Wolfen (Filmkritik)

Dewey Wilson (Albert Finney) ist Polizist. Er hat allerdings ein paar Probleme, allen voran Alkohol und eine ziemlich negative Lebenseinstellung. Als nach und nach immer mehr Tote auftauchen, welche Anzeichen aufweisen, die darauf hindeuten, dass sie von Tieren getötet worden sein könnten, bekommt natürlich Dewey die undankbare Aufgabe den Fall (oder die Fälle) zu lösen.

Nach und nach kommt er einer Sache auf die Spur, welche sich so unglaublich anhört, dass er sich fragt, ob er noch bei Sinnen ist, denn tatsächlich scheint es so, als ob ein Rudel Wölfe in der Stadt unterwegs ist, sich in abgehalfterten und heruntergekommenen Gebäuden versteckt hält und immer wieder Jagd auf Außenseiter macht, die niemand vermisst.

Aber wie kann das sein? Wieso sind Wölfe intelligent genug, um zu planen? Und warum beginnen sie damit, plötzlich andere, weit auffälligere Menschen zu töten …?

1981 war ich noch viel zu jung um diesen Film im Kino zu sehen, aber ich kann mich erinnern, dass mein Vater irgendwann später mal von diesem Film erzählt hat. Und da er einen guten Filmgeschmack hat, dachte ich mir damals „Hm. Den könnte ich mal wo anschauen, wenn ich ihn finde.“ Und dann habe ich ihn in der Videothek meines Vertrauens gefunden. Videothek, ihr wisst schon: Der Ort, wo man gute Tipps von Menschen aus Fleisch und Blut bekam und beim Zurückbringen der physischen Kopie des Films noch einen Kaffee (oder ein Bier) trank und quatschte, anstatt Vorschläge eines kalten, toten, keinen Kaffee oder Bier anbietenden Algorithmus am Bildschirm zu haben. Aber das nur am Rande.

Jedenfalls basiert „Wolfen“ auf einem Buch von Whitley Strieber (im deutschen heißt das Buch „Wolfsbrut“) und wurde eben 1981 verfilmt. Auch von Whitley Strieber verfilmt wurden „Begierde“, eine Vampirgeschichte der etwas anderen Art mit David Bowie und Susan Sarandon in der Hauptrolle, aber um die geht es hier nicht. Trotzdem witzig: Strieber ist mittlerweile berühmt/berüchtigt, weil er ein Buch geschrieben hat, in welchem er sein Erlebnis, von Aliens entführt und „getestet“ worden zu sein beschreibt. Und ja, das meint er ernst.

„Wolfen“ jedenfalls wurde von David Eyre (der in seiner Laufbahn an genau drei Drehbüchern beteiligt war) und Michael Wadleigh, der auch gleich die Regie übernahm, zu einem Film adaptiert und dieser Film ist ein kleiner Kultfilm. Zumindest in meiner Welt. Ich habe keine Ahnung, ob der Film grundsätzlich gut ankam damals oder ob ihn noch irgendjemand auf dem Schirm hat, aber ich liebte diesen Film. Das Gefühl der Bedrohung, die Tatsache, dass die Wölfe einfach schlauer, besser und uns überlegen sind. Und die Tatsache, dass sie sich trotzdem verstecken müssen, weil es einfach SO VIELE von uns Menschen gibt, gefiel mir. Überhaupt ist die Geschichte von „Wolfen“ eine, welche die heutige Zeit perfekt spiegelt: Ein Rudel Wölfe, welches eigentlich im Kreislauf des Lebens absolut keine Bedrohnung für uns darstellt, wird durch die immerwährende Expansion und Bebauung aus ihrem angestammen Lebensraum gedrängt und dazu genötigt weit näher an den Menschen zu leben als sie es wollen.

Tatsächlich wollen sie nur ihre Ruhe. Sie wollen ihr Leben leben, können das aber nicht, weil die Menschen immer weiter expandieren und ihre Nahrungsquellen nach und nach versiegen. Also gibt es irgendwann nur noch eine logische Schlussfolgerung: Der Mensch selbst muss die Nahrungsquelle werden.

Der Film ist langsam und gemächlich aufgebaut und mehr in Richtung Atmosphäre als in Richtung Spannung gepolt (jaja, Wortwitz!). Man nutzt auch immer wieder eine „Wolf-Kamera“ durch die man durch die Augen der Wölfe sieht und diese ist ein wenig gewöhnungsbedürftig, da es die Entscheidung gab, diese Kamera durch einen Farbeffekt/Wärmebildkamera vom Rest abzuheben. Das ist natürlich ein bisschen anstrengend, aber es wird nie mühsam.

Tatsächlich liebe ich an diesem Film den Zugang, dass die Wölfe absolut keine Bösewichter sind. Sie verteidigen sich. Sie sind schlau. Sie halten sich zurück. Sie tun nur, was sie müssen. Wie es die Natur eben macht. Und trotzdem – kleiner Spoiler – sind sie mehr oder weniger unterlegen. Die Menschen sind einfach viel zu viele. Auch die Geste, die Albert Finneys Charakter am Ende des Films durchführt (erneuter kleiner Spoiler: Er sprengt ein Gebäude als Zeichen an die Wölfe, dass er verstanden hat, warum sie töten und sie das nicht mehr tun müssen, weil ihr Gebiet nicht mehr bedroht ist), fand ich hervorragend. Leider halt zu spät, denn bis dahin wurden die Wolfen bereits entdeckt.

Regisseur Michael Wadleigh hat vor „Wolfen“ eigentlich nur Dokumentationen gedreht und auch danach wieder. Es ist und bleibt sein einziger Spielfilm. Die Optik und die Kamerapositionen des Films ergeben sich vermutlich auch aus dieser Erfahrung. Es gibt viele Überblendungen und auch immer wieder Voice-Over, welche erklären was gerade passiert. In Summe hilft es meiner Ansicht nach jedoch dem Film, denn so bleibt er immerzu zu 100% mysteriös und unheimlich. Zumal diese Werkzeuge auch nicht überstrapaziert werden.

„Wolfen“ ist für mich heute noch einer der besten Filme dieser Art und auch wenn die Effekte stark gealtert sind, so ist es immer noch beeindruckend, wie sehr zum Beispiel bei der Konfrontation von Dewey und den Wolfen extrem viel Emotion durch die Augen (des Wolfs) vermittelt wird. Man sieht ihm einfach an, was er denkt und was er will. Das ist auch mal eine Leistung, würd ich meinen.

Schauspielerisch ist alles solide, wie es halt in den 80igern war bzw. was man halt damals für Schauspiel hielt. Es passt heute noch, aber in einem „neuen“ Film würde man damit nicht durchkommen. Finney (den man einfach kennt. Zum Beispiel großartig in „Big Fish“ oder in „Bourne Ultimatum“ oder „Skyfall“ oder „Traffic“ oder „Erin Brockovich„, und der leider 2019 verstorben ist) spielt Dewey genauso wie man sich das vorstellt. Sein Side-Kick, der Gerichtsmediziner Whittington, gespielt von Gregory Hines, passt perfekt (und es ist immer wieder schön, wenn man Hines in einem Film sieht. Und glaubt mir, ihr kennt ihn (zB aus „Running Scared„)). Und Deweys Love-Interest Rebecca wird von Diane Venora gespielt, die ihre Sache ebenfalls gut macht (ihr kennt sie aus „Der 13te Krieger“ oder „Heat“).

„Wolfen“ bekommt von mir 9,5 von 10, noch heute in seiner Story relevante und auch gut gealterte, Punkte.


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