Retreat (Filmkritik)

Martin (Cillian Murphy) und Kate (Thandie Newton) flüchten nach einer persönlichen Tragödie auf eine einsame Hütte, auf einer sonst gänzlich unbewohnten Insel. Die wachsenden Eheprobleme zwischen den beiden rücken abrupt in den Hintergrund, als plötzlich ein verwundeter Mann auf der Insel auftaucht und in Ohnmacht fällt. Sie bringen den Fremden ins Haus, erreichen über das Funkgerät aber zunächst niemanden, der Hilfe schicken könnte.

Als der Mann namens Jack (Jamie Bell) kurz darauf erwacht, erzählt er Martin eine erschreckende Geschichte. Ein unheimlich ansteckender und tödlicher Virus ist am Festland ausgebrochen und die besten Überlebenschancen bringt eine sofortige Verbarrikadierung des gesamten Gebäudes. Während Kate diese Story schwachsinnig findet und ihn das auch spüren lässt, fühlt Martin die von Jack ausstrahlende, psychotische Gefahr. Gibt es diesen Virus wirklich oder geht die wahre Bedrohung, von dem scheinbar von seiner Variante der Geschehnisse völlig überzeugten Mann aus?

Retreat

Retreat ist ein britischer Independent-Thriller und markiert das Regiedebut des früher nur als Cutter tätigen Carl Tibbets. Gedreht wurde auf einer abgelegenen Insel vor der Küste von Wales, wobei sich beinahe das gesamte Geschehen innerhalb eines Gebäudes abspielt und gerade mal drei Personen daran beteiligt sind.

Eine ziemlich spannende und konfliktreiche Ausgangslage ist es ja schon, die sich dem Zuschauer hier bietet. Glaube ich an die Story von der weltweiten Epidemie und verstecke mich in der Hütte, die wohl früher oder später zu meinem eigenen Grab werden wird? Nein, sicher nicht! Mit der Alternative: mit einem unberechenbaren Irren auf engstem Raum eingesperrt zu sein, kann und will ich mich aber auch nicht so recht anfreunden. Was also tun? Wie lautet die beste Lösung?

Natürlich lebt so ein kammerspielartiger Film von den Performances der beteiligten Darsteller und die sind erstens wirklich gut und können zweitens dies auch jeder auf seine Art eindrucksvoll zeigen. Cillian Murphy (Inception) ist ja ziemlich gut darin Charaktere zu spielen, die überraschen können und nicht selten auch unerwartete Aktionen liefern. Egal ob als charismatischer Bösewicht oder als tragischer Held, er kann so ziemlich alles spielen. Hier ist sein Schmerz wegen der verfahrenen Sache mit seiner Frau und der kurz darauf schnell eskalierenden Situation förmlich spürbar und man weiß nicht genau wozu er noch fähig sein wird, um sein altes Leben wiedererlangen zu können.

Thandie Newton (Vanishing on 7th Street) wirkt eigentlich ständig gequält, verzweifelt oder wütend und ist mir persönlich trotz ihrer guten Leistung den Großteil des Filmes auf die Nerven gegangen. Irgenwie hätte Murphy in meinen Augen eine weniger unnahbare Ehefrau verdient (und ja, ich weiß dass diese Art aus dem persönlichen Drama dieser Figur resultiert). Wer aber wirklich gut war ist Jamie Bell (Jumper), der beängstigend, eiskalt und auch verloren spielt und hier sicher eine der besten Performances seiner Karriere abliefert.

Begleitet wird das Geschehen von einem eligischen und klassisch wirkenden Score, der die anfänglich langsamen Schwenks über die wunderschöne Landschaft traumhaft untermalt und später immer mehr ins alptraumhafte abdriftet, Überhaupt kommt der Film angenehm realistisch daher, man fühlt sich ständig mitten hinein versetzt und dem Lauf der Dinge hilflos ausgeliefert. Am Ende gibt es dann noch einen gemeinen und auch dramatischen Schlusstwist, den ich euch nicht vorenthalten möchte.

ACHTUNG SPOILER: In Wirklichkeit gibt es zwar keinen weltweiten Virus, aber Jack selbst ist der Träger einer tödlichen Krankheit, nachdem er statt seiner Gefängnisstrafe eine Reihe von militärischen Tests über sich ergehen hat lassen. Nachdem er damit fertig war, wurde er nach Hause zu seiner Frau geschickt ohne dass er oder das Militär wusste, dass er einen tödlichen Keim in sich trug. Nach dem Tod seiner großen Liebe wollte Jack nun nur mehr weg von allen Menschen und landete auf der einsamen Insel. Da Martin und Kate ihn ins Haus geholt hatten und somit auch ziemlich sicher infiziert wurden, wollte er die Krankheit auf dieses eine Gebäude einschränken, damit sonst niemand daran sterben muss. SPOILER ENDE.

Ein langsam beginnender jedoch sich schnell zu einem unglaublich spannenden Psychothriller entwickelnder Film, der bedrückend und auch deprimierend ist und den Zuseher sicher nicht mit einem Lächeln nach Hause gehen lässt. Toll gespielt und souverän in der Regie ergibt dies ein ziemlich beeindruckendes Regiedebut. Perfekt für einen verregneten Herbsttag mit melancholischer Grundstimmung.

Retreat bekommt von mir 7,5/10 sich zurückziehende, Viren verteilende Empfehlungspunkte.


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