Apostle (2018 Filmkritik)

Thomas Richardson (Dan Stevens) begibt sich auf die Reise seines Lebens, denn sein Vater bekommt einen Brief: Thomas‘ verloren geglaubte Schwester wurde in Wahrheit entführt und die Entführer wollen Lösegeld bekommen. Also macht sich Thomas auf den Weg zu einer weit abgelegenen Insel. Dort hat sich ein Kult niedergelassen. Weg von der Zivilisation. Ein Inselstaat mit einem Vorgesetzten, der von sich behauptet die Stimme der Göttin zu hören.

Auf der Insel angekommen stellt Thomas rasch fest, dass er nicht weiß, worauf er sich eingelassen hat, denn die heile Welt bricht nach und nach auf. Die Gläubigen meinen es ohne Frage gut, aber ihre Hirten verlieren sich in Glaubenskämpfen und Machtansprüchen genauso wie in irren, brutalen und abstossenden Ritualen. Der Grund? Etwas Übernatürliches wurde auf der Insel gefunden.

Die Frage ist nur: Verursacht dies den Wahnsinn oder hält es ihn in Zaum?

Das war ein wirklich abartiger Film. Was Gareth Evans hier abzieht lässt sich nur schwer beschreiben („V/H/S 2“, Segment „Safe Haven“ oder „The Raid“ und „The Raid 2“), aber ich versuche es dennoch: Wer sein Segment von „V/H/S 2“ kennt weiß halbwegs, was auf ihn/sie zukommt, aber nicht, in welchem Ausmaß. „Apostle“ beginnt ziemlich flott und nach gut fünf Minuten ist man bereits mit Thomas auf der Insel, dieser unter ständiger Beobachtung und er hat bereits einen unschuldigen Mann auf dem Gewissen. Aufgrund der Art wie Thomas wirkt, glaube ich allerdings nicht, dass es der erste Mann ist, der seinetwegen nicht mehr auf Erden weilt. Ihr ahnt: Thomas ist nicht der sympathischste Charakter. Dan Stevens fängt seine Blicke und seine „Ihr seid mir alle sowas von egal“ bzw. „ihr seid alle nur Mittel zum Zweck“-Einstellung in jeder Sekunde des Films perfekt ein. Hut ab – der Mann überzeugt bis zum Ende. Richtig sympathisch wird er allerdings nie.

Das Herz des Films sind zwei Teenager, die sich gegenseitig lieben und ewige Treue schwören. Die beiden sind sozusagen der Lichtblick in all der Dunkelheit, denn der Film macht keine falschen Versprechen. Von Anfang an weiß man – hier geht es kompromisslos und brutal zu. Vieles wird anfangs nur angedeutet, wird mit der Laufzeit aber immer klarer und klarer. Eine Liebe wie diese an einem Ort wie diesem – das kann nicht gut ausgehen. Das weiß man. Und ja, es ist DIESE Art von Film. Ihr werdet hoffen, dass sie die Kurve kriegen. Ihr werdet den Drehbuchautor verfluchen wenn ihr mitbekommt was tatsächlich passiert. Egal, was ihr euch jetzt vorstellt: Es passiert etwas anderes. Und ja, es ist ungefähr 1.000.000 Mal schrecklicker als ihr denkt.

Dann kommen wir zu Michael Sheen (Lucian aus „Underworld„), der hier einen auf Andy Serkis macht (mir ist nie aufgefallen wie ähnlich sich die beiden mit Bart sehen) und dessen Rolle erstaunlicherweise mehrmals überrascht. Ich wusste gegen Ende wirklich nicht mehr ob ich ihn jetzt zu den Guten zählen möchte, weil sein Ansinnen an sich positiv ist, er aber schreckliche Dinge tut, oder ob er für mich ein Bösewicht ist, weil er eben schreckliche Dinge tut, wenn auch aus vielleicht gut gemeinten Motiven.

Was ich jedoch weiß – spätestens(!) das letzte Drittel des Films wird euch ob der gezeigten und teilweise angedeuteten (aber großteil wirklich gezeigten) Brutalität schockieren und manche Bilder werden sich in eurer Netzhaut und in eurem Hirn festgraben (Stichworte: Kopf, Bohrmaschine, Reinigungsritual; oder: Streckbank, Angelhaken, Presse; oder: Gefängnis, Brand, Fleischerhaken – ihr seht, die Auswahl ist groß). Die Frage ist allerdings für mich: Musste ich das alles sehen? Wollte ich das alles sehen? Nein, eigentlich nicht.

Und das finde ich schade. Wenn ich früher begriffen hätte, dass Gareth Evans der Macher von „The Raid“ und „The Raid 2“ ist, hätte ich mich vielleicht darauf einstellen können, aber so hat mich die Brutalität absolut kalt erwischt. Und damit meine ich noch nicht einmal das, was den „Bösen“ passiert – die haben es ja verdient (auch wenn ich – nochmals – es nicht so genau hätte sehen müssen), sondern ich meine die absolute Härte und Brutalität mit welcher Evans seine „Seligeninsel“ auf den Kopf stellt. Stichwort: Teenagerliebe.

Ihr dachtet, es gibt Hoffnung? Ihr hattet recht. Aber nicht in der Form, in der ihr sie erwartet hattet. Um gerettet zu werden muss man in „Apostle“ zuerst durch die Hölle gehen. Und das ist für manche vielleicht bereits zu viel. Um auf die beiden verliebten Teenager von vorhin zurückzukommen: Wenn dieser Film ein Herz hat, dann wird es rausgerissen, zerquetscht, darauf herumgetrampelt, zerstampft, verbrannt, jemand in den Mund gesteckt, angezündet und dann mit einer Schrotflinte inklusive dem Kopf zu dem der Mund gehört in dem es steckt, von den Schultern gepustet.

Und dann wird es aufgehoben und einem Frankenstein eingesetzt. Ist es noch da, das Herz? Ja. Erkennt man es wieder? Nein, mit Sicherheit nicht.

Gibt es Überlebende? Ja, die gibt es. Wenn auch vielleicht andere als ihr erwartet habt. Hat die ganze Brutalität einen Sinn? Erstaunlicherweise ja. Zumindest glaube ich das. Denn als ich den Schluss gesehen habe, da habe ich verstanden weshalb die vorher eingestreuten übernatürlichen Szenen/Figuren sein mussten (mit leichten visuellen Anleihen an „Silent Hill„). Denn die letzte Szene am Rand der Insel hat mir ein Lächeln ins Gesicht gezaubert. Wenn auch mehr aus Verzweiflung. „Deshalb also all das …?“, dachte ich. Dann kommt mir ein Gedanke, als man einen der Hauptcharaktere dort stehen sieht. „Und er wusste das?“ Ich sehe seine Mimik. „Klar wusste er das.“ Ich schüttle den Kopf, denke an all das Grauen davor und muss gegen meinen Willen grinsen. „Oh mein Gott“, sage ich. Und dann erst bemerke ich die Ironie in meiner Aussage.

„Apostle“ bekommt 8,5 von 10 möglichen, wer übertrieben brutale (und ich meine wirklich „übertrieben brutal“ und nicht „übertriebene Brutalität“) Filme nicht aushält sollte nach 45 Minuten abschalten oder 4 Punkte abziehen, Punkte.

„Apostle“ ist auf Netflix zu sehen.


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