Carrie (2013 Filmkritik)

Carrie (Chloe Grace Moretz) ist eine Außenseiterin. Niemand mag sie. Das liegt zu einem großen Teil an ihrer Mutter (Julianne Moore), die eine völlig verrufene religiöse Fanatikerin ist. Ihre Mitschülerinnen lassen kein gutes Haar an ihr – als sie in Panik verfällt und Todesangst hat, weil sie ihre erste Periode bekommt und denkt sie verblutet (ihre Mutter hat ihre diese „Unreinheit des Körpers“ verheimlicht) wird ihr nicht geholfen – sie wird sogar gefilmt und das Video auf YouTube hochgeladen. Zu diesem Zeitpunkt entdeckt Carrie eine seltsame Gabe – Telekinese. Für ihre Mutter eine Gabe des Satans, für Carrie das Werkzeug ihrer Rache, denn beim Abschlussball erlauben sich die Mitschülerinnen einen „Scherz“ zu viel …

Carrie 2013 Film

Die Geschichte darf man als bekannt annehmen. Nicht nur das Buch von Stephen King, sondern auch die erste Verfilmung von Brian de Palma mit Sissy Spacek gelten als Klassiker des Horrorgenres. Ein Remake des Films – der vorab als „Neuverfilmung“ des Romans angekündigt wurde – war eigentlich nicht notwendig. Aber das gilt für viele andere Filme auch und hin und wieder funktioniert die Sache ja. Vor allem wenn die Macher es schaffen dem Original bzw. der Vorlage des Originals neue Facetten abzugewinnen (wie zum Beispiel bei „Let Me In“, interessanterweise ebenfalls mit Chloe Grace Moretz) – was ja auch die Idee hinter „Carrie“ gewesen zu sein schien.

Vor allem die Tatsache, dass beim „neuen“ Carrie eine Frau hinter der Kamera stand hat mein Interesse geweckt, denn Carrie ist für mich eine absolut „weibliche“ Geschichte. So wird die Tatsache, dass ihre Telekinese gleichzeitig mit ihrer Periode einsetzt hervorgehoben. Auch die Beziehung von Carrie zu ihrer Mutter (Julianne Moore spielt absolut furchteinflößend und irre) wird besser behandelt als zuvor. Grundsätzlich gibt es viele Elemente zu erkennen, die das Drehbuch besser macht als das „alte“ Drehbuch, aber – leider – gibt es auch viele, ganz viele Mängel.

Vorab – ich gehe an Remakes immer offen heran. So haben mir zum Beispiel die Remakes von „Nightmare On Elm Street“ und „The Last House On The Left“ genauso gefallen, wie die eben erwähnte Neuinterpretation von „Let The Right One In“ und die 2013er Version von „Evil Dead“ und die erwähnten Mängel von „Carrie“ haben absolut nichts mit der Tatsache zu tun, dass der Film ein Remake ist, sondern rein damit, dass der Film einfach schlecht gemacht wurde.

Beispiele gefällig?
Der Wechsel von Close-Ups zur Totalen Kameraeinstellung sollte ja normalerweise so ausfallen, dass man als Zuseher nicht bemerkt, dass die Szene zwei Mal gedreht und dann zusammengeschnitten wurde. Das merkt man bei „Carrie“ immer. Und ich meine wirklich immer. Denn die Position der Hände vom Close-Up zur Totalen und retour ändert sich permanent. Hat zB Carrie in der Totalen die Hände weit nach vor gestreckt, ein Auge zu und die Finger offen – so hat sie im Close-Up beide Augen offen, eine Hand zur Faust geballt und die andere nicht einmal ausgestreckt – und das passiert den ganzen Film über.

Ein paar der Nebengeschichten (Die Mitschülerin von Carrie, die ihren Freund überredet, dass er mit Carrie ausgeht. Die andere Mitschülerin, die an Carrie Rache schwört. Die Sportlehrerin, die Carrie helfen mag) sind wirklich eine Verbesserung zur ersten Verfilmung – vor allem die Szene als die Sportlehrerin (verdammt sympathisch: Judy Greer) Carrie zu ersten Periode befragt und ein vollkommen überforderter und peinlich berührter Schuldirektor daneben sitzt ist super geworden.

Was aber nicht darüber hinwegtäuscht, dass es einfach zu viele handwerkliche Mängel gibt. Ein paar der Effekte sind verdammt gut geworden – Zeitlupenaufnahme eines Autounfalls (handwerklich eine Wucht) – aber andere sind dafür peinlich bis zum Abwinken. Gerade das Finale beim Abschlussball ist ein Lehrstück an falschen Regieentscheidungen – warum zum Beispiel Carrie sich plötzlich bewegt als wäre sie der Geist aus „The Ring“ kann mir wohl niemand erklären. Auch weshalb Telekinese auf einmal bedeutet, dass Carrie ein Erbeben mit einem Fußtritt erzeugen kann ist mir nicht klar. Außerdem wird der ganze Filme damit zugebracht Carrie als sympathisches Mädchen zu zeigen das halt missverstanden wird, und im Finale wird das völlig gekippt – da zerlegt sie bewusst brutal und grausam mehrere Menschen. Das passt nicht zu der Figur die mir den ganzen Film lang gezeigt wurde.

In meiner Erinnerung an Buch und ersten Film ist sie so wütend geworden, dass sie einfach alles niedergemacht hat – Wut hat diesen Effekt auf Leute. Aber hier hat Carrie sich scheinbar so gut im Griff, dass sie aus einer Masse an Leuten ganz bewusst bestimmte Menschen brutal zerlegt. Das bedeutet, dass sie nicht aus Wut und aus einem Überlebensreflex heraus tötet (also sozusagen als „Unfall“, weil ihre Wut ihre Kräfte freisetzt), sondern sich ganz bewusst dazu entscheidet. Das bringt sie weit außerhalb der Reichweite von Antiheldin – eher in Richtung Bestie.

Das Ende im Haus von Carrie und ihrer Mutter setzt dann nochmals eins drauf. Als es dann Steine vom Himmel regnet ist die christliche Symbolik doch tatsächlich so greifbar geworden, dass ich kotzen könnte („Wer ohne Sünde werfe den ersten Stein“). Apropos Ende – erinnert ihr euch an das Ende vom ersten Carrie-Film? Die Hand, welche aus dem Grab schoss und zupackte? Das gibt es hier nicht mehr, sondern es kommt eine andere Szene – die weit grausamer ist, dafür aber auch weit dümmer, wie ich finde.

Das Casting ist bis auf eine Ausnahme wirklich super geworden – die Teenies fallen eh kaum ins Gewicht – und Julianne Morre ist wirklich grandios. Vor Carries Mutter entwickelt man tatsächlich ein wenig Angst – und das liegt nur an Moores großartigem Spiel. Judy Greer als Sportlehrerin ist das Herz des Films und auch sie ist super gecastet. Was allerdings ein absoluter Griff ins sprichwörtliche Klo war, ist die Besetzung von Chloe „Hit-Girl“ Grace Moretz. Die Außenseiterin, das hässliche Entlein … das kauft man ihr allein optisch schon nicht ab. Sie gibt sich Mühe und spielt auch nicht schlecht, aber es funktioniert für mich einfach nicht – da spielt auch das Drehbuch eine Rolle, denn Carrie lehnt sich noch dazu bereits von Anfang an gegen ihre Mutter auf und widerspricht ihr bereits in der ersten gemeinsamen Szene mehrmals – wie soll ich da dann später an die Unterdrückung durch die Mutter glauben?

Achja, das Drehbuch … irgendwie scheinen sich da die Beteiligten nicht ganz einig gewesen zu sein, denn einmal ist die Rede davon, dass die Familie White ja „so oft umziehen musste“ und dann wir wieder von ihren Mitschülerinnen darüber gesprochen, dass sie Carrie schon seit Jahren kennen … ja, was denn nun, hm?

Ein klarer Fall von „Schade, der Wille war da“, aber leider ist nichts draus geworden. Allein die handwerklichen Fehler und seltsamen Entscheidungen der Regie machen den Film von ganz allein zu einem völlig durchschnittlichen Erlebnis. Da brauche ich ihn noch nicht einmal mit dem Erstlingswerk zu vergleichen. Immerhin kommen „Best Of Worst Case“-Fans aufgrund der vielen technischen und drehbuchtechnischen Fehler in punkto unfreiwilligem Humor auf ihre Kosten.

„Carrie“ bekommt von mir 4 von 10 möglichen, leider am Handwerk scheiternde, Punkte.


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