Assassin’s Creed Origins (Game-Review)

Bayek von Siwa ist Medjay. Ein dem Pharao verschworener und an ihn gebundener Diener des Volks, der sich verpflichtet hat seiner Heimat und seinem Volk (und seinem Pharao) ohne Unterlass zu dienen und zu helfen. Glücklicherweise beinhaltet das eine sehr gute Kondition und den Umgang mit jeder nur erdenklichen Waffe. Bayek hat auch einen trainierten Falken namens Senu, die ihm durch Erkundungsflüge aushilft, wenn Not am Manne ist. Seine Frau Aya steht ihm in nichts nach und ihr gemeinsamer Sohn Khemu soll eines Tages in die Fußstapfen seines Vaters treten.

Aber alles kommt ganz anders und plötzlich sieht sich Bayek mitsamt Aya auf einem Rachefeldzug gegen eine Gruppe maskierter Hintermänner, die ihm das Wichtigste im Leben genommen haben. Nach und nach kommen die beiden allerdings dahinter, dass diese Handlanger einen ganz anderen Plan verfolgen und Bayeks Familie ihnen nur zufällig im Weg war.

Pech, denn Bayeks Hass ist so groß, dass er seine Peiniger durch ganz Ägypten verfolgt und seine Frau Aya ist genauso, wenn nicht sogar mehr, bestrebt, Vergeltung zu bekommen.

Ich gebe es zu: Ich war skeptisch. Sehr sogar. Der ganze Hype um das „neue rollenspielartige“ Assissin’s Creed ging mir auf die Nerven und ich konnte mir nicht vorstellen, dass mir das Spaß machen würde. Nicht falsch verstehen: Ich liebe „The Witcher: Wild Hunt“ und sehr viel mehr actionorientiertes Rollenspiel geht wohl nicht. Aber umgelegt auf Assassin’s Creed? Skepsis. Große Skepsis. Wie man ja auch hier am Blog lesen kann, darf man mich getrost als Fanboy der Reihe bezeichnen und ich fand „Syndicate“ als eines der besten Spiele der Reihe.

Aber gut – nachdem die „Gold Edition“ mit allen DLCs herausgekommen ist hatte ich für mich selbst keine Ausrede mehr und habe mir „Origins“ zugelegt. Und ja, es war eine verdammte Umstellung. Allerdings nur etwa für eine Stunde, denn „Origins“ ist immer noch Assassin’s Creed in Reinkultur.

Die Veränderungen sind eigentlich alle rein kosmetischer Natur: Es gibt keine Minimap mehr, sondern einen Kompass mit Fragezeichen (Hallo, „The Witcher 3„). Das Kampfsystem wurde von „Ich drücke einen Button und gewinne jeden Kampf“ auf Blocken, Ausweichen und Zuschlagen umgestellt (erneut: Hallo, „Witcher 3„) und die Weltkarte ist riesengroß. Dazu gibt es Ausrüstung, die man Bayek anlegen kann in verschiedenen Seltenheitsgraden (normal, selten, legendär) und diversen Eigenschaften (Heilung, wenn man einen Gegner trifft zum Beispiel), was grundsätzlich positiv ist, aber auch keine Revolution. Positiv: Wenn man ein Liebingsschwert oder Schild hat, kann man dieses auf das aktuelle Charakterlevel anheben lassen, natürlich beim Schmied.

Stichwort Charakterlevel: Ja, unser Medjay levelt jetzt hoch und kann auch Fähigkeiten freischalten. Das gab es auch schon davor, aber nicht in diesem Ausmaß. Wer aber schön fleißig alle Fragezeichen abklappert (und ich würde das sehr empfehlen, denn Ägypten ist wunderschön und bietet an allen Ecken und Enden eine Detailverliebtheit der Entwickler, dass es nur so kracht), der oder die braucht sich keine Sorgen machen, denn das Level rauscht rasch nach oben und die Skills, die tatsächlich aktiv weiterhelfen (zB Nach einem Treffer mit dem Bogen 3 Sekunden Zeitlupe für den nächsten Schuss) sind nicht so wirklich viele, aber dafür verhältnismäßig weit oben versteckt.

Das war es dann im Grunde genommen auch schon. Ja, es gibt auch Crafting (im kleinen Rahmen) und verschiedene Gegnerarten, die auch alle Levels haben (und glaubt mir: Euer Level 7 Charakter hat nicht im Ansatz eine Chance in einem Lager mit mehreren Level 30-Banditen, versteckte Klinge hin oder her).

Fertig. Die wichtigste Frage für mich lautet immer: Macht die ganze Sache Spaß, oder ist es primär mühsame Arbeit (wie in „Unity„) und da kann ich klare Entwarnung geben: „Assassin’s Creed Origins“ macht Laune von Anfang bis zum Ende. Das liegt zu einem wirklich großen Teil an der Welt, die Ubisoft da erschaffen hat, denn Ägypten (ich war kein Fan des Settings) ist ein Wahnsinn. Belebt und abwechslungsreich, egal wohin man kommt, auf Bäumen, in Höhlen, unter Wasser, in Ruinen, in Pyramiden, AUF Pyramiden, an den Flüssen, in Waldgebieten, in der Steppe, in der Wüste – überall laden die Landschaft und das Panorama zum Verweilen ein. Die Lichtstimmungen, die ich im Review zu „The Witcher“ so gelobt habe – „Origins“ hat ähnliche Momente. Nicht ganz so großartig, aber immer noch meilenweit vor der Konkurrenz. Und das sage ich als „Anti-Grafik-Fetischist“.

Apropos Grafik: Die ist in Bewegung spitze. Es gab in großen Städten auf meiner PS4 hin und wieder kurze Ruckler (im Verhältnis zur Spielzeit absolut irrelevant) und wer mit schnellen Pferden unterwegs ist, wird nicht umhin kommen zu bemerken, dass die Vegetation doch sehr spät ins Bild geladen wird, was mich jetzt nicht groß gestört hat. Mir ist ein flüssiges Gameplay immer noch wichtiger als eine Wahnsinnsgrafik – zumal wir hier von einem ohnehin verdammt hohen Niveau sprechen.

Was für mich noch immer wichtig ist: Das Gefühl ein „Assassin’s Creed“ zu spielen ist absolut vorhanden. Auch wenn Bayek storybedingt noch kein Assassine ist, so fühlt man sich spätestens ab Erhalt der versteckten Klinge wieder richtig in seinem Element und das Schleichen, Bogenschießen und Lager befreien (indem man Mini-Missionsziele erfüllt, wie zum Bespiel einen Hauptmann ausschalten und zwei bestimmte Kisten leerräumen) sind selbst nach dem xten Lager immer noch spannend, was in meinen Augen extrem für das Design der Welt spricht. Ich kann nur wiederholen: Die ist toll geworden. Und riesig. Fast ein wenig zu riesig für meinen Geschmack. Wenn ich lese, der Nachfolger „Odyssey“ soll noch größer werden, dann krieg ich fast Angstzustände.

Und damit landen wir beim Hauptkritikpunkt fast aller Open-World-Spiele: Die Story. Wie schafft man es, eine Story zu schreiben, die emotional mitnimmt und die logisch nachvollziehbar ist, wenn man doch eine Open-World mit x Nebenmissionen vor sich hat, die alle rufen: „Löse mich!“.

Schwer. Und auch „Origins“ schafft es nicht so richtig, das Problem zu lösen. Klar – Bayek ist Medjay und will seinem Volk helfen – das kommt gut rüber. Der gute Mann tut auch wirklich alles für seine Mitbürger/innen und löst jedes große und kleine Probleme (und die Nebenquests sind durch die Bank toll geraten und erzählen alle wirklich nette bis lustige bis dramatische Geschichten), aber das lenkt halt doch vom „großen Ganzen“ ab.

Wer mit „Origins“ einsteigt wird generell an vielen Stellen vermutlich nur Bahnhof verstehen (ich kann mich nicht erinnern, dass jemals erklärt wird, was der Edenapfel ist), aber die Hintergründe sind für Neueinsteiger auch nicht wichtig. Bleiben wir beim Beispiel Edenapfel: Dass man damit den Willen von Menschen beherrschen und brechen kann wird klar gezeigt (und das sogar verdammt eindringlich – ich sage nur: „Did you see what he made me do? He made me kill my own son!“ ein Bewohner Siwas, den Bayek am Wegesrand trifft). Warum das Ding das kann ist eigentlich für die Story unwichtig.

Die vielen Nebencharaktere und Quests hatten irgendwann den Effekt, dass ich zB am Ende der Hauptstory nicht mehr wirklich wusste, warum mir ein bestimmter Charakter gerade ziemlich unsanft zwischen die Beine getreten hat. Mir wurde erklärt, dies sei die Frau von xy gewesen und ich dachte nur „von wem?“. Andererseits passt das auch wieder gut ins Spiel, denn auf seinem Rachefeldzug macht Bayek keine Gefangenen und tatsächlich war genau diese Szene der Moment an welchem mir kurz mulmig wurde, weil ich so viele Menschen in den Duat geschickt hatte, dass ich mir nicht einmal mehr merken konnte, wer die alle waren. Ja, da kommt man ins Grübeln (wenn man will, man kann es auch mit einem Achselzucken abtun und als Designfehler verteufeln). Für mich hat es was über die Figur von Bayek ausgesagt – gemäß der Frage: Was ist aus ihm geworden?

Die Hauptstory ist sehr gelungen inszeniert, die Bösewichter leider wieder weit blasser als im Vorgänger – die Zwiegespräche mit Bayeks Opfern bevor sie in den Duat eingehen sind aber wieder verdammt gut geworden. Gegen Ende hin nimmt die Sache nochmals Fahrt auf und ich wurden selten zufriedener von einem Assassin’s Creed entlassen als bei „Origins“. Bayeks und Ayas Geschichte ist eine tragische, denn Hass und Mord zerstört Liebe immer – Ubisoft zeigt das auch, wie ich finde, sehr gut und auf einem Weg und einer Auflösung, die ich ganz gut annehmen konnte, denn ich fühlte interessanterweise ähnlich wie die beiden Protagonisten.

Kurz gefasst: „Assassin’s Creed Origins“ ist ein waschechtes „Assassin’s Creed“ und nach einer kurzen Einarbeitungszeit (ne Stunde) fühlt man sich wie Zuhause. Gut gemacht, Ubisoft. Neustart geglückt, Serientradition behalten und mit Bayek und Aya (und ein paar anderen Figuren) wirkliche Charaktere geschaffen, mit denen man mitfiebern kann und die einem trotz Mord- und Totschlag ans Herz wachsen.

DLC: „Assassin’s Creed Origins: The Hidden Ones“

Im ersten DLC wird Bayek in ein neues Gebiet gerufen und muss das dort ansässige Assassinenbüro unterstützen. Das Gameplay ist gleich wie im Hauptspiel. Ein paar Charaktere kommen wieder vor (es ist immer toll, Aya wiederzusehen) und die Story ist … unerwartet spannend. Das hier ist die wahre Geburtsstunde des „Creed“. Das Ende ist – in meinen Augen – berührend, spannend und stellt sogar die richtigen Fragen. Irgendwann kurz vor dem Ende steht Bayek vor Aya, blickt ihr unsicher in die Augen und fragt: „Did we good?“ Sie antwortet nicht, blickt ihn nur ebenfalls unsicher und geht. Die Konsequenzen daraus ziehen sich (retrospektiv) durch alle anderen zeitlich später spielenden Spiele.

Kurz: „The Hidden Ones“ macht Spaß, bietet ein neues Gebiet und bringt die Story der Assassinen tatsächlich weiter. Ein wirklich guter DLC (außerdem gibt es das größte Fort der Reihe zu infiltrieren. War eine Herausforderung, aber verdammt befriedigend).

DLC: „Assassin’s Creed Origins: The Curse Of The Pharaohs“

Im zweiten DLC bringt es Bayek wieder in ein neues Gebiet und dort muss er sich unerwartet mit untoten Pharaonen herumschlagen, die wie Götter verehrt werden und immer wieder auftauchen um Menschen zu holen. Die Sache wird insofern spannend, als anfangs nicht klar ist, warum diese Geister/Monster auftauchen und Bayek sich immer wieder in die Welten der jeweiligen Pharaonen begeben muss, um sich ihnen dort entgegenzustellen. Diese sind wirklich verdammt gut gemacht. Optisch als auch inhaltlich unterscheiden sich diese Welten nicht so riesig von der realen Welt, aber der Charakter des jeweiligen Pharaohs wird super umgesetzt. Und die Bossfights machen wirklich Spaß, auch wenn sie keine besonderen Taktiken erfordern. Inszeniert wird das ganze auch wirklich ansprechend und der DLC unterhält über seine ganze Laufzeit blendend.

Kurz: „Assassin’s Creed Origins: The Curse Of The Pharaoh“ ist verdammt gelungen, macht Spaß, die Story ist spannend und das übernatürliche Element gibt der ganzen Sache einen interessanten neuen Spin. Rundum gelungen!

„Assassin’s Creed Origins“ bekommt von mir 9 von 10 möglichen, alle Neuausrichtungen gelungen ins Assassin’s Creed-Gameplay integriert habende, Punkte (mit den DLCs darf man ruhig 0,5 Punkte draufpacken).


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