Paper Man (Filmkritik)

Schriftsteller Richard Dunn (Jeff Daniels) hat ein echtes Problem. Während seine Frau Claire (Lisa Kudrow) als Ärztin täglich Menschenleben rettet, verbringt Richard seine gesamte Zeit damit, nicht an seinem zweiten Buch zu schreiben. Vor allen erwachsenen bzw. schwierigen Entscheidungen drückt er sich ebenfalls, da er seit über 40 Jahren für sämtliche „gefährliche“ Situationen seinen imaginären Freund Captain Excellent (Ryan Reynolds) hat, der ihn immer wieder gerne mit helfenden Sprüchen beiseite steht.

Als Richard über den Winter ein Haus in Long Island mietet um doch endlich an seinem Buch zu arbeiten, lernt er dort ein junges Mädchen namens Abby (Emma Stone) kennen. Abby zieht oft alleine durch die Gegend und scheint irgendwie mit eiener Grundtraurigkeit durchs Leben zu gehen. Zwischen den beiden Außenseitern entwickelt sich langsam aber sicher eine echte Freundschaft und so helfen sich die zwei ohne es zu merken gegenseitig beim Erwachsenwerden.

Paper Man Emma Stone Film

„Paper Man“ ist ein Independent-Film bei dem das Ehepaar Kieran und Michele Mulroney Regie geführt haben und das bereits im Juni 2009 beim Los Angeles Filmfestival zum ersten Mal gezeigt wurde. Zwei Jahre später erblickte nun auch bei uns dieser kleine, feine Film ohne jegliche Werbung das Licht der deutschsprachigen DVD-Premierenwelt. Warum ich den Film sehen wollte, obwohl ich nichts darüber wusste? Die Antwort: natürlich wegen der großartigen, wunderhübschen, grundsympathischen und unglaublich talentierten Emma Stone. Ein sehr guter Grund wie ich glaube, doch gibt es noch mehr Beweggründe, warum man sich dieses filmische Erlebnis gönnen sollte.

„Ich leide nicht an Realitätsverlust, ich geniesse ihn“. Ein T-Shirt mit diesem Spruch besitze ich. Ein guter Freund von mir hat mir vor nicht allzu langer Zeit gesagt, dass ich in einer Fantasiewelt lebe. In meiner Schulzeit hatte ich einen imaginären Freund, den man wohl am ehesten als fünften Teenage Mutant Hero Turtle bezeichnen konnte, der meistenes mit der Zerstörung diverser Einrichtungsgegenstände oder der Beseitigung unliebsamer Lehrer und Klassenkollegen beschäftigt war. Dies ist also klar mein Film.

Sich einsam und missverstanden vom Rest der Welt zu fühlen, dieses Gefühl kennt wohl jeder Mensch. Diesen Zustand (zumindestens temporär) mit Hilfe eines imaginären Freundes zu bekämpfen, über dieses Thema handeln Filme nur sehr selten. Wer sowas sehen möchte, ist hier genau richtig.

Dieser angenehm langsam erzählte und ruhige Film, der bei so manchen Actionjunkies wohl für gelangweilte Gesichter sorgen wird, funktioniert vor allem durch die Interaktion der einzelnen Figuren, nämlich zwischen: Mann und Mädchen – Mann und imaginärer Held – Mädchen und imaginärer Freund – imaginärer Held und imaginärer Freund. Ja, es gibt auch eine Szene in der die beiden fiktiven Freunde miteinander reden und sich über ihre Jobs unterhalten. Captain Excellent: „Was machst du so“? Antwort: „Ich spiele den unsterblich verliebten Part“. Captain: Uuh, harter Job!“ Lustig und auch skurril fallen auch die Gespräche zwischen dem Captain und Richard aus. Richard: „Warum musst du eigentlich alle Entscheidungen kritisieren die ich treffe?“ Captain: „Triff einfach bessere Entscheidungen!“

Dies alles würde natürlich nicht funktionieren, wären da nicht gute Schauspieler dabei, die diese Rollen auch glaubwürdig rüberbringen können. Hier haben die Regisseur echt ein paar Glücksgriffe gelandet. Anfangen muss ich klar mit Emma Stone (Zombieland, Einfach zu haben), die sich schön langsam eindeutig zu einer der besten Jungdarsteller dieser Zeit entwickelt und es kurz gesagt einfach drauf hat. Hier hat sie mich zum Lachen und Weinen gebracht, spielt ziemlich intensiv, rührend und einfach individuell und erobert so mühelos das Herz jedes Zuschauers. Übrigens nicht nur wegen ihrer besonderen Stimme den Film unbedingt auf englisch ansehen, auch der Rest der Synchro ist auf deutsch nicht gerade überzeugend ausgefallen.

Jeff Daniels als Eigenbrötler, der sich seiner ersten echten Freundschaft nur durch die Ausrede eine Babysitterin zu brauchen nähern kann, löst da schon ambivalentere Gefühle aus. Teilweise ärgert man sich über seine Antriebslosigkeit und seine übermäßige Ich-Bezogenheit, doch gerade daraus möchte er ja flüchten und im Herzen ist er doch einfach ein guter Kerl. Zwischen Stone und ihm stimmt die Chemie und wenn er sie gegen Ende ihrer gemeinsamen Reise ansieht, dann strahlen seine Augen diese väterliche Liebe aus, die einfach nur schön ist.

Ryan Reynolds (X- Men Origins: Wolverine) parodiert sich ja beinahe schon selbst mit dieser Rolle, da er ja mit Green Lantern und Deadpool selbst zum echten Superhero aufgestiegen ist. Mit seinem superman-ähnlichen Anzug und den blondierten Haaren hat er einige der witzigsten Sequenzen klar auf seiner Seite, wobei er sich gerade gegen Schluss auch von seiner melancholischen Seite zeigen darf. Kieran Culkin (Scott Pilgrim) als Stones fiktiver Freund spielt den schrecklich verliebten Part ebenfalls genial glaubwürdig, bis hin zu seinem konsequenten Ausscheiden aus dem Leben seines Schützlings. Lisa Kudrow als einziger „erwachsener“ Charakter macht ihre Sache zwar auch gut, geht aber auf Grund ihrer übermächtigen Kollegen etwas unter.

Insgesamt für mich als ein wirklich schöner, sowohl lustiger als auch trauriger Film über das Erwachsenwerden und echte Freundschaft, erzählt in einer entspannt schrägen Form und garniert mit Top-Performances aller Beteiligten (hab ich eigentlich schon erwähnt, dass Emma Stone spitze ist?).

Paper Man bekommt von mir 8,5/10 imaginäre Empfehlungspunkte.


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