High-Rise (Filmkritik)

Nach dem Tod seiner Schwester zieht der Arzt Laing (Tom Hiddleston) in ein spezielles Hochhaus, das neueste Projekt des gefeierten Architekten Royal (Jeremy Irons). Das Gebäude hat einen eigenen Swimmingpool, ein Restaurant, eine Schule, einen eigenen Supermarkt, es gibt abgesehen von der Arbeit nicht wirklich einen Grund, sein Zu Hause zu verlassen.

Laing findet sich in dieser eigenständigen Welt schnell zu Recht und mit Charlotte (Sienna Miller) gewinnt er bald eine Dame, die sein Liebesleben wieder in die Gänge bringt. Nach und nach schein die Fassade dieses oberflächlich perfekten Ortes jedoch zu bröckeln, denn technische Probleme und Streitigkeiten zwischen den Bewohnern der unteren Appartements und den elitären, höher wohnenden Freunden von Royal, führen zu immer drastischeren Ausschreitungen.

High-Rise

High-Rise ist die Verfilmung des gleichnamigen Romans aus dem Jahre 1975 von Autor J.G. Ballard. Schon kurz nach der Veröffentlichung des Buches hatte der britische Produzent Jeremy Thomas Pläne den Stoff zu verfilmen, doch es sollte dauern bis zum Jahre 2013, da sich Regisseur Ben Wheatley (Kill List) für die Story interessierte und das Projekt schließlich in die Gänge kam. Die Handlung dreht sich dabei – ähnlich wie beim Film Snowpiercer – um den Krieg der Klassen einer autonomen Gesellschaft, die als Sinnbild für die unsere funktioniert.

Was ist eigentlich genau das Problem, warum ein friedliches Zusammenleben auf lange Sicht zum Scheitern verurteilt ist? Ja, schon klar, der Mensch, aber warum? Brauchen die Reichen die Armen, damit ihr Reichtum etwas wert ist? Müssen die Mächtigen viele Menschen um sich haben, damit diese ihre Macht zu spüren bekommen? Sollten nicht alle einerseits meiner Meinung sein und andererseits nicht wie ich funktionieren, damit ich selbst besser sein kann bzw. ich recht habe und sie nicht? Die Antwort auf diese Fragen lautet wohl immer ja, denn so funktioniert die Welt eben.

Das dekadente Leben in diesem Hochhaus hat zu Beginn auch wirklich seinen Reiz, zumal alle offensichtlich glücklich wirken und sich in dieser eigenen kleinen Welt sichtlich wohl fühlen. Wie (zugegeben nur wenn man nicht unter die Oberfläche schaut) übergangslos diese Fassade von perfekt dann in einen nicht zu stoppenden Strudel aus Gewalt, Ausschweifungen und Wahnsinn wechselt, entwickelt eine faszinierende Sogwirkung, der man sich irgendwie entziehen möchte, dann aber doch nicht gänzlich sämtliche Kräfte mobilisiert, um dies zu tun.

Dabei kam mir mehr als einmal der Gedanke, ob nicht Laing das wahre Böse in diesem Haus ist. Nicht auf Grund seiner Taten, sondern wegen seiner Gleichgültigkeit, seinem Wunsch nach Anonymität und seiner klaren Ausstrahlung, die vermittelt, dass er sich nicht emotional an etwas binden möchte bzw. für etwas einstehen will. Der Arbeitslose mit drei Kindern hat seinen Platz tiefer im Hochhaus, die auf einem Pferd reitende Schauspielerin ist ganz oben, doch was macht der Mensch der mehr Entscheidungsfreiheit hat was seine Zugehörigkeit betrifft? Nichts? Schwimmt mit dem Strom? Ist Freund von beiden und lehnt sich nicht auf, wenn er von oben herab erniedriget wird?

Das sind nur ein paar der offensichtlichsten Gedanken, die mir bei der Erstsichtung in den Sinn gekommen sind, zumal das Thema an sich ja damals wie heute aktuell ist und auch die Inszenierung an sich, hat zwar einen klaren Retro-Touch, doch ist sie über weite Strecken keiner eindeutigen Zeitepoche zuzuordnen und hat somit etwas zeitloses an sich. Was dann die Bewohner hier aufführen und wie sie ganzheitlich degenerieren, da fühlte ich mich (besonders die Optik betreffend) erinnert an die Werke eines David Cronenberg, man sollte es somit selbst erlebt haben, weshalb ich mir eine Aufzählung hier spare.

Tom Hiddleston hat wirklich das Beste gemacht aus seinem steigenden Bekanntheitsgrad, den er durch seine Auftritte als Loki bei den Thor-Filmen und den Avengers gewonnen hat. Er nimmt nie langweilige Rollen an oder solche, bei denen man gleich wüsste wie er funktioniert (siehe Only Lovers Left Alive oder Crimson Peak). Als Laing ist er auf eine gewisse Art der Fremdkörper in dieser Runde, charmant und glatt, das Biest lauert sozusagen innerlich und sollte lieber nicht geweckt werden.

Ganz anders seine Mitspieler, die alle aus sich herausgehen müssen. Jeremy Irons (Batman v Superman) ist herrlich exzentrisch als Architekt/Künstler Royal, der in seiner eigenen Welt lebt und das Chaos um sich zu spät bemerkt und dann noch lange darüber hinaus nicht wahr haben will. Luke Evans (No One Lives) als Wilder ist charismatisch und voller Energie, der Querdenker, der mit seiner Situation unzufrieden ist und sich gegen das System auflehnt. Sienna Miller (Burnt) als Charlotte punktet in jeder Szene mit ihrer sinnlich lasziven Ausstrahlung und James Purefoy (Momentum) erinnert vor allem gegen Ende an einen Feldherrn, der das niedrige Volk mit Gewalt in die Schranken weisen will.

Insgesamt daher ein Film, der zum Nachdenken anregt und man am Ende als Resultat wieder nur zu der einen objektiven Wahrheit kommen muss: der Mensch ist selbst sein größter Feind. Gehüllt ist diese Story in starke Bilder, bereichert durch optische Spielereien in Form von traum- und alptraumhaften Sequenzen, plus dem Einsatz von gezielt eingesetzten Songs (zum Beispiel das schrecklich schöne, speziell für den Film geschriebene Cover des Abba Songs SOS von Portishead). Hinzu kommen noch die Darsteller, die alle um ihr Leben spielen, vielleicht wirken sie auch deshalb gerade so authentisch.

„High-Rise“ bekommt von mir 8/10 die Grenzen zwischen schönem Schein und düsterem Sein schon lange aus den Augen verloren habende Empfehlungspunkte.


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