Der Medicus (Filmkritik)

Der junge Waise Rob Cole (Tom Payne) hat eine ganz besondere Gabe: Er kann den Tod seiner Mitmenschen bereits einige Zeit bevor dessen eintritt spüren. Nachdem seine Mutter nach einer Vorahnung tatsächlich stirbt, bleibt Cole jedoch nicht lange allein. Der fahrende Bader (Stellan Skarsgård) nimmt ihn mit und während seiner Fahrten lehrt er ihm kleine Taschenspielertricks, führt in aber auch in die Heilkunde ein.

Cole erkennt frühzeitig, dass diesen Methoden Grenzen gesetzt sind, vor allem weil der Bader eigentlich ein Scharlatan ist, der schon mal gefärbte Pferdepisse als Wundermittel verkauft. So entschließt er sich, in das persische Isfahan zu reisen und dort bei dem „Arzt aller Ärzte“ Ibn Sina (Ben Kingsley) in die Lehre zu gehen. Die Reise ist äußerst gefährlich, doch getrieben von seinem Wissensdurst beginnt Rob seinen abenteuerlichen Trip und muss dabei allerlei Herausforderungen meistern…

der medicus

„Der Medicus“ war einer der großen Bestseller der vergangenen Jahre, blieb aber trotz beachtlichen Erfolges lange Zeit unverfilmt. Der Grund? Vor allem in Amerika fand das 1986 erschienene Mittelalter-Epos von Noah Gordon keine große Anhängerschaft, was zur Folge hatte, dass sich Hollywood nicht gerade um die Filmrechte riss. In Deutschland und Österreich fand das Buch großen Anklang – mehr als 6 Millionen Leser folgten der Geschichte von Rob Cole. Daher schuf Regisseur Philipp Stölzl einen Film, der die deutsch-sprachige Fangemeinde begeistern würde, etwas wofür schon die namhafte, internationale Besetzung sorgt. Wie weit sich der Film an das Buch hält, kann ich hier leider (noch) nicht beurteilen, da ich das Buch nicht gelesen habe – etwas, das ich aber nachholen werde.

Die deutsche Großproduktion wirkte optisch gerade anfangs wie eine, sagen wir kostengünstige ORF-Eigenproduktion. Graue, körnige Aufnahmen machten es teilweise schwer, genau zu sehen, was nun gerade auf der Leinwand so los ist. Nach einer Zeit wendete sich jedoch das Blatt, denn mehr als einmal blieb mir ob wunderschöner Aufnahmen fast die Spucke weg. Vor allem die Szenen, die in der Wüste spielen, sind atemberaubend und geschickt gefilmt und wirken fast wie aus einer Universum-Folge.

Das Casting: damit hatte ich durchaus ein Problem. Kann mir bitte jemand erzählen, warum man weiße Europäer in der Rolle von Arabern casten muss? Olivier Martinez, ein Franzose, der so gar nichts Orientalisches an sich hat, spielt einen Schah? WTF! Muss das denn sein?

Ben Kingsley spielt den Medicus Ibn Sina. Der britische Schauspieler spielt hier endlich wieder einmal eine erste zu nehmende Rolle, nachdem er in den bekannteren seiner letzten Filme eine Witzfigur (Iron Man 3 – trotzdem eine geniale Performance) oder einen Bösewicht (Prince of Persia) gespielt hat. Den Weisen/ Gelehrten nimmt man dem Charakterschauspieler ohne weiteres ab, er strahlt Weisheit und Güte aus, auch ohne ein Wort zu sagen.

Tom Payne übernahm mit der Rolle des Rob Cole seine erste Hauptrolle und machte seinen Job ziemlich gut. Er spielt den begeisterungsfähigen angehenden Medicus genauso wie man es sich vorstellt. Mit großen Augen geht er durch die Welt und versucht jedwedes Wissen wie ein Schwamm aufzusaugen. Naiv, aber mit großer Begabung kommt er bei seinen Mitmenschen nicht immer gut an. Er hat die Fähigkeit, durch eine simple Berührung zu wissen, ob diese Person leben oder sterben wird. Zum Glück wird dieser übernatürliche Aspekt über weite Teile des Filmes beiseite gelassen, weil es – finde ich – dort auch nicht wirklich einen, Platz hat, immerhin hat man sich die Mühe gemacht, alles sehr realistisch und historisch zumindest möglich dar zu stellen.

Emma Rigby (Once Upon a Time in Wonderland) spielt die Spanierin Rebekka, die durch einen Handel mit einem wohlhabenden jüdischen Perser verheiratet wird. Natürlich verliebt sie sich in Rob und gaaaanz lange müssen sich die beiden nur anschmachten. Grundsätzlich lässt sich ihre Rolle als typische „Damsel in Distress“ beschreiben. Dabei müssen die Damen ohnehin nicht viel mehr tun, als große Augen machen, verschreckt mit den Wimpern klimpern und dem Helden unendlich dankbar sein. Dementsprechend hatte Rigby schauspielerisch nicht gar so viel zu tun, aber zumindest war sie ein Eye-Candy für die männlichen Zuseher.

Stellan Skarsgård (The Avengers) als rauhbeiniger Bader mit einer harten Schale, aber einem weichen Kern war eines der Highlights des ersten Film-Drittels. Der Halb-Österreicher Elyas M’Barek (Fack Ju Göhte, Türkisch für Anfänger) hat eine kleine Rolle als anfangs äußerst unmotivierter Medizinstudent, der sich gern mal in der Sänfte herum tragen lässt.

Der Film hat einige Längen, was bei über 150 Minuten Laufzeit aber keineswegs verwunderlich ist. Konzentration fällt da dann schon schwer, wenn man zwischendurch immer wieder daran denken muss, wie dringend man nun schon aufs WC müsste. Von der Handlung wirkte er teilweise sehr voll gestopft, vor allem die Handlungsstränge die sich um den Schah und die Seldschuken drehen fand ich überflüssig, vor allem weil Olivier Martinez (Dark Tide) als Schah das Charisma eines Ziegelsteines hat.

Cole wird Waise, er wird Lehrling eines Baders, er wird Bader, er reist per Schiff nach Persien, wird Medizin-Student, wird Freund des Schahs, die Mullahs hassen die Juden und wollen diese vertreiben…. Und das waren noch nicht einmal die Hälfte der Handlungsstränge! Nebenbei wird man noch Zeuge der weltweit ersten Blinddarmoperation – die übrigens sehr plastisch gezeigt wird. Überhaupt ist der Medicus stellenweise nichts für zart Besaitete, denn man sieht schon mal sehr anschaulich wie ein Zeh amputiert wird, wie Rob Cole sich selbst beschneidet und zu guter Letzt eine Obduktion mit Großaufnahme auf die geöffnete Leiche.

Fazit: Ein Epos ist „Der Medicus“ nicht wirklich geworden, wohl aber ein über weite Strecken unterhaltsamer Historien-Film. Optisch kann er trotz einem stolzen Budget von 24 Millionen Euro nicht immer überzeugen, aber ein motivierter Cast hilt den Zusehern über diverse Längen gutmütig hinweg zu sehen. Dennoch, die bleibende Message, dass lügen und betrügen okay ist, wenn man ein Ziel unbedingt erreichen will, ist eher kritisch zu sehen.

Dieser Film bekommt von mir 6,5/10 medizinisch, ambitionierten Punkten.


Ein Gedanke zu „Der Medicus (Filmkritik)

  1. Ja ganz gut geschrieben. Ich selber habe das Buch mindestens fünfmal gelesen und bin immer wieder von neuem gespannt und gefesselt. Der Film leidet leider sehr unter den Aspekten der Eigeninterpretationen und es wurde viel zu viel verändert (immer mit der Voraussicht, dass man sich sowieso nicht zu 100% an das Buch halten kann, blablabla). Eigentlich wird eine komplett andere Geschichte erzählt. Die Besetzung der Rollen lässt gleichfalls einiges zu wünschen übrig. Eigentlich hätte man daraus leicht einen Zweiteiler machen können, aber wer bin ich schon, dass ich beurteile, wie eine wunderbare Geschichte umzusetzen ist/wäre. Ich hätte dem Film nur eine 2/10 gegeben nicht mehr und die 2 Punkte sind auch nur für die, wie du schön geschrieben hast, Landschaftsaufnahmen. Das Noah Gordon endlich das Ok gegeben hat zur Umsetzung ist ja durchaus positiv, wenn nicht sogar als wunderbar zu bewerten, da es sich eben um eine sehr schöne Geschichte handelt, aber daraus einen Film mit Mockbuster-Niveau zu machen, finde ich schon, nett ausgedrückt, äußerst enttäuschend. Es wirkt wie eine Hascherei fürs Publikum! als Schulnote ausgedrückt müsste der film eine 4- bekommen, eine 5 geht sich eben wegen der Landschaftsaufnahmen nicht aus.

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