Oldies but Goldies: Reservoir Dogs (Filmkritik)

Es hätte ein einfacher Job werden sollen für die bunt zusammengewürfelte Truppe an Verbrechern, die sich alle nicht wirklich kennen und nur mit Codenamen anreden. Aber dann geht alles schief. Tote, Verletzte und eine Flucht, die beim vereinbarten Treffpunkt endet. Aber was ist eigentlich schief gelaufen? Wie KONNTE das Ding überhaupt schiefgehen?

Der Verdacht liegt nahe, dass ein Polizeispitzel unter ihnen ist und den Plan vorab verraten hat. Anders kann es nicht gewesen sein. Das führt dazu, dass die nach und nach eintreffenden Überlebenden sich mehr als nur misstrauisch beäugen und wie es nicht anders sein kann: Gewalt bricht aus …

Es ist fast eine Schande, dass wir die neueren Filme von Quentin Tarantino hier am Blog haben, aber den Film mit alles anfang – nein, nicht „Pulp Fiction“ – noch nicht. Das sei deshalb hier nachgeholt. Vorhang auf für „Reservoir Dogs“. Im Grund ist es ja wie bei Christopher Nolan – die wenigsten kennen sein Erstwerk „Following“, obwohl das schon in seiner Struktur zeigt, dass der gute Mann was auf dem Kasten hat.

Hier auch bei Tarantino: Alle Merkmale und Kennzeichen von Tarantino sind bereits in seinem ersten Film von 1992 vorhanden und fügen sich bereits hier richtig gut zusammen. Der Clou ist natürlich gleich mal, dass wir den Überfall überhaupt nicht sehen. Der tut auch nichts zur Sache, denn es geht hier um was anderes – nämlich um die Spannungen in der Gruppe.

Der Film beginnt mit einer legendären Szene, in welcher die gesamte Truppe in einem Café beisammen sitzt und diskutiert. Nicht zwingend über den „Bruch“, aber generell. Und bereits hier erkennt man, von wem das Drehbuch ist. Der eine erklärt seinem Nachbarn, dass Madonnas „Like A Virgin“-Lied kein Liebeslied ist, sondern von einer Frau handelt, die so viel Sex hat, dass sie nichts mehr spürt und dann trifft sie einen Typen mit einem Megapenis und auf einmal hat sie wieder Spaß an der Sache. Nebenbei sitzt Mr. Pink, der sich beschwert, wer ihm denn diesen doofen Decknamen gegeben hat – warum ausgerechnet Pink? Es hätte doch so viele andere Farben gegeben. Und so weiter und so fort.

Da sitzt eine Gruppe an Profis zusammen und disktuiert über viele (abstruse) Dinge und man lernt sie kennen, wie sie ticken, wie sie sind, was sie bewegt und warum sie hier sind. Zum Teil zumindest. Und dann ist der Spaß vorbei – auf geht’s zur Arbeit. Dann ein harter Schnitt und wir befinden uns in einem Fluchtauto. Vorne sitzen zwei, auf der Rückbank liegt einer mit Bauchschuss der am Verbluten ist und Panik bei allen handelnden Personen. Und ab hier lässt das Tempo nicht mehr nach.

Die Dialoge sind großartig und pendeln zwischen absurd lustig und beinhart kalt hin und her. Die Aktionen, die von manchen gesetzt werden (ich sag nur: Ohr) sind brutal und auch an Blut wird nicht gespart. Die Dynamiken zwischen den Protagonisten wechseln herrlich hin und her und auch wenn es in letzter Konsequenz klare Hauptdarsteller gibt – Harvey Keitel – so ist es dennoch so, dass so ziemlich alle ihre Zeit im Rampenlicht haben. Von jenen, die beim Überfall sterben halt mal abgesehen.

Und es wird nie langweilig. Wir haben es hier zwar – wenn man es auf das Wesentliche runterbricht – mit einem Haufen Männer zu tun, die sich gegenseitig aushorchen und ausspionieren wollen um den Spitzel (so es einen gibt) zu finden, aber das hat Tempo und die Spannungen reißen tatsächlich mit.

Es ist schon eine große Leistung als ersten Film gleich mal einen Ensemble-Film zu drehen und die Tatsache, dass sich auch solche Kaliber (nicht vergessen, wir reden von 1992!) im Film wiederfinden wie eben Harvey Keitel (immer gut), Tim Roth (meistens gut), Michael Madsen (war mal gut), Steve Buscemi (immer ein Hammer) und Chris Penn (war auch immer gut, leider 2006 verstorben).

Es spricht meiner Ansicht nach auch für Tarantino, dass er mit vielen dieser Leute mehrmals zusammengearbeitet hat. Ich finde sowas immer sehr positiv, weil das im Regelfall heißt, dass die Atmospähre am Set scheinbar eine gute Atmosphäre war und ich persönlich hasse es, wenn ich nach Filmen lese, dass sich Schauspieler:innen nach dem Dreh zB über das Verhalten der Regie oder ähnliches beschweren (zB Jim Carrey bei „Kick-Ass 2„).

Dass manche von ihnen leider ziemlich abgestürzt sind (Michael Madsen, ich sehe dich an) ist schade, aber dennoch – hier sind alle in perfekter Spiellaune und ich kann nicht umhin zu sagen: Für ein Erstlingswerk so etwas abzuliefern – das muss Tarantino erst einmal jemand nachmachen. Egal was man von ihm oder den Filmen danach halten mag. Das hier ist ein kleines, feines, gemeines Meisterwerk.

Und für alle, die sich fragen, was mit der Musik ist, weil das Tarantino ja im Regelfall auch richtig gut kombiniert, lasst euch sagen: Ihr werdet „Stuck In The Middle With You“ nie wieder hören können ohne bestimmte Bilder im Kopf zu haben. Ja, auch das hatte er damals schon drauf.

„Reservoir Dogs“ bekommt von mir 9 von 10 möglichen, quasi alles richtig machende, Punkte.


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