The Perfection (Filmkritik)

Charlotte (Allison Williams) war früher ein gefeiertes und hoch begabtes Talent, was das Spielen auf dem Violoncello betrifft. Doch als sich der Gesundheitszustand ihrer Mutter rapide verschlechterte, gab sie das Alles um, um für sie da zu sein. Als ihre Mutter Jahre später verstirbt, sucht sie wieder den Kontakt zu ihrem früheren Lehr-Meister Anton (Steven Weber).

Der hat mit Lizzie (Logan Browning) eine neue Dame an die weltweite Spitze der besten Cello-Spielerinnen geführt. Die beiden jungen Damen freunden sich schnell an und werden kurz darauf sogar ein Liebespaar. Ein gemeinsamer Urlaubstrip verändert jedoch die Lebenssituation von einer der beiden Frauen drastisch, was zu einigen dramatischen Eskalationen im gemeinsamen Umfeld führt.

Eines kann man Regisseur Richard Shepard (The Hunting Party) bei seinem neuesten Werk keinesfalls unterstellen: dass er Angst hat, den Zuschauer auf falsche Fährten zu locken. Premiere feierte der Film ja im September 2018 auf dem Fantastic Fest und ist nun seit Ende Mai auf Netflix zu sehen. Was mir hier dann noch besser als die Twists an sich gefallen haben, ist die Art wie die Inszenierung es möglich macht, die Figuren bzw. deren Intentionen falsch zu verstehen.

Vor allem bezieht sich dies auf den Charakter von Charlotte, die weite Teile über die Hauptfigur ist, wobei der Fokus auch zwischendurch zu Lizzie wandert. Dabei beginnt das Ganze wie ein Drama, wandert dann in die eher übernatürliche „Body-Horror-Creature“ Richtung, nur um am Ende dann doch einigermaßen abartig zu werden. Das Ende ist innerhalb dieser Story stimmig, es erzeugt dennoch einen bitteren Nachgeschmack.

Das passiert darum, weil es wie ein Spiegel für Macht-Konstellationen funktioniert, die in ähnlicher Form viel zu oft im echten Leben vorkommen. Ich hab ja gelesen dass es Stimmen gibt, die hier Kritik geübt haben, weil sie vermeintliche Feministinnen-Propaganda gewittert hatten. Ich mag Filme auch nicht, die alle Vertreter eines Geschlechts als „böse“ hinstellen, doch nur weil es an männlichen Identifikationsfiguren mangelt und die „Heldinnen“ weiblich sind, muss ich mich nicht gleich aufregen (nebenbei ist der Regisseur ja männlich, oh nein!).

Zurück zu den wichtigen Themen und das ist wie schleichend diese Story dich hinein saugt und wenn du dann realisierst was los ist und dich emotional distanzieren möchtest, ist es längst zu spät. Als Zuschauer sind dir die zwei Damen dann nicht mehr egal, du glaubst du weißt wie sie ticken, stehst zu ihnen. Dann bist du irritiert, verärgert, verstehst die Welt nicht mehr. Dann der „ach deswegen hat sie das gemacht“ Moment, aber nichts rechtfertigt diese Tat oder war doch genau das nötig?

Eines ist klar: das Gesehene lässt nicht kalt und auch abgebrühten Sehern wird die eine oder andere Aktion überraschen. Beides feine Eigenschaften, die man in der aktuellen Filmlandschaft, doch zu selten findet. Getragen wird die Sache dann von zwei Darstellerinnen, die sich ohne Rücksicht auf Verluste, voll in ihre Rollen schmeißen. Allison Williams (Get Out) als Charlotte durchlebt so ziemlich alle Gefühle, die es einem als Mensch möglich sind zu fühlen.

Ähnlich sieht dies auch bei den Emotionen aus, die sie auslöst. Man liebt sie, man hasst sie, man will sie beschützen, hat Angst vor ihr, hat Respekt, hat Mitleid und die Liste geht noch weiter. Logan Browning (Hit the Floor) als Lizzie wirkt da zunächst viel mysteriöser und auch durchaus anziehend manipulativ, auch sie ist kein eindimensionaler Charakter und ihre Chemie mit Williams, da spürt man die Energie in der Luft.

Man muss hier schon etwas drum herum schreiben ohne viel zu spoilern aber eines sollte man wohl heraus gelesen haben: vor und hinter der Kamera haben die Leute hier genau gewusst, was sie für einen Film machen. Der involviert, hat einiges an Interpretations-Spielraum und ist in allem was er tut, niemals langweilig (weil er eben nicht klüger sein wollte, als er ist). Kein einfacher Film und sicher ist vor allem das kranke Ende nicht Jedermanns Sache, aber Alltagskost gibt es doch schon genug da draußen, also warum nicht, was kann an dem Wunsch nach Perfektion denn schon falsch sein?

„The Perfection“ bekommt von mir 7,5/10 mit Perfektion als Lebenskonzept logischerweise scheiternde Empfehlungspunkte.


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