To The Bone (Filmkritik)

Ellen (Lily Collins) hat ein Problem, ein Ess-Problem. Es lautet Anorexia. Eine Esstörung. Die Symptome sieht man ihr, sobald sie wenig Kleidung anhat, ziemlich an. Abgemagert, antriebslos. Meist kann sie ihren Zustand ganz gut verbergen, aber die Familie weiß Bescheid und macht sich natürlich trotzdem Sorgen.

Ihre (Stief-)Mutter schickt sie also zu einem neuen Doktor von dem sie gehört hat und nach ein wenig hin und her willigt sie ein. Dieser neue, unkonventionelle Dr. Beckham (Keanu Reeves) hat eine sehr eigenwillige Art und kurzerhand findet sich Ellen in seiner Obsorge wieder. Sie zieht in Haus für Menschen mit Essstörung und freundet, entzweit sich und nähert sich dann doch wieder an ihre Mitbewohner*innen an.

Aber nicht alles ist eitel Wonne, denn manche Menschen müssen erst sterben um leben zu können …

Manche Filme sind einfach sehenswert, egal ob am mit der Thematik was anfangen kann oder nicht. War ich anfangs noch ein wenig skeptisch, so habe ich mir „To The Bone“ dann doch angesehen. Ganz offen gesagt eigentlich nur, weil ich Kenau Reeves mag und den Trailer okay fand. Ging vermutlich vielen so.

Jedenfalls war ich dann sehr positiv überrascht über den natürlichen, auf plakative Aufnahmen verzichtenden, Umgang mit der Thematik. Von wissenschaftlichen Fakten, die ich vor dem Film nicht kannte (wenn man zu sehr abmagert dann wachsen am ganzen Körper mehr Haare, weil er sich vor der Kälte schützen will) bis hin zu Umgangweisen und Gefühlszuständen von Betroffenen wird alles sehr direkt und ohne Unterton in irgendeine Richtung gezeigt.

Ich nehme mal an, dass es sich positiv auf das Drehbuch und die Regie ausgewirkt hat, dass tatsächlich betroffenen Menschen am Film (oder Drehbuch) mitgearbeitet haben. Das ist bei solchen Themen eigentlich immer eine gute Idee.

Die schauspielerischen Leistungen stehen außer Frage und sind wirklich durch die Bank gelungen. Heraus sticht in erster Linie Alex Sharp, der hier sein Debut gegeben hat. Kein Wunder, dass er danach ein halbwegs gefragter Schauspieler wurde (seit 2017 fünf Filme und im Gespräch für das „Game Of Thrones“-Prequel). Der junge Mann spielt seine Figur überzeugend und liebenswürdig manipulierend. Lily Collins („The Mortal Instruments“) ist die ganze Zeit über (auch während ihrer unsympathischen Phasen) immer das Herz des Films und man kann ihren Kampf mit sich selbst gut verstehen. Kenau Reeves („John Wick„) macht was Keanu Reeves halt macht. Das mag man oder mag man nicht.

Was mir am Drehbuch gefällt: Es gibt keine Figur die nicht mit Liebe behandelt wird. Egal um welche Person es sich handelt, niemand wird auch nur ansatzweise als böse hingestellt. Selbst die Stiefmutter, die anfangs scheinbar in jedes Fettnäpfchen tritt, welches man sich vorstellen kann und die als diejenige, welche Ellen eigentlich zur Entscheidung zu Dr. Beckham zu gehen „zwingt“, am meisten Potential als Bösewichtin hat, ist genauso wie alle anderen im Film einfach ein Mensch der versucht das beste für ihr Liebsten zu erreichen.

Das gilt für alle anderen Figuren im Film ebenso. Es gibt keine Wertungen, es gibt keine Bösen und keine Guten. Es gibt Menschen, die sich auf die ihnen bestmögliche Art ihren Herausforderungen stellen. Auch wenn es gegen Ende für meinen Geschmack ein wenig zu schräg wird (bzw. esoterisch oder wie man das nennt), so kann ich doch nicht umhin, den Film eigentlich allen zu empfehlen, die wieder mal einen Film sehen wollen, der nachwirkt, trotz seiner Thematik nicht deprimiert und es irgendwie schafft am Ende das Gefühl zu vermitteln, dass nicht immer alles mit einem in Ordnung sein muss, damit andere ihn/sie lieben.

Ein wenig schockierend: Die Schauspieler*innen, die im Film als „zu dünn“ vorkommen, wären mir als solches ob ihres Körperbaus in einem anderen Film gar nicht aufgefallen. Das sagt viel über die Schönheitsideale heutzutage aus, wie ich meine.

„To The Bone“ bekommt 8 von 10 möglichen, zutiefst menschliche, Punkte

Den Film gibt es auf Netflix zu sehen.


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