12 Years A Slave (Filmkritik)

Solomon Northup (Chiwetel Ejiofor) ist schwarz. Und er ist Musiker. Und er lebt im Norden der USA, dort ist er ein freier Mann. Er ist verheiratet, Vater von zwei Kindern und verkehrt in eher höheren Kreisen. Als er ein lukratives Angebot von zwei Künstlern annimmt hat das jedoch schlimme Folgen.

Solomon erwacht und ist in Ketten. Als er seine Freilassung verlangt wird er zusammengeschlagen, ausgepeitscht und gedmütigt. Er wird als Sklave behandelt und an den bestbietenden Herren verkauft.

Die nächsten 12 Jahre wird Solomon wie ein Stück Vieh immer wieder die Besitzer wechseln, da er nun im Süden der USA lebt und kein Kontakt zu seiner Heimat möglich ist. Keine Möglichkeit zu beweisen, dass er nicht ist, wie die anderen. Zu beweisen, dass ER kein Skalve ist. Erst durch ein kleines Wunder gelingt ihm das Entkommen …

Drei Oscars war dieses Werk den Juror*innen der Jury wert. Drei Oscars. Und ich verstehe es nicht. Klar – es geht um Sklaven. Es geht um die Aufarbeitung der Gräueltaten der Amerikaner*innen. Das ist in etwa so als würde man in Österreich einen Film drehen, der zeigt, wie schlimm die Nazis waren. Der bekommt auch auf alle Fälle einen Oscar oder das österreichische Gegenstück dazu. Da steht das (berechtigte) schlechte Gewissen als Nation halt über dem Produkt als solchem. Kann man mögen, muss man aber nicht.

Ich bin immer noch der Meinung, dass man einen Film nach Filmkriterien beurteilen muss und nicht aufgrund der Geschichte, die ihm vielleicht zugrunde liegt oder aufgrund der Tatsache, dass die Dinge die gezeigt werden wirklich passiert sind und wirklich, wirklich schlimm sind.

Ich kann also während einem Film schockiert und betroffen sein, weil ich weiß, dass die schlimmen Dinge da auf der Leinwand wirklich passiert sind. Ich muss als Reaktion darauf aber nicht unbedingt den Film gut finden, nur weil ich der gleichen Meinung bin, wie der Film. So zu Beispiel: Sklaverei ist Wahnsinn und böse. Aber nicht jeder Film mit dieser Aussage ist automatisch gut.

Im Fall von „12 Years A Slave“ bedeutet das in meinen Augen, dass die Geschichte und das was Northup passiert ist auf alle Fälle ein Wahnsinn sind. Tragisch, erschreckend und ein verdammt harter Schlag in die Magengrube, denn sooo lange ist das alles noch nicht her. Auch ohne Northup ist alles Gezeigte schlimm genug. Wie mit Sklaven umgegangen wird – das ist immer noch erschreckend und schlimm. Da gibt es keine Sekunde lang etwas zu diskutieren.

Was den Film betrifft: Nun, der hat in meinen Augen keine drei Oscars verdient. Ich fand ihn nicht einmal besonders gut. Das liegt daran, dass gerade am Anfang der gesamte Film absolut fragmentiert daherkommt und viel (auch zwischen Zeitebenen) hin und her springt, nur um dieses Element kurz darauf komplett fallen zu lassen und sich lange Phase lang streng an die Chronologie hält. Das schafft einen Stilbruch.

Außerdem begeht er in meinen Augen einen riesengroßen Kardinalfehler, indem er gleich zu Beginn ein paar Fragen aufwirft, die sich im Verlauf der Handlung als völlig belanglos, ja sogar unwichtig herausstellen.

Der Einstieg zeigt Northup bereits als Sklave. Er schlägt Zuckerrohr. Später am Abend liegt er in einer Menschenmenge am Boden. Neben ihm eine Frau, die ihn anstarrt. Wir nehmen an die Dame ist wichtig. Schließlich nimmt sie seine Hand und führt sie zu Stellen an ihrem Körper, an denen sie von ihm (inmitten von anderen, scheinbar schlafenden Sklaven) berührt werden möchte. Northup kommt dieser Aufforderung mit Pokerface nach. Schließlich beginnt diese Frau zu weinen, dreht sich weg und der Film springt zurück in der Zeit.

Klar – die Aussage der Szene ist ziemlich klar. Allerdings kommt sie viel zu früh im Film um irgendeine Emotionen außer „Aha“ auszulösen. Dann taucht die Frage auf, wer diese Frau ist, warum sie Northup so kalt lässt und warum sie weint. Wer sie ist weiß ich noch immer nicht. „Aber genau das ist ja der Punkt!“, schreien mir jetzt die Cineasten entgegen: „Genau das soll die Szene aussagen. Die Frau ist austauschbar! Northup ist austauschbar! Sie sind eben keine Personen, sie sind auch füreinander einfach nur Nichts! Das System der Sklaverei hat es geschafft sie für sich selbst zu entmenschlichen!“

Ja eh. Mein Hirn versteht das eh. Meine Emotion ließ die Sache allerdings zu 100% unberührt und die inszenatorische Ausführung bzw. der Schnitt und dann der Zeitsprung retour und so weiter … das alles gibt der Szene eine Bedeutung, die sie später nicht bekommt. Defakto bemerkte ich erst nach einer Weile, dass wir in der Filmhandlung die Anfangsszene bereits eingeholt hatten. So nebensächlich wird sie im eigentlich Film behandelt. Dabei hätte sie die Kraft gehabt enorme Emotionen auszulösen und zu zeigen, wie entmenschlicht sich die Menschen selbst schon vorkommen und gegenseitig behandeln.

Und dann noch Northup: Er ist 90% des Films lang einfach passiv. Er lässt passieren. Das ist zwar nachvollziehbar und realistisch, weil es vermutlich die beste Strategie zum Überleben darstellt, aber es macht ihn nicht sympathischer. Als er zB einer weiblichen Sklavin, die tagelang weint, weil man sie und ihre Kinder separat verkauft hat, sagt, sie soll zu heulen aufhören, weil das die „weißen Herren“ stören könnte, dann kommt das nicht positiv rüber.

Er tröstet sie nicht mal. Es kommt eher so rüber, als hätte er resigniert und möchte einfach seine Ruhe. Und da ist der Film gerade mal 30 Minuten gelaufen (glaube ich). Sicher gibt es gegen Ende ein paar dramatische Szenen, in denen Northup Hoffnung schöpft und da ist er auch spannend. Aber ganz am Ende, da kehrt er heim … und lässt alle anderen die mit ihm in der Sklaverei waren im Stich? Hm. Natürlich. Northup ist kein Held. Trotzdem war ich enttäuscht.

Bitte nicht falsch verstehen: Chiwetel Ojiofor („Serenity„) macht seine Sache ausgezeichnet und Lupita Nyong’o (Maz Kanata aus „Star Wars„, „Non-Stop„) spielt als Patsy ebenfalls sehr intensiv (und die gute Frau macht sich einiges mit) und Michael K. Williams („Assassin’s Creed„) ist ohnehin immer ein Charaktergesicht (auch wenn er quasi nur als Randnotiz vorkommt). Aber großartig zu spielen in einem Film bei dem ich (trotz der Gräueltaten) nicht mit den Charakteren mitfiebere bzw den Hauptcharakter einfach uninteressant finde? Bringt nicht viel.

Eine kleine Randbemerkung: Es mag ja super sein, dass sich wirklich, wirklich gute Schauspieler um die Rollen der „weißen Herren“ bemühen – da sind unter anderem Michael Fassbender („X-Men„, „Assassin’s Creed„), Benedict Cumberbatch („Sherlock„, „Star Trek„) oder Brad Pitt („World War Z„) dabei – und deren Leistung ist ebenfalls wirklich super. Ich möchte allerdings die Meta-Ebenen-Frage stellen: Wenn mich mir nach einem Film über die Sklaverei nur die Namen der weißen Schauspieler gemerkt habe bzw. (laut Argument von Produzenten Brad Pitt) diese notwendig waren, damit der Film überhaupt genug Geld aufstellen konnte um gedreht zu werden, sagt das dann nicht mehr aus über das Thema als der gesamte Film an sich?

Da helfen auch drei Oscars gegen das schlechte Gewissen nicht viel.

„12 Years A Slave“ bekommt von mir 5 von 10 möglichenn, weit hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibende, Punkte.

12 Years a Slave [dt./OV]


von Steve McQueen [-]
Preis: EUR 0,99

12 Years a Slave


von Solomon Northup [Universal Pictures Germany GmbH]
Preis: EUR 5,00


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