Mayhem (Filmkritik)

Ein Virus, der Hemmschwellen entfernt und den Befallenen dazu bringt, seine schlimmsten Impulse frei auszuleben. Das kann schon mal zu plötzlichen, übertriebenen Gefühlsausbrüchen führen oder zu spontanem Sex an öffentlichen Orten, im schlimmsten Fall endet es dann mit Gewalt. Wenn man wie Derek (Steven Yeun) in einem Hochhaus voller Anwälte und Geschäftsleute arbeitet, endet die Sache dann schell tödlich.

Doch der Virus weckt auch in Derek die Kampflust und so schnappt er sich provisorische Waffen und die enttäuschte Melanie (Samara Weaving) und startet los. Gemeinsam wollen sie den obersten Stock des bereits abgesperrten Gebäudes erreichen und seinen Boss Towers (Steven Brand) aufsuchen, um ihn ein für alle mal für sämtliche Ungerechtigkeiten zu bestrafen. Doch bis zu ihm hinauf, ist es ein langer Weg nach oben…

Man nehme einen Virus, der der Droge aus dem Film „Urge“ sehr ähnlich ist und lässt ihn sich frei entfalten in einer Umgebung, in der sich auch ohne Virus die Leute ohne lange zu zögern töten würden, wenn sie könnten – siehe „The Belko Experiment„. Das sind ungefähr die Grundzutaten des neuen Thrillers von Regisseur Joe Lynch (Everly: Die Waffen einer Frau), gemixt mit einer größeren Portion bitterbösen Humor und dem ziemlich realen Schrecken, den der plötzliche Verlust eines Jobs, auf das gesamte Leben mit sich bringen kann.

Gleich die Einführung zeigt, dass es hier keine Helden gibt. Per innerem Monolog erläutert Derek sehr augenscheinlich, dass man in diesem Job schon nach kürzester Zeit, sämtliche Ideale über Bord geworfen hat. Man will Menschen nicht mehr helfen, sondern nur mehr selbst die Karriere-Leiter möglichst schnell hinauf steigen. Derek ist dennoch noch der harmloseste Kerl von allen Mitarbeitern, deshalb ist er auch der perfekte Sündenbock für seine Bosse. Auch Melanie ist in der zugegeben sehr kämpferischen Opferrolle.

Geschickt wird man als Zuschauer somit emotional schnell auf die Seite der zwei gezogen und wünscht sich, dass seinen Vorgesetzten endlich jemand einen Denkzettel verpasst. Der wird dann auch verteilt, mit Hammer, Säge und Nagelpistole und nicht ohne dabei stark sarkastische Sprüche zu schieben. All das ist überdreht und übertrieben, doch zur Karikatur werden die beiden Protagonisten nie. Es ist zu keinem Zeitpunkt egal, was mit ihnen passiert und man hofft, dass sie nicht dank des Virus, sich gegenseitig angreifen.

Natürlich ist auch Kritik an unserem Wertesystem drinnen und auch wie schnell die Bestie Mensch geweckt ist, bekommt man wieder mal zu sehen. Vor allem will der Film jedoch auf seine blutig abgebrühte Art Spass machen und das tut er auch. Wenn sich Derek und Melanie wie bei einem Computerspiel zu den jeweiligen Zwischenbossen mit den Keycards vorkämpfen und sich dabei besser kennen lernen, dann reißt das mit und man kommt nicht zum Nachdenken. Und wie auch in veränderter Form erwähnt wird: menschenverachtend ist das nicht, das ist einfach nur eine Viruserkrankung.

Steven Yeun (I Origins) kennen viel wahrscheinlich aus der „The Walking Dead“ Serie, die ich persönlich nie gesehen habe. Als Derek wirkt er wie der ganz normale, nette Typ, bei dem sich über die Jahre so einiges aufgestaut hat und er dies nun alles auf eimal rauslassen kann. Ich hab ihn zu jedem Zeitpunkt verstanden und war immer auf seiner Seite. Noch dazu hat er mit dem, von Steven Brand (The Scorpion King) abstossend arrogant und schleimig gespielten Towers, einen wunderbaren Gegenspieler.

Was mich zu Samara Weaving (übrigens die Nichte von Hugo Weaving), die ich nach The Babysitter nun bereits zum dritten Mal in einer Horror-Produktion gesehen habe. Eine Genre, dass ihr wie ich finde sehr gut steht. Ihre Melanie kann einfach gut aus dem Nichts heraus ausflippen, bleibt unberechenbar und hat sichtlich Freude daran, nicht mehr nur das zu sagen was sie denkt, sondern es auch zu tun. Der Rest vom Cast schafft es sehr gekonnt, die dumme, schnippische und oberflächliche Belegschaft dieses Gebäudes zu verkörpern.

Insgesamt daher wieder mal ein Trip-Erlebnis Film, bei dem man sowohl das Hirn ausschalten kann oder einfach dennoch mitdenkt, man kommt mit beiden Varianten auf seine Kosten. Die Sprüche sind cool, die Gewalt ist blutig, die Darsteller werfen sich voll in ihre Rollen und was ist die Moral von der Geschicht… Menschen ohne dunkle Seiten gibt es nicht. Deshalb wieder mal der Aufruf: immer alles rauslassen was nicht verletzend ist und legal, sonst führt das zu unangenehmen „Gefühlsstaus“ und den darauf folgenden Ausbrüchen.

„Mayhem“ bekommt von mir 7,5/10 dem tristen Alltag das Genick brechende Empfehlungspunkte.


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