat) ist dicht, kompakt und voller bedrückender, befreiender und zutiefst menschlicher Momente. Dass er gute Geschichten schreiben kann, weiß man und mit „Ex Machina“ hat er auch seine Fähigkeiten als Regisseur bewiesen. Bei „28 Days Later“ hat die Regie noch Danny Boyle in der Hand. Der ist auch kein Unbekannter, bzw. war mir auch damals bereits bekannt, hat er doch den genialen schwarzhumorigen „Shallow Grave“ (bei uns als „Kleine Morde unter Freunden“) gemacht. Vom weltbekannten „Trainspotting“ mal erst gar nicht zu reden.

Nach „28 Days Later“ sah es aus, als würde alles, was er angreift großartig werden. Der eben erwähnte „The Beach“ stieß auf positive Resonanz, ich persönlich fand „Sunshine“ großartig und „Slumdog Millionaire“ ist ohnehin bekannt. Aber Boyle ruht sich nie aus, fordert sich ständig neu – denn kurz darauf folgten „127 Hours“ (mit James Franco in Bestform) und „Trance“ (eher experimentell).

Die Story von Jim und seiner Reise ist visuell einmalig. Damit meine ich den Einsatz von Kameraperspektiven, von Schattenspielen an Wänden, von Bildkompositionen, die mir davor noch niemals bewusst oder positiv aufgefallen sind. „28 Days Later“ war der erste Film, der mir zeigte, wie bewusst die Kamera gesetzt wird und wie viel kreative Freiheit man dabei hat. Manche Szenen sind noch dazu dermaßen surreal von der Farbgebung her, dass sie wirklich teilweise wie Gemälde mit Wasserfarben wirken. Großartig!

Der monotone, sich aber stark steigernde und mitreißende Soundtrack sind immer noch in meinen Ohren und die Bilder des leeren Londons werde ich wohl nie vergessen. Ungutes Gefühl der Bedrohung inklusive.

Cillian Murphy wurde damit über Nacht berühmt und das nicht nur aufgrund seiner wunderschönen blauen Augen (ja, auch ich als Mann muss neidlos zugeben, dass der Kerl ein Feschak ist), sondern vor allem, weil er Jim wirklich toll und glaubwürdig spielt. Vom überforderten Neuling hin zum brutal kalkulierenden Monster bringt er alles glaubwürdig rüber. Nicht umsonst ist Christopher Nolan auf ihn aufmerksam geworden und hat ihn als „Scarecrow“ in „Batman Begins“ und beiden weiteren Teilen eingesetzt. Auch Boyle selbst hat bei „Sunshine“ wieder mit ihm zusammengearbeitet.

Noamie Harris ist gut, dass wissen wir alle spätestens seit „Skyfall“ und Brendan Gleeson („Edge Of Tomorrow“, Alastor „Mad Eye“ Moody aus „Harry Potter“ und bald als Joseph in „Assassin’s Creed“ oder Paul Hodges in der Serie zu Stephen Kinds „Mr. Mercedes“) ist überhaupt in allen Filmen in denen ich ihn kenne zwar nie der Hauptdarsteller, aber immer mit 100% bei der Sache immer glaubwürdig und super. Auch hier ist er als Vater einer Tochter, die er vor dieser Welt beschützen will, absolut großartig.

Ein Film bei dem für mich so ziemlich alles stimmt – die Handlung ist nachvollziehbar, die Szene mit dem Militärstützpunkt eine sehr gute Idee und die visuelle Umsetzung wie Menschen zu Bestien werden können (es gibt da eine Szene am Ende, in welcher man aufgrund des Verhaltens eines Charakters glauben könnte, es sei ein Infizierte/r ist wirklich grandios gelungen) und wie sehr Menschen gegenseitig brauchen kommt tatsächlich ohne Pathos oder großes Redenschwingen aus.

Am wichtigsten aber: Man fiebert die ganze Zeit über mit den Charakteren mit. Sie wachsen einem verdammt schnell ans Herz und wenn einem/einer von ihnen etwas passiert, dann zuckt man unweigerlich selbst vor dem TV (damals im Kino sowieso) zusammen. Hut ab. Ein großartiger Film, der einen Nachfolger verdient und mit „28 Weeks Later“ auch bekommen hat. Ein dritter Teil („28 Months Later“ ist immer wieder im Gespräch aber bis heute nicht realisiert worden).

„28 Days Later“ bekommt 9 von 10 möglichen, zeigend was im Horrorgenre möglich ist, Punkte.

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