Spieglein Spieglein: Die wirklich wahre Geschichte von Schneewittchen – Mirror Mirror (Filmkritik)

Die böse Königin (Julia Roberts) ist so richtig schlecht gelaunt. Laut ihrem magischen Spiegel ist nicht länger sie, sondern ihre Stieftochter Schneewittchen (Lily Collins) die Schönste im ganzen Land. Da sie ihren guten Ruf in Gefahr sieht, zögert sie nicht lange und verbannt das bildhübsche Schneewittchen in den verfluchten, finsteren Wald, in dem angeblich ein menschenfressendes Ungeheuer sein Unwesen treibt.

Dort begegnet sie jedoch schon bald sieben kleinwüchsigen Kleinkriminellen, die sie nach anfänglichen Unstimmigkeiten bei sich aufnehmen. Gemeinsam wollen sie der übellaunigen Königin das Geld stehlen, dass sie ihren ohnehin schon bettelarmen Untertanen abknöpft und es dem Volk zurück geben. Im finsteren Wald trifft Schneewittchen auf Prinz Andrew Alcott von Valencia (Armie Hammer), der sich auf den ersten Blick in Schneewittchen verliebt, obwohl auch die Königin bereits ein Auge auf ihn geworfen hat. Da hilft nur eines – das Spieglein um Rat zu fragen….

Mirror-Mirror

Nachdem es inzwischen in Hollywood schon zu einem wahren Trend geworden ist, altbekanntes neu erzählen zu wollen, war es wohl klar, dass nach Batman, Superman und Co. auch unsere altbekannten Märchen einen neuen Anstrich bekommen. Gleich 2 Filmstudios dachten sich, dass man aus „Schneewittchen und die 7 Zwerge“ einen supertollen Film machen könne und so kamen 2012, mit nur kurzem Abstand, „Mirror Mirror“ und „Snow White and the Huntsman“ ins Kino, wobei letzterer dank seiner beiden Hauptdarstellerinnen, allen voran Kristen Stewart, um einiges mehr Publicity bekam. Wer ist also DIE Schönste im ganzen Land?

Eine der absoluten Stärken von „Mirror Mirror“ ist seine Optik. Farbenreich, detailverliebt und opulent wirkt er wie ein wahr gewordenes Märchen. Unterstrichen wird das durch vollkommen überladene Kostüme (entworfen von Eiko Ishioka, die 1992 einen Oscar für ihre Kostüm-Arbeit bei „Bram Stoker’s Dracula” gewann), die richtig fantastisch und surreal ausschauen. So hat es für den Zuseher immer wieder den Anschein, dass er/sie/es hier in einer völlig anderen Welt gelandet ist. Überhaupt hat man stellenweise das Gefühl, man wäre in der Drogenfantasie eines Junkies – was aber nicht unbedingt etwas schlechtes sein muss. Wer damit nichts anfangen kann, der sollte sich nicht unbedingt eine Märchenverfilmung ansehen. Das wäre, wie wenn man sich bei einem Disney-Film über ständigen Gesang ärgert.

Wenngleich ich sagen muss, dass die Story gegenüber der Optik deutlich abstinkt und diese beinahe wie Effekthascherei wirken lässt. „Mirror Mirror“ versucht uns weis zu machen, dass mit dieser Variation der Geschichte die wirkliche Wahrheit über Schneewittchen erzählt wird, schafft es aber nicht innovativ zu sein. Man hält sich sehr an das klassische Märchen und schafft es nicht, die Geschichte neu, innovativ oder übermäßig interessant weiter zu spinnen. Spaß hat man aber trotzdem und so wird man auch mal mehr, mal weniger gut unterhalten.

Regisseur Tarsem Singh (Krieg der Götter) eröffnet „Mirror Mirror“ mit einer sehr gut gemachten Animationssequenz, während die Off-Stimme von Julia Roberts ihre Variation der Vorgeschichte von Schneewittchen erzählt, die nicht so ganz der Wahrheit entspricht und den Zusehern schon an diesem Punkt klar werden lässt, dass die Dame nicht ohne Grund der Bösewicht dieser Geschichte ist. Das Märchen bleibt erstaunlich unblutig, es stirbt noch nicht einmal Sean Bean – was bei seiner Film-Geschichte schon etwas Außergewöhnliches ist. Tarsems wahres Können sieht man dann in einer Szene, in der sich die böse Königin vor einem Date mit dem Prinzen generalsanieren lässt. Der Regisseur macht sich hier über den Schönheitswahn, der derzeit in Hollywood herrscht, lustig. Da knabbern Fische an den Händen, Maden säubern den Bauchnabel und Bienenstachel sorgen für einen Schmollmund.

Lily Collins (The Mortal Instruments: City of Bones), die Tochter des eigentlich wenig ansehnlichen Schmusesängers Phil Collins, ist optisch die perfekte Besetzung für Schneewittchen. Mit dunklen Haaren und blassem Teint – den sie laut der bösen Königin nur hat, weil sie noch nie das Schloss verlassen hat – sollte einer überzeugenden Performance eigentlich nichts im Wege stehen. Sie spielt die Märchenprinzessin mit sichtlicher Freude, aber schafft es meiner Ansicht nach nicht, die Wandlung vom schüchternen Mauerblümchen zur selbstbewussten Kriegerprinzessin komplett glaubhaft darzustellen.

Als böse Königin wirkt Julia Roberts (Der Krieg des Charly Wilson) als ob sie mächtig viel Spaß an der Rolle gehabt hätte. Ebenso wie Charlize Theron im Konkurrenz-Film, hätte sie wohl keiner im Sinn gehabt, wenn es darum gegangen wäre, diese Rolle zu besetzen. Aber wenn man sie sarkastisch, schnippisch und zutiefst selbstverliebt auf der Leinwand sieht, kann man gar nicht anders als zu grinsen. Ihr dabei zuzusehen wie sie ihren Bediensteten Nathan Lane (der war genial in seiner Rolle) verbal einen Kopf kürzer macht, lässt einen dann schon fast Mitleid mit dem Armen haben, der ihren Launen komplett ausgeliefert ist.

Armie Hammer – mit ihm werde ich einfach nicht warm. Schon in „The Lone Ranger“ konnte er mich nicht wirklich überzeugen und auch hier wirkt er als Prinz einfach nur dämlich. Vor allem die Szenen, in denen er dank eines Zaubertrankes die böse Hexe wie ein Hündchen anhimmelt, ließen mich stark an seinem Geisteszustand zweifeln und wirkten auf mich einfach nicht lustig.

Fazit: Ein Film mit mehr Schein als Sein, der optisch einfach nur märchenhaft ist, aber von der Story her leider nicht damit mithalten kann. Wirklich gut war meiner Ansicht nach keiner der beiden Schneewittchen-Filme (weder „Mirror Mirror“ noch „Snow White and the Huntsman“), aber in der Zukunft kann man sich auch weiter auf Märchen-Realverfilmungen freuen, unter anderem kommt dieses Jahr „Maleficent“ (aka Dornröschen) in unsere Kinos und 2015 gibt es ein Wiedersehen mit „Cinderella“.

PS: Ich bin kein Fan von dem derzeitigen Trend, der uns überlange und grenzdebile deutsche Filmtitel beschert. Entweder man bleibt bei Englisch oder bemüht sich um eine annehmbare Übersetzung. Ich will keinen Roman als Filmtitel herunter beten müssen.

Dieser Film bekommt von mir 5,5/10 spiegelglatten Punkten.


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