Nobody Sleeps In The Woods Tonight (Filmkritik)

Zosia (Julia Wieniawa-Narkiewicz) fährt auf ein Ferienlager. Dort sind Mobiltelefone und andere elektronische Geräte verboten. Die Gruppen werden wild zusammengewürfelt und jede bekommt einen Führer zugeteilt, denn es gilt quer durch die Wildnis zu trampen und das Leben von seiner Natur-Seite kennenzulernen.

Rasch trifft ihre Gruppe auf tote Tiere, die nicht so aussehen, als ob sie eines natürlichen Todes gestorben wären. Und dann verschwinden relativ rasch über Nacht Mitglieder ihrer Gruppe.

Wie sich herausstellt, hausen zwei mutierte Kannibalen im Wald und Julia ist mit ihrer Gruppe geradewegs in deren Garten spaziert …

Die Inhaltsangabe dieses Films liest sich wie jeder andere Backwoods-Slasher auch. Das könnte „Wrong Turn„-Filme sein. Oder auch „The Hills Have Eyes“ (wenn man jetzt mal von den Wäldern absieht). Und tatsächlich ist „Nobody Sleeps In The Woods Tonight“ genau das: Gruppe Teenager + Mutantenkannibalen = dieser Film.

Was hier neu ist: Der Film kommt aus Polen und das merkt man an der Machart. Das heißt, der Film nimmt sich selbst nicht allzu ernst, aber er nimmt sein Publikum ernst. Das klingt jetzt ein bisschen komisch, bedeutet aber nichts anderes, als dass man sich an alle Regeln hält, diese jedoch nicht einfach nur abhakt, sondern hier und damit einem bisschen „extra“ würzt. Vor allem in der Inszenierung, die absolut nicht jugendfrei geraten ist.

Beispiele:
Es gibt natürlich die „heiße“ Jugendliche, die unterwegs ist, als wäre sie sexuell unheimlich erfahren. Es gibt den coolen Teenie mit Sixpack, der sie anschmachtet. Was bei diesem Film neu ist: Der coole Teen hatte noch nie Sex und die „heiße Jugendliche“ hat tatsächlich Erfahrung und bringt ihm was bei. Und das wird auch inklusive Nacktszene gezeigt. Würde in einem Ami-Film so nie vorkommen.

Nach einem etwas langem Anfang hab ich relativ rasch festgestellt, dass es keine Person in der Gruppe gibt, die unsympathisch wäre. Es sind zwar alle Klischees da, aber die Art wie sie geschrieben sind (oder synchronisiert, denn ich habe den Film in der englischen Version gesehen), macht die ganze Truppe sympathisch. Man wünscht niemand per se etwas Böses. Und ja, es passiert vielen davon etwas Böses. Und das fand ich schade, aber nicht wie bei anderen Filmen („The Strangers: Prey At Night„), wo es einfach nur abstoßend ist und man sich fragt, warum man sich das ansieht, sondern auf eine Art, die Mitleid in mir auslöste, aber viel mehr noch Sorge um die anderen Protagonist*innen. Soll heißen: Der Film wird dadurch spannender, ohne, dass man sich pervers vorkommt, weil man ihn ansieht. Und es passieren ein paar sehr abartige Dinge.

Einziges Manko meines Erachtens: Nach zwei Drittel des Films wird die Herkunftsgeschichte der beiden Kannibalenmutanten erzählt und die ist einerseits zu lange geraten und andererseits auch an einer Stelle zu finden, an der sie den Flow des Films ausbremst. Aber alles in allem ist das zu vernachlässigen und nicht weiter schlimm.

Gespielt war alles gut und von einem Effekt (es wird jemand enthauptet und dann rollt ein Styroporkopf mit schlechter Perücke durch das Bild) abgesehen waren die Effekte alle ziemlich gut und vor allem handgemacht (nicht computergeneriert). Außerdem mag man den Charakter der Zosia von Anfang an und ihre Beziehung zu Julek (gespielt von Michal Lupa), dem Nerd, der zarte Anknüpfungsversuche durch eingeworfene Filmzitate und -witze versucht, und seine absolut ehrliche Reaktion auf die dann doch einmal positiven Antworten – das ist einfach schön anzusehen.

Man kann mich dumm nennen, aber ich fand, dass die Charaktere alle ziemlich realistisch reagiert haben und allein die Szene als Julek „tapfer sein muss“, ist einfach toll anzusehen. Das Zögern, die Blicke, das Herzfassen … wunderbar.

Man merkt es schon: Ich fand „Nobody Sleeps In The Woods Tonight“ erfrischend, weil es kein hochglanzpolierter Durchschnittsslasher von der Stange ist, sondern man merkt, dass die Macher wirklich einen Film wie diesen machen wollten, sich bemüht haben und in meinen Augen auch was zustande gebracht haben: Nämlich einen Film, der sehr gut in der Mitte zwischen augenzwinkernder Hommage und ehrlicher Härte angesiedelt ist. Natürlich mit Abstrichen beim Budget. Bitte mehr davon.

„Nobody Sleeps In The Woods Tonight“ bekommt 8 von 10 möglichen, erfrischend direkte und ehrliche, Punkte.


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