She Sees Red (Game-Review)

Vorne: Ein Klub. Party. Laute Musik. Farben. Lichter. Und vermutlich Drogen. Dahinter: Abstellräume. Küche. Büroräume. Ein Hintereingang. Gerade eben betritt der Besitzer des Ladens mit zwei Bodyguards seinen Klub durch besagten Hintereingang, als ihm eine Frau, ebenfalls in Begleitung eins grimmig dreinblickenden Typen, ihren Ausweis ins Gesicht hält: Es gab einen Tipp, dass eine Leiche zu finden sei. Sie würde jetzt ermitteln.

Tatsächlich findet sich in einem der Abstellräume eine Leiche. Und auch die ersten Spuren, dass jemand eine Rechnung begleichen will. Aber wer? Warum? Und wie weit wird er oder sie gehen?

Was wirklich von Anfang an beeindruckt bei „She Sees Red“, ist die Tatsache, dass es wortwörtlich keine Gefangenen macht. Das gilt für die Figuren im Spiel und das gilt für die Umsetzung. Die Sets sind zwar in Größe und Umfang klein gehalten, dafür sehen sie gut aus, sind passend gestaltet und die Wege von A nach B nach C sind nachvollziehbar und kurz. Die Inszenierung ist Top. Da könnten sich manche Filme eine Scheibe abschneiden.

Die Spannung wir die ganze Zeit über gekonnt hoch gehalten. Das beginnt bei den Kameraperspektiven und den Schnitten, geht über kryptische Dialoge, die gerade genug Inhalt haben, dass es spannend bleibt, die aber auch nie zu viel verraten, und endet bei den extrem cool gemachten Action Sequenzen.

Insgesamt gibt es 62 Szenen, die man allesamt freischalten kann. Und wer die gesamte Story verstehen will, der oder die sollte auf jeden Fall 59 davon freischalten. DAs klingt viel, lässt sich aber locker machen, weil ein Durchgang ungefähr 30 Minuten dauert. Bei den ersten beiden kann man keine Szene überspringen, ab dem dritten darf man Szenen, die man bereits gesehen hat, dann doch noch überspringen. Teilweise sind die Änderungen in den Szenen allerdings sehr gering. Und dann doch wieder ziemlich drastisch. Tatsache ist: Man weiß es vorher nicht.

Was ebenfalls dazu beiträgt, dass man die Sache aufklopfen möchte, sind die Schauspieler:innen, allen voran Veronika Plyashkevich, die einfach ein Hammer ist. Egal in welcher Szene: Es ist absolut klar, dass sie hier der Boss ist. Ihre Blicke, Ihre Gestik, alles an ihr schreit laut und deutlich: Ich bin euch einen Schritt voraus. Auch die anderen machen einen großartigen Job, aber die gute Dame: Wow. Die rockt einfach richtig. Quasi (das gilt für alle Rolle) perfektes Casting. Absolut.

Die Story (ich brauchte vier Durchläufe, bis ich alles durchschaut hatte) ist zwar in ihrer Gesamtheit nicht neu, aber ich kann nur wiederholen: Wirklich richtig gut inszeniert. Viele Infos bekommt man durch Rückblenden, die Laufe der Story freigeschaltet werden, aber ihr wisst nie, was in welchem Durchlauf freigeschaltet wird (mir war nicht immer ganz klar, warum ich das jetzt sehe, aber es war immer spannend, es zu sehen). Bei mir war es so, dass die letzte Szene, die ich freigeschaltet hatte, erklärte, was mit einer bestimmten Person (ein Opfer) passiert ist, welches ich vorher für völlig unschuldig hielt und mir aber plötzlich klarwurde, dass das komplette Gegenteil der Fall ist.

„She Sees Red“ ist wie eine Zwiebel: Jeder Durchgang und jede „andere“ Entscheidung, die man trifft, bringt mehr Licht ins Dunkel und ja, es hat richtig Spaß gemacht. Tatsächlich tut man nichts anderes, als sich immer wieder zwischen A und B entscheiden und dann sieht man zu was passiert. Auch wenn es nicht immer abzusehen ist, was aufgrund der Entscheidung passieren wird, aber es war immer spannend anzusehen. Vor allem die (drei) längeren Actionszenen sind absolut stylisch und cool geworden.

Worüber man hinwegsehen können muss: Das Spiel bzw. der Film wurde in russischer Sprache gedreht. Es gibt zwar eine, wie ich finde, sehr gelungene englische Tonspur, aber bei dieser passen halt die Lippenbewegungen nicht zum Gesagten. Wer darüber hinwegsehen kann, bekommt hier aber einen interaktiven Krimi/Film, der wirklich spannend ist.

Kennt ihr „Der blutige Pfad Gottes“ bzw. den ersten „Boondock Saints“? Es gibt da eine Szene in welcher Willem Dafoe am Tatort auftaucht und anhand von Hinweisen den aktuellen Mordfall bzw. die Schießerei nachspielt, gegengeschnitten mit den tatsächlichen Vorkommnissen. Geniale Szene und großartig gespielt. Nun, „She Sees Red“ macht es die gesamte Zeit über so und ihr steuert tatsächlich nicht die Entscheidungen der Ermittlerin, sondern jener Figur, welche die Morde verübt. Und dann seht ihr quasi zu, wie die Ermittlerin euch auf die Spur kommt und immer mehr Teile der Story aufgedeckt werden.

Ich kann nur wiederholen: Kurzweilig. Gut inszeniert. Spannend. Auf jeden Fall einen Blick (oder mehrere) wert. Hier ist tatsächlich Style over substance ausschlaggebend und ja, es funktioniert (wohl auch, weil es so kurz ist).

„She Sees Red“ bekommt von mir 8 von 10 möglichen, kurze, aber intensive und extrem gut gefilmt und gespielte, Punkte.


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