Run Sweetheart Run aka Renn, Liebling, renn (Filmkritik)

Cherie (Ella Balinska) ist alleinerziehende Mutter, die auf dem Weg ist, Anwältin zu werden. Derzeit arbeitet sie als Sekretärin in einer großen Anwaltskanzlei, um sich ihr Leben finanzieren zu können. Im Stress hat sie scheinbar laut Angaben ihres Chefs James (Clark Gregg) einen Termin übersehen, an dem er wegen seinem Hochzeitstag nicht kann. Er bittet Cherie deswegen, zu dem Treffen aka Abendessen mit einem wichtigen Klienten zu gehen.

Sie lässt sich auf die Sache ein und trifft auf Ethan (Pilou Asbæk), der charmant, freundlich und gut aussehend ist und sie verbringt einen sehr netten Abend mit ihm. Als der Abend zu Ende geht steht sie vor der Entscheidung, ob sie noch „auf ein Getränk“ mit ihm in sein Haus mitgeht, was sie schließlich nach kurzem Zögern auch tut. Wenig später stürzt sie blutverschmiert und verletzt aus der Türe und rennt davon, während ihr Ethan auf den Fersen ist…

Bereits im Jänner 2020 feierte dieser Film von Regisseurin und Drehbuchautorin Shana Feste (Boundaries) seine Premiere auf dem Sundance Filmfestival. Er sollte ursprünglich auch im Kino laufen, doch dann machte Covid 19 der Sache einen Strich durch die Rechnung. Die Amazon-Studios kauften im selben Jahr im Mai die Rechte und haben den Film nun über zwei Jahre später Ende Oktober 2022, auf Prime als Streaming Premiere veröffentlicht.

Was daraus geworden ist? Nun für mich ein echt durchgehend schizophrenes Erlebnis. Einerseits ist dieser Thriller unberechenbar, gekonnt gemacht und intensiv gespielt, andererseits wird hier die dümmste „Woke-Botschaft“ seid dem Black Christmas Remake von 2019 abgeliefert. Es folgen fette SPOILER. Ich fange zunächst mal mit den Sachen an, die ich gut gefunden habe. Die Atmosphäre an sich, ist unheilvoll und man spürt die Spannung in der Luft.

Wer oder was ist Ethan, warum findet er seine Opfer immer wieder, warum hat der so viel Macht/Einfluss. Wenn mehrmals „RUN!“ eingeblendet wird und für Cherie die Flucht weiter geht, dann wirkt das von der Musik und dem Farbton so, als wäre es aus einem 80er Jahre Slasher entnommen worden. Wirkt durchaus wie eine gelungene Hommage und keine billige Kopie. Die Effekte sind meist handgemacht und vor allem das Blut wirkt echt, spielt es doch im weiteren Verlauf eine zentrale Rolle.

Klug ist auch was nicht gezeigt wird, bei einer Szene weil die Effekte wohl zu teuer gewesen wären bzw. es nicht gut ausgesehen hätte, doch auch bei den Gewalt gegen die Hauptfigur Szenen, dreht der Täter selbst die Kamera weg. Will er nicht beobachtet werden dabei? Ist es nicht sogar schlimmer die Person daneben zu sehen, die darauf reagiert, aber nichts tut/tun kann? Auf jeden Fall bestimmt er, was gezeigt wird, indem er die Kamera kontrolliert.

Die beiden Hauptdarsteller sind großartig in ihren Rollen. Ella Balinska (3 Engel für Charlie) als Cherie bleibt immer natürlich, zerbrechlich und menschlich nachvollziehbar, auch in starken Momenten wirkt sie nie aufgesetzt tough. Als Ethan hat Pilou Asbæk nach Operation Overlord oder Samaritan für mich erneut bewiesen, dass er einfach perfekt in der Rolle eines Schurken ist. Einnehmend, furchteinflössend, einfach abstossend und faszinierend zugleich.

Ja, klingt doch richtig gut, oder? Und jetzt erzähle ich euch, wer Ethan wirklich ist. Er ist ein gefallener Engel, der ursprünglich auf die Erde geschickt wurde, um die Menschheit zu begleiten und zu beschützen. Er hat das für sich dann so verstanden, dass er über Jahrtausende dafür gesorgt hat, dass Männer aufsteigen, Macht haben und sich Frauen immer überlegen fühlen können. Deshalb jagt er auch junge Damen und tötet sie, weil sie ihn ärgern und er ihnen ihre Grenzen zeigen möchte.

Noch etwas erfahren wir, denn er hat auch immer wieder Lügen verbreitet, zum Beispiel wurde nicht Eva aus Adams Rippe geschaffen, sondern es war in Wirklichkeit umgekehrt. Ich habe bei dieser Szene nur mehr darauf gewartet dass wir erfahren, dass Gott eine Frau ist. Egal, ich verlasse nun die lächerliche Ebene und verstehe das also so: alles was Männer (eigentlich seid Anbeginn der Zeit) geschafft haben, haben sie nicht aus eigener Kraft geschafft, sondern Ethan hat im Hintergrund die Fäden gezogen.

Aber keine Sorge, das ist jetzt vorbei, nach dem Ende des Filmes kommen jetzt sicher die Frauen zum Zug. Das mit der Ungerechtigkeit in der Welt verstehe ich schon (auch wenn ich nur ein Mann bin), das gehört auch geändert, aber das so plakativ und dumm anzuprangern, finde ich hat nichts mehr mit Satire zu tun, das ist Zynismus. Es kann einfach nicht jeder alles machen, unabhängig vom Geschlecht. Zum Beispiel wie zentral hier der Einsatz von Menstruationsblut und blutigen OB´s ist, das ist zusätzlich ein Ausdruck von Stärke von Damen. Hätte solche Szenen ein Mann inszeniert, dann würde er sicherlich als krank und pervers abgestempelt werden. Wäre das dann Pseudomoral oder ein Doppelstandard? Das könnt ihr ruhig selbst entscheiden.

Also merkt euch: Männer sind Frauen in Wirklichkeit ganzheitlich so unterlegen, dass sie nur mit Hilfe der „Alpha-Männchen-Flüssigkeit“ aus Black Christmas oder der Hilfe eines missgeleiteten Engels mit Damen überhaupt mithalten können, mehr Chef-Posten haben, mehr Geld verdienen, usw… Ich glaube kaum, dass das so einen ernsthaften Diskurs zu diesem Thema auslöst, aber gut. Insgesamt ein starker Thriller, der von der Woke-Botschaft ins Lächerliche gezogen wird.

„Run Sweetheart Run“ bekommt von mir 5/10 dem sinnlosen Wegrennen in die falsche Richtung, doch bitte endlich ein Ende setzende Empfehlungspunkte.


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