Colonia Dignidad (Filmkritik)

Eine christliche, deutsche Sekte lässt sich im Namen des Friedens in Chile nieder. Deren Vorstand Paul Schäfer (Michael Nyqvist) war in Deutschland Prediger und seine Anhänger sind mit ihm gegangen. In der Kolonie herrschen klare Regeln. Männer und Frauen getrennt. Kinder wachsen ohne ihre Eltern in eigenen Bereichen auf. Und Schäfers Wort ist Gesetz, weil es ja auch das Wort Gottes ist.

Aber nicht nur Freiwillige kommen in die Colonia Dignidad („Kolonie der Würde“), sondern auch jene Menschen, die Pinochet nicht in den Kram passen, den Schäfer und seine Kumpane haben eigene Wege, wie man mit solchen Störenfrieden umgeht.

Einer dieser Störenfriede ist Daniel (Daniel Brühl), der als GEfangener ins Lager gebracht wird. Seine Freundin Lena (Emma Watson) allerdings, macht sich freiwillig auf den Weg und tritt der Sekte bei, um ihren Daniel zu finden und zu versuchen mit ihm zu fliehen …

Meine Frau ist irgendwann über die „Colonia Dignidad“ gestolpert und wir haben uns mehrere Dokumentationen über diese absolut unglaubliche wahre Geschichte angesehen. Wer wissen will, was auf dieser Welt alles möglich ist, der oder die darf/soll/muss sich ein paar Dokus darüber ansehen. Angefangen von den Lehren des Paul Schäfer, über die Interviews mit jenen, die tatsächlich aus Überzeugung dort waren und zu jenen, die dort geboren und aufgewachsen sind, also nichts anderes kannten, bis hin zu jenen, die versucht haben Schäfer und seinen Kult zu überführen.

Und was dort alles passierte kann man mit ein paar kurzen Worten gar nicht beschreiben. Ich sage mal so: Unter anderem wurde Schäfer letzten Endes wegen tausendfachem Missbrauchs minderjähriger angeklagt. Und noch aufgrund von vielen anderen Dingen. Lasst eure Fantasie spielen und egal wie krank ihr seid, ihr liegt vermutlich richtig.

Mit diesem Hintergrund war mir schon klar, dass eine Version mit Schauspieler*innen wie Watson oder Brühl niemals auch nur im Ansatz die Grausamkeiten aufzeigen kann, wie es die Dokumentationen können. Und auch die Geschichte von Lena und Daniel ist so nie passiert. Aber immerhin schafft es der Film ein paar Dinge zu zeigen und wer den Spielfilm „Colonia Dignidad“ gesehen hat, der oder die wird vermutlich auch Interesse an ein paar Dokumentationen darüber haben, weil die Tatsache der Existenz dieser Kolonie ziemlich genau in der Mitte zwischen Faszination und Abscheu liegt.

Unabhängig davon ist der Film auch ohne diesen Hintergrund auf jeden Fall spannend gemacht, auch wenn es per se kein Alleinstellungsmerkmal gegenüber anderen Filmen dieser Art gibt. Das Wissen, dass es diese Kolonie in dieser Form gegeben hat, macht schon einen großen Unterschied aus.

Wie dem auch sei: Die Hauptdarsteller*innenriege macht ihre Sache richtig gut, allen voran Michael Nyqvist als Paul Schäfer. Der Mann spielt unglaublich gut und unglaublich intensiv, kann ich nur sagen. Wahnsinn. Da kriegt man beim Zusehen schon eine Gänsehaut. Watson („Die Schöne und das Biest„) hat sich ohnehin mittlerweile von ihren Harry-Potter-Wurzeln gelöst und Daniel Brühl („The Cloverfield Paradox„), den ich schon seit „Das weisse Rauschen“ oder „Nichts bereuen“ oder „Goodbye Lenin“ verfolge) ist Daniel Brühl, spielt hier aber einen Charakter, der einen behinderten Charakter spielt und das macht er wirklich richtig gut. Ich mag Brühl grundsätzlich ohnehin und kenne jetzt auch keinen Film in dem er irgendwie schlecht war (auch wenn ich bei „The Alienist“ nach Folge 2 zu gucken aufgehört habe). Beide (Watson und Brühl) beweisen, dass sie mehr können als nur hübsch auszusehen und das ist gut so. Auch wenn beide natürlich neben Nyqvist verblassen, aber das liegt halt auch an den Rollen.

Alles in allem hat der deutsche Regisseur Florian Gallenberger hier eigentlich alles richtig gemacht, wenn ich persönlich mir nach Ansicht der Dokumentationen über die Kolonie mehr Realismus und weniger Hollywood-Kitsch erhofft hätte. Trotzdem hat mir der Film gefallen und wie gesagt: Wer sich die Wahrheit und Tatsachen erhofft, der oder die darf sich halt dann keinen Spielfilm anschauen (ich gucke ja auch nicht „Braveheart“ oder „The Greatest Showman“ und gehe davon aus, dass die Figuren so waren, wie sie hier dargestellt werden).

„Colonia Dignidad“ bekommt von mir 7 von 10 möglichen, historisch nicht zu 100% korrekte, aber immer noch geltende, Punkte.


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