Unhinged – Außer Kontrolle (Filmkritik)

Rachel (Caren Pistorius) und ihr Sohn Kyle (Gabriel Bateman) stecken wieder mal im völlig überlasteten Straßenverkehr fest. Dass man dabei, mit den zusätzlichen Aufgaben einer allein erziehenden Mutter kaum die Chance hat Termine einzuhalten ist klar, doch gerade wurde ihr dafür die Rechnung präsentiert und sie wurde telefonisch gekündigt. Emotional aufgewühlt setzen sie ihre Fahrt fort.

Als ein Auto vor ihnen trotz grüner Ampel nicht weiterfährt, hupt Rachel mehrmals, gestikuliert wild herum und überholt schließlich mit quietschenden Reifen. Wenig später steht genau dieses Auto neben ihnen und der es fahrende Mann (Russell Crowe) kurbelt das Fenster herunter, fängt ein Gespräch mit Kyle an und meint, dass sich seine Mutter entschuldigen müsse. Diese verneint jedoch und ist eher abweisend, worauf ihr der Mann verspricht dass sie noch lernen wird was es heißt, einen richtig schlechten Tag zu erleben…

Das Hauptargument den neuesten Film von Regisseur Derrick Borte (The Joneses) sehen zu wollen, ist ohne Zweifel Russell Crowe. „Als ich das Skript zum ersten Mal gelesen hatte dachte ich mir nur: das mache ich sicher nicht. Doch dann kam die Überlegung, was macht für mich als Schauspieler den größten Reiz aus? Etwas zu spielen, was eine Herausforderung ist, wo man keinen Bezug aus seinem eigenen Leben verwenden kann um die Figur zum Leben zu wecken.“ So hat Crowe seine Rollenwahl in einem Interview kommentiert, dass er für den Film gegeben hat (und ich gesehen habe).

Ich nehme das daher so als Wahrheit an, denn warum sollte er lügen. Das erklärt dann doch auch recht gut, warum ein Oscar-Gewinner in einem reinrassigen B-Movie mitspielt, der in einem normalen Jahr (ohne Covid 19), in einigen Ländern wohl gar nicht ins Kino gekommen wäre (so aber zu dem wenigen neuen „Kinofutter“ 2020 zählt). Mit dem reinen Unterhaltungswert hat das natürlich sowieso nichts zu tun. Ein Thriller der Sorte „klein, gemein, wuchtig und sehr kurzweilig“ ist es dann geworden, der von der „Alles oder Nichts“ – Performance seines Antagonisten lebt.

Die kann man dann auch in den falschen Hals bekommen. Manche werden Crowe´s Spiel sicherlich als Overacten erleben, der Marke Cage-Rage (Nicolas, you know I love you). Ich empfinde es jedoch als ein moralisch völlig losgelöstes Schauspiel eines Mannes, der seine männliche Identität eingebüßt hat und gleich zu Beginn des Filmes eine Grenze überschritten hat, von der es kein Zurück mehr gibt. Daher passieren ihm doch auch Fehler, doch er ist gleichzeitig auch unglaublich unberechenbar und gibt alles, weil er eben nichts mehr zu verlieren hat.

Während man seine Aktionen als krankhafte Steigerung des Verlangens nach Anerkennung und seinen Platz im Leben verloren zu haben verstehen kann, sollte man bei Rachel`s Verhalten wieder mal daran denken, dass man beim Interagieren mit anderen Menschen nicht immer nur gedanklich bei sich selbst sein sollte, man weiß ja nie, was der Andere zuvor gerade erlebt hat. Empathie? Die kannte ich nie! Natürlich kann man diese Botschaft auch ignorieren oder nicht so sehen.

Die menschliche Seite, kommt dank der „normalen“ Menschen hier auch nicht zu kurz. Caren Pistorius (Mortal Engines) als Rachel wirkt extrem natürlich als verzweifelte und dennoch kämpferische Mutter und Gabriel Bateman (Child´s Play) als Kyle ist statt dem nervigen Kind, viel mehr der Ruhepol in ihrem Leben bei all dem Chaos. Noch mal kurz zu Russell Crowe (Gladiator, A Beautiful Mind, The Nice Guys), den ich als Schauspieler sehr schätze. Sein Spiel ist zwar vielleicht charakterbedingt eher einseitig und das Gegenteil von subtil, doch darin ist er hier eine Wucht.

Was man rund um die Performances bekommt ist dann ein zügig inszeniertes, wenig überraschendes aber dennoch spannendes Roadmovie mit einem Ende, dass man von der Konstellation her, genau so erwarten konnte. Dennoch, wie das Finale dann inszeniert wird – die gewählte „Waffe“ plus dem dazugehörigen Spruch – da muss man einfach grinsen und die Aktion fast als Spiegelung des Verhaltens des Täters sehen. Das ist insgesamt dann zwar nicht großartig, aber dennoch sehr in Ordnung.

„Unhinged“ bekommt von mir 6,5/10 die Finger lieber von der Hupe lassende Empfehlungspunkte.


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