It Comes At Night (Filmkritik)

Paul (Joel Edgerton), seine Frau Sarah (Carmen Ejogo) und der gemeinsame sein Sohn Travis (Kelvin Harrison Jr.) leben im Wald in einem Haus. Abgeschieden von der Außenwelt. „Etwas“ hat die Welt dahingerafft. Ein Virus oder etwas Ähnliches. Kontakt zu anderen Menschen ist gefährlich, auch deshalb, weil viele „da draußen“ sich nicht um andere kümmern, sondern nur ihr eigenes Überleben sicherstellen wollen.

Eines Tages bricht jemand ins Haus ein. Ein Mann. Sein Name ist Will (Christopher Abbott). Er behauptet gedacht zu haben, das Haus sei leer und er suche nur nach Nahrung für seine Frau und sein Kind. Das bringt Pauls Familie in eine Zwickmühle, denn sagt Will die Wahrheit, dann hätte man gemeinsam bessere Überlebenschancen. Lügt er jedoch, dann kann es ganz schnell passieren, dass noch andere kommen und im schlimmsten Fall Infizierte …

Was uns Trey Edward Shults mit diesem Film präsentiert ist nicht ohne Reiz. Der Trailer verleitet allerdings zu falschen Annahmen, denn wir haben wir kein „The Last Of Us„-Roadmovie vor uns, sondern einen kleinen, gemeinen und verstörenden Thriller, der sich nicht auf Action verlässt, sondern sich rein um moralische Fragen dreht.

Ohne zu spoilern kann ich die Sache, denke ich, so umschreiben: Der Film spielt sehr gut mit Loyalitäten und dem Verwischen der Grenzen zwischen „gut“ und „böse“. Gibt es im Film überhaupt Bösewichte? Oder umgedreht – kommt jemand im Film vor, der oder die nicht eigentlich im Kern „gut“ ist? Und was macht diese ständige Bedrohung mit Menschen?

Permanent steht die Frage im Raum: Was ist, wenn wir entdeckt werden? Wer wird dann aller kommen und sich entweder an unseren notwendigen Ressourcen bedienen und uns umbringen? Wer wird kommen und infiziert sein? Kann man jemand einfach wieder gehen lassen, wenn er/sie das Haus die Bewohner*innen entdeckt hat? Oder ist das zu gefährlich? Wem kann ich vertrauen?

Die Diskussion dieser Fragen ist der zentrale Teil des Films und es wird sehr viel Zeit auf die Figuren und ihre Interaktionen, ihre Bedenken und ihre moralischen Vorstellungen verwendet. Ein „übernatürliches Element“, wie es der Titel oder der Trailer quasi in den Raum stellt, kommt – von dem „Virus“ abgesehen, sofern es eines ist – nicht wirklich vor. Und wenn ja, dann nur als Begründung für die gestellten Fragen.

Ich habe weiter oben von einer Diskussion gesprochen und das meine ich auch so – der Film liefert keine Antworten. Oder anders: Er liefert ein paar Antworten, aber welche davon man selbst als richtig oder korrekt oder moralisch vertretbar bezeichnet, nun, das bleibt im Raum stehen.

Schauspielerisch gibt es am Film nichts zu meckern: Joel Edgerton („The Thing, „Red Sparrow) spielt brillant. Christopher Abbott („Martha Marcy May Marlene) gibt sich eine zeitlang gekonnt undurchsichtig. Kelvin Harrison Jr. („Assassination Nation“) dient als Ankerpunkt all der Fragen und die anderen, nun, die dienen mehr oder weniger als Grund für die drei Genannten ihre Ansichten zu vertreten oder zu bilden.

Die Regie ist angenehm unaufgeregt und trotzdem schafft der Drehbuchautor und Regisseur es immerzu eine gewisse Unruhe und Anspannung, eine unterschwellige Bedrohung, zu erzeugen, die dann, wenn sie mal ausbricht, auch wirklich wehtut. Und zwar meist auf einer emotionalen Ebene.

Sicher, es wird einige geben, die den Film langweilig finden werden, keine Frage. Zumal die Erwartungshaltung aufgrund der Trailer einfach eine andere ist, als das, was der Film bietet. Nichtsdestotrotz bleibt ein wirklich spannender, emotionaler und gegen Ende hin bitterer Film übrig, der zwar keine seiner aufgeworfenen Fragen beantwortet, aber zumindest stark anregt darüber nachzudenken und für sich Stellung zu beziehen.

Tipp: Seht euch den Trailer erst an, nachdem ihr den Film gesehen habt. Erstens sind Spoiler drin und zweitens hat die Stimmung als „Horrorfilm“, die verkauft wird, wirklich nichts mit dem Film zu tun.

„It Comes At Night“ bekommt von mir 7,5 von 10 möglichen, düstere und Menschen meidende, Punkte.


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