Watch Dogs: Legion (Game-Review)

DedSec ist eine Hackergruppe und aktuell gerade dabei ein Attentat zu verhindern. Eine andere Gruppe Hacker namens „Zero Day“ will das Parlament sprengen, aber das kann gerade noch verhindert werden. Leider ist es nicht die einzige Bombe in London und so nimmt das verheerende Ereignis seinen Lauf. Als wäre das nicht genug, wird noch dazu DedSec als ausführende kriminelle Vereinigung ermittelt und damit werden sie zu geächteten. DedSec London gibt es nicht mehr.

Einige Zeit später ist alles nur schlimmer geworden. Die Stadt hat alle Sicherheitsagenden an die Firma „Albion“ vergeben und diese unterdrücken die gesamte Gesellschaft. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Bevölkerung lebt halt einfach damit, weil es keine Alternativen zu geben scheint. Auch die hilfreiche Künstliche Intelligenz „Bagley“ wurde gestohlen und zweckentfremdet: Sie ist jetzt so etwas, wie eine kleine Alexa/Siri.

Aber der Widerstand lebt. Eine kleine Gruppe Menschen in London, will die Sache nicht auf sich beruhen lassen und schließt sich erneut zu DedSec zusammen. Erster Schritt: Die „echte K.I.“ Bagley wiederholen, den Widerstand, sprich DedSec, wieder aufbauen und dann herausfinden, wer tatsächlich hinter den Anschlägen gesteckt hat. Wenn man nebenbei auch noch London befreien kann: Umso besser.

Das dritte „Watch Dogs“ hat lange auf mich gewartet. Ich mochte die ersten beiden Teile sehr gern und hatte den dritten Teil auch schon lange Zuhause liegen, aber ich hatte einfach keine Zeit und – ehrlich gesagt hat mich das „Legion“-Feature auch nicht besonders interessiert.

Was ist dieses Legion-Feature? Nun, kurz gesagt: Man kann jede Figur im Spiel als Mitglied des Widerstands rekrutieren. Und ich meine: wirklich jede. Sogar Figuren, die in der Hauptstory wichtige Funktionen haben, kann man nach der Cutscene abfangen und für DedSec anwerben. Das ist allerdings ein wenig peinlich, denn selbst Figuren, die man durch mehrere Story-Missionen begleitet hat, benehmen sich dann als wären sie eine x-beliebige Person und hätte noch nie mit DedSec Kontakt gehabt. Aber gut. Für einen ersten Versuch ist es dennoch sehr beeindruckend, was Ubisoft da geliefert hat, denn tatsächlich ist das System gut durchdacht (man hat nur scheinbar übersehen, dass manche Spieler:innen vielleicht auch Nebenfiguren der Story einfach anheuern würden) und ich war und bin tatsächlich beeindruckt, was hier geliefert wurde.

Grundsätzlich sind die meisten Nicht-Spieler:innen-Charaktere ohnehin durch einen Gefallen oder eine Mission zu überzeugen, dass man es gut mit ihnen meint (zum Beispiel indem man einen Spanner verprügelt oder diverse Dinge für sie „hackt“, von Vorstrafen löschen bis hin zu ganz anderen Dingen). Dann gibt es noch jene, die DedSec als Feindbild haben und da geht es dann doch ein wenig mehr zur Sache. So muss man diese Personen erst einmal soweit bringen, dass sie überhaupt mit einem reden und nicht gleich das Feuer eröffnen und selbst dann wollen sie, dass man bestimmte Sachen für sie erledigt. Das sind in der Regel dann kleine, in sich geschlossene Missionen, die wirklich stimmig inszeniert sind.

Allerdings gilt auch hier: Wer zu viele Personen anheuert kann schon mal erleben, dass zwei Personen das gleiche Problem haben. Aber gut. Auch hier: Das System funktioniert, man hätte allerdings mehr Rekrutierungsmissionen erstellen müssen, damit diese sich nicht so schnell wiederholen. Trotzdem hat die Sache richtig Spaß gemacht und ich habe rasch gemerkt, dass ich tatsächlich durch London gelaufen bin (die Zeiten an denen ich mit dem Auto gefahren bin kann man an einer Hand abzählen), damit ich mögilchst viele Personen durchleuchten kann, ob sie nicht zu meiner Truppe passen würden. Und ja, ich bin da wählerisch.

Immer wieder habe ich gehört, dass man keine Bindung zu „seinen Leuten“ aufbaut, weil die Dialoge so generisch und albern und blöd sind. Das kann ich nicht bestätigen. Meine Truppe war meine Truppe, und wehe, denen ist etwas passiert, das habe ich persönlich genommen (und Ja, es gibt die Option auf Permadeath umzustellen; oder eben nicht, dann landen eure Damen und Herren im Krankenhaus oder in Gewahrsam der Polizei – auch hier ein nettes Feature: Wer einen Arzt oder Krankenpfleger oder Polizisten oder einen Anwalt in seiner Truppe hat, der oder die kann sich freuen, dann das kann bedeuten, dass eure Inhaftierten gleich wieder entlassen werden – guter Anwalt – oder eben verkürzte Zeit im Knast bekommen oder in der Behandlung im Krankenhaus verzogen werden und deshalb kürzer ausfallen).

Es ist egal, mit welcher Person ihr eine Mission angeht – mit den Fähigkeiten dieser Person müsst ihr dann leben. Da kann es schon vorkommen, dass man mit einem Bauarbeiter eine Sicherheits-IT-Firma infiltriert oder ihr mit einem Auftragskiller einfach was Trinken geht. Man sollte sich halt schon überlegen, welchen Spielstil man lieber mag, denn es sind zwar geringe Veränderungen, aber sie wirken sich tatsächlich darauf aus, wie man eine Mission löst. Lösbar sind sie generell mit jeder Figur, aber halt auf verschiedene Arten und Weisen. Informatiker können sich im besten Fall bis zum Zielobjekt durchhacken, Daten runterladen und entspannt zu Fuß weitergehen. „Lebende Statuen“ bzw. „Straßenkünstler“ müssen halt wirklich physisch in den Gebäudekomplex und dann auch physisch interagieren. Oder ihr nutzt eure niedliche und coole Spinnendrohne.

Wie man es dreht und wendet – jeder Spielstil ist möglich und „Watch Dogs Legion“ ist auch nicht besonders schwer. Aber es hat mir trotzdem richtig Spaß gemacht. Vor allem hatte ich auch im Team schnell meine Lieblinge (Whitney, Beruf: Fluchtwagenfahrerin und einfach generell eine coole Socke; alternativ war da Gaile; eigentlich Journalistin, aber hey – die Frau kann wirklich gut hacken; Und nicht zu vergessen: Colin Lund, eigentlich Vizepräsident einer Firma, aber der Kerl kann gut mit seinen Fäusten umgehen).

Die Story ist nicht besonders neu oder exzentrisch kreativ sondern setzt auf Altbewährtes und funktioniert. Es gibt ein paar Handlungsstränge, was ja mittlerweile bei Ubisoft Standard ist, und trotzdem einen übergeordneten Handlungsstrang.

Wie gesagt: An sich nichts Neues, aber gut inszeniert und ich bin immer noch ziemlich beeindruckt, dass es keinen Unterschied macht, wen man während Missionen spielt, die Cutscenes diesbezüglich angepasst werden. Und ja, es gibt auch zu wenig Sprecher für die ganzen NPC-Rollen, was bedeutet, dass ein paar von euren Charakteren sich eine Stimme teilen, die vielleicht in der einen Version ein wenig gepitcht wurde. Aber was hat man erwartet? Mittlerweile ist Ubisoft ja primär Assassin’s Creed und da auch bei Valhalla hängengeblieben. Und ja, ich weiß, dass es zwischendurch auch „Fenyx Rising“ gegeben hat (liegt auch noch ungespielt bei mir rum), aber „Watch Dogs“ ist mittlerweile eine Reihe, die sich halbwegs gut verkauft und bei der Ubisoft einfach Sachen ausprobieren kann ohne allzuviele Leute vor den Kopf zu stoßen.

Was natürlich nicht unerwähnt bleiben darf: Eure Gruppe bekommt Erfahrungspunkte durch Missionen oder durch in der Welt verstreute Technik-Punkte und damit könnt ihr Gadgets, also Hilfsgeräte, freischalten. Das reicht von einem Maschinengewehr, welches Nicht-Tödliche-Kugeln feuert über die Fähigkeit Jäger-Drohnen zu hacken bis hin zu Unsichtbarkeitshacks.

Alles zusammen: Watch Dogs macht viel richtig, hat allerdings noch Luft nach oben. Aber wenn die ersten Schritte bereits so viel Spaß machen (wenn man über Kleinigkeiten wie die gleichen Stimmen, etc hinwegsehen kann), dann bin ich mal gespannt, wie Watch Dogs 4 die Latte noch höher legt.

Und ich bin tatsächlich der Meinung, dass viel zu wenig betont wird, wie revolutionär das „Legion-Feature“ tatsächlich ist. So etwas hat es absolut noch nie gegeben. Und es ist ja nicht nur so, dass man jeden NPC rekrutieren kann. Es gibt auch Zusammenhänge zwischen den Leuten. Ich habe zum Beispiel später im Spiel immer wieder Verwandte, Arbeitskolleg:innen oder Freunde meines Teams kennengelernt. Sicher, es gibt da keine Dialoge und keine Story dazu, aber es macht schon Spaß mit einem seiner Leute durch die Stadt zu laufen und dann im Vorbeilaufen ein anderes Teammitglied zu sehen, wie es in einem Lokal sitzt und mit jemanden zu Abend isst. Dann bleibt man steht, macht ein Profile und sieht: Ok, das ist ihre beste Freundin. Fand ich super. Oder als einmal ein Teammitglied entführt wurde: Von wem? Von der Schwester eines unschuldigen Passanten, den ich leider überfahren hatte (die Autosteuerung in „Legion“ ist gewöhnungsbedürftig), und der vor Ort verstorben ist. Die Dame hat mein Teammitglied ausgeforscht und wollte sich rächen. Sowas passiert dir in GTA nicht. Oder dass ein Teammitglied plötzlich von einem Passanten eine Ohrfeige verpasst bekommt, weil man schuld ist, dass die Tochter im Krankenhaus liegt. Oder umgedreht, dass Leute klatschen, wenn man einen Albion-Soldaten k.o. schlägt, weil er einen Bürger belästigt. Auch gibt es für jeden Charakter, den ihr dabei habt eine Statistik, von kurzen Stationen seines/ihres Lebens über Vorlieben, über Fähigkeiten und jene Missionen und großen Meilensteine, die ihr mit ihm spielt, werden in die Biografie eingetragen. Sicher: Nichts davon hat große Auswirkungen, aber Hölle: Wenn sich das nicht anfühlt, als würde alles zusammenhängen, dann weiß ich auch nicht.

Ich bin begeistert. Dabei hab ich euch noch gar nicht erzählt, wie großartig der sarkastische Bagley ist oder wie toll und lebendig die Spielwelt (ich bin einmal um ein Haus geschlichen, um einen Hintereingang zu suchen. Auf der Rückseite hat sich gerade ein Mann an die Wand gelehnt und eine Gitarre ausgepackt. Als ich meine Runde beendet hatte, kam ich wieder zu der Stelle und mittlerweile hatte sich eine Gruppe Zuseher:innen um ihn gescharrt. Ein paar tanzten, ein paar klatschten und einer hat ihn gefilmt beim Gitarrespielen. Wie cool ist das denn bitte?)

Sind die Dialoge manchmal ein bisschen … schräg? Ja. Passen manchmal die Betonungen oder sogar die Inhalte nicht zu 100% zusammen? Auch das kommt vor. Aber das sind kleine Details im größeren Ganzen – und das große Ganze macht immer noch mächtig Laune.

„Watch Dogs Legion“ bekommt von mir 9 von 10, meine eigene, ganz persönliche Truppe richtig lieb gewinnende, Punkte.


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