Hatching (Filmkritik)

Die Familie von Tinja (Siiri Solalinna) ist einerseits völlig normal und andererseits auch seltsam. Da ist der eher abwesende Vater, der nervige Bruder und die Mutter (Sophia Heikkilä), die ihr Leben scheinbar in wunderschönen Farben für ihren Blog präsentieren möchte. Dass dieser Anspruch auch durchaus seltsame Auswüchse annehmen kann ist relativ rasch klar: Als ein Vogel eine Fotosession mit ihrer Familie stört, dreht Mutter ihm einfach den Hals um.

Kurz darauf findet Tinja im Wald ein Ei, dessen Vogelmutter sie aus Mitleid getötet hat. Aus schlechtem Gewissen nimmt sie es mit nach Hause und brütet es aus, während sie zeitgleich versucht die Schule zu meistern, mit ihrer Familie klarzukommen und – hauptsächlich aus Pflichtgefühl ihrer Mutter gegenüber – beim Wettbewerb im Turnen als Teilnehmerin ausgewählt zu werden. Mama braucht ja schließlich Erfolgsgeschichten, die sie auf ihrem Blog präsentieren kann.

Aber das Ei wächst und wächst und wächst. Es scheint sich vom Blut Tinjas zu ernähren und als dann „etwas“ schlüpft beginnen die Probleme so richtig …

Drehbuchautorin und Regisseurin Hanna Bergholm hat mit „Hatching“ ihren ersten Langspielfilm geschaffen nachdem sie ein paar Kurzfilme inszeniert hat. Mit am Drehbuch geschrieben hat Ilja Rautsi, de ebenfalls bereits auf ein paar Kurzfilme zurückblicken kann. Die finnischen Macher:innen haben damit schon mal einen, wie ich finde, ordentlichen Grundstock für ihre weitere Karriere vorgelegt, denn „Hatching“ kann sich durchaus sehen lassen. Optisch ist am Film wenig bis nichts zu kritisieren, auch die praktischen Effekte der Kreatur sind wirklich gut geworden – auch wenn deren Design sicher einige eher lustig als bedrohlich finden. Für mich war es irgendwo in der Mitte angesiedelt und je weiter der Film fortläuft, desto weniger kommen diese (aus storytechnischen Gründen) zum Einsatz.

Einzig der Look des Films hat mir manchmal nicht gefallen, weil er streckenweise einfach zu künstlich und steril wirkt. In einer Szene besucht Tinja eine Nachbarin im Krankenhaus und ich glaube nicht, dass ich je in meinem Leben ein so steriles, weißes Krankenhauszimmer gesehen habe, wir hier. Das blendet förmlich. Und ja, ich kann gut mit visuellen Kontrasten und Betonungen, aber hier ging das meines Erachtens hin und wieder ziemlich auf Kosten der „Erdung“, was zur Konsequenz hatte, dass ich den Film zwar interessant fand, aber nie ganz in die Story reingezogen, sondern immer auf einer künstliche Distanz gehalten wurde. Das mag Absicht sein, immerhin will Mutter ja beweisen und demonstrieren in welcher tollen und perfekten Welt sie lebt. Die Optik des Film spiegelt also diese seltsame Künstlichkeit ganz gut. Aber eben zu einem Preis.

Dabei wäre die Geschichte an sich wirklich gut. Nicht neu, wie so selten etwas neu ist, aber gut durchdacht und als Metapher absolut passend – wenn auch extrem plakativ. Spätestens als man sieht, in welche Richtung die Entwicklung der Kreatur geht, muss man verstehen, was als Idee dahintersteckt und wie das gemeint ist. Das wird dann immer wieder durch Angriffe des Monster – die wir primär durch die Augen der Kreatur sehen – noch unterstrichen. Manchmal auch gegengeschnitten mit Tinja, die eben durch die Augen der Kreatur guckt und dann auch deren Bewegungen macht, was bedeutet, es sieht aus als hätte sie einen Anfall.

Andere Stellen werden dafür für meinen Geschmack ein wenig zu rasch behandelt. Der Vater zum Beispiel, der so gut wie nicht vorkommt. Oder der Bruder, der zwar da ist, aber tatsächlich keine wirkliche Rolle spielt. Tatsächlich hätte der Film großteils – von einem kurzen Handlungsstrang abgesehen – auch ohne die beiden funktioniert. Viel mehr hätten mich Szenen interessiert, in denen Tinja sich um Ali (der Name der Kreatur) kümmert, denn das nette hässliche Entlein muss ja gefüttert werden. Aber natürlich frisst es nicht alles, sondern nur ein besonderes Menü. Also isst Tinja Vogelfutter, zerkaut es und kotzt es dann wieder aus, um es Ali zu füttern. Wie das Vögel eben so machen. Diese Szenen sind für mich die ekligsten gewesen, haben aber die Natur der Kreatur und ihre Verbindung mit Tinja super unterstrichen. Und was wären da für Sachen möglich gewesen. Ich werfe jetzt mal einfach Magersucht in den Raum. Hätte für diese Art von Mutter-Tocher-Beziehung wunderbar gepasst, da die erdrückende Erwartungshaltung der Mutter in Hinsicht auf Tinjas Erfolg beim Turnen ja doch auch körperliche Fitness voraussetzt.

Das ist auch so ein Punkt, den ich gern mehr betont gesehen hätte: Mutter. Sie ist zwar die zentrale Figur was die Motivation von Tinjas Handlungen betrifft, aber diese erschreckende, drückende Erwartungshaltung, die als Pseudo-Liebe verpackt wird – die wird mir zu wenig betont. Ja, es gibt Szenen, in denen klar ist, dass Mutter den Erfolg über das Wohl ihres Kindes stellt und andere Szenen in den völlig klar rüberkommt, wie Ich-bezogen sie ist. Aber das war mir alles zu wenig. Für diese Geschichte, mit dieser Metapher, hätte ich mehr gebraucht. Mehr Druck auf Tinja. Mehr Szenen in denen Mutter sich klar gegen ihre Rolle als Fürsorgerin ihrer Kinder entscheidet, um auf die ihr – ihrer Meinung nach – zustehenden Erfolge und Anerkennung zu beharren.

Ja, sicher. Es gibt diesen Subplot mit dem Liebhaber, aber das war mir tatsächlich in dieser Form zu wenig. Wo die Metapher so plakativ ausgewalzt wird muss man auch die Ursache dafür besser inszenieren, wie ich finde. Apropos Liebhaber: Der hatte eine interessante Rolle, die ihn über die übliche Mini-Rolle hinaus als wichtige Figur für Tinja aufbaut. Zumindest hätte er das sein können. Der Handlungsstrang wird dann aber, wie ich finde, zu rasch und zu leicht aufgelöst. Sicher: Er ist das Gegenstück von Mutter, indem er geerdet ist und sein Kind ihm wichtiger als das Rundherum. Da gibt es auch eine oder zwei Szenen, in denen Tinja erleben darf, dass Perfektion nicht alles ist. Dass es auch so etwas wie Liebe gibt, die man bedingungslos erhalten kann. Also vom Drehbuch her eigentlich super Themen, die allesamt die Entwicklung von Tinja beeinflussen hätten können.

Leider – und ich das muss ich wiederholen – sind das alles Zusammenhänge, die mir erst nach dem Sehen des Films gekommen sind, als ich ganz emotionslos über das Drehbuch nachgedacht habe und mich gefragt habe, warum mir der Film nicht so gut gefallen hat, wie ich dachte, dass er es würde. Meine Antwort ist tatsächlich die obige: Das alles wirkt zu künstlich um mich emotional abzugeholt zu haben. Ich finde die Idee super, das Drehbuch gut durchdacht. „Hatching“ ist nur ein Film für den ich das Wort „vorbeiinszeniert“ verwenden würde. Die Regie hat meiner Meinung nach die Schwerpunkte der Szenen zu wenig betont, die Paralleln zu wenig hervorgehoben und so die Metapher nur intellektuell vermittelt, aber nicht emotional. Zumindest in der deutschen Synchro. Ich weiß nicht, ob die Dialoge und so weiter in der finnischen Originalversion besser rüberkommen oder mehr Emotion transportieren.

Alles in allem ein guter Film mit starken Ideen, die für mich halt leider emotional nicht gezündet haben. Einen Blick ist der Film auf jeden Fall wert, wie ich finde. Man sollte halt dabei bedenken, dass es kein Horrorfilm per se ist, sondern eine Beziehungsstudie von Mutter und Tochter, die Horrorbilder nutzt um diese zu visualisieren. Was ja auch das Ende sehr gut unterstreicht. Plakativer geht es nicht mehr.

„Hatching“ bekommt von mir 6 von 10 möglichen, sich überlegen sollende, welchen Teil von sich man nährt, Punkte.


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