Assassin’s Creed: Unity (Game-Review)

Da hat Abstergo also einen großen Schritt nach vorne gemacht: Die genetischen Erinnerungen werden als Spiel veröffentlich, damit harmlose Gamer für die Templer die Codes und Edenstücke „spielerisch“ finden und sie diese nur noch abholen brauchen. Zum Glück wird das Spiel in der Cloud von den Assassinen gehackt und umprogrammiert, weshalb wir Spieler nun für diese arbeiten dürfen – als „Initiates“.

Dieses Mal geht es darum zur Zeit der französischen Revolution den Todesort eines Menschen mit Precurser-DNA zu finden, damit dieser nicht den Templern in die Hände fällt. Dieser Mensch ist dummerweise der Großmeister der Templer. Also schlüpfen wir in die Haut von Arno, seines Zeichens Sohn eines Assassinen und aufgezogen von einem Templer – auch verliebt in dessen Tochter Elisé.

Durch einen dummen Zufall – Arno verabsäumt es einen Brief zuzustellen, weil er lieber Elisé nachstellt – wird aber sein Ziehvater ermordet und Arno hat riesengroße Schuldgefühle, wird eingesperrt und von einem Assassinen befreit. Also schließt er sich diesen an und muss erstaunt feststellen, dass es in Paris einen Waffenstillstand zwischen Templern und Assassinen gibt. Was ihm aufgrund seiner Rachegelüste aber nunmal überhaupt nicht gefällt …

Endlich ist es soweit. Mit Unity kommt das von Fans lang ersehnte erste Assassin’s Creed Spiel für die neue Konsolengeneration (wir haben die PS4 Version getestet) auf den Markt. Wie zu erwarten war, präsentiert sich das hier nachgebaute Paris des 18. Jahrhunderts atemberaubend, voll mit sehenswerten Orten und Aufgaben, die erledigt werden sollten. Wer könnte da der Verlockung widerstehen und nicht einfach so Notre Dame erklimmen, sich zurücklehnen und den berauschenden Umfang der eigenen Spielwiese einsaugen? Dabei befüllen sich alle Distrike (von den Slums bis zu den Häusern/Villen der Oberschichten) mit gefühlten Millionen To-Do-Symbolen.

Was im Unterschied zu früher grafisch besonders auffällt, ist die Masse an Bürgern, die die Straßen durchwandern. Sich einen Weg bahnen durch tausende von Bewohnern, dass hat es in den Vorteilen so noch nicht gegeben und bleibt in dieser Form durchaus in Erinnerung (zum Teil auch, weil sie die Geschwindigkeit der Framerate genauso wie die von Arno stark beeinträchtigen). Vor allem die Aussicht bei großen Events wie der Enthauptung des Königs – das ist schon ein Anblick, den man in dieser Form noch nie in einem Spiel gesehen hat. Zumal dank diverser Patches auch nun (fast) keine peinlichen Bugs mehr auftauchen.

Dank zahlreichen Gebäuden mit Vorsprüngen, auf die man klettern kann und einer verbesserten Bewegungs-Mechanik, überzeugt das Free-Running wie gewohnt. Zwei kleine Tasten auf dem Controller machen hier den Unterschied zu früher aus, wobei geplant werden kann, ob unser Held Arno bei der nächsten Abzweigung auf- oder abwärts klettern soll.

So ist die Begehung immer neuer Pfade auf den Dächern möglich und ein Abgrund führt zu keinen größeren Umwegen mehr. Was das Vorankommen so flüssig wie nie gestaltet, wird höchstens wieder mal vom Verlust des guten alten Momentums behindert, dass noch immer einiges an Geschicklichkeit verlangt, um es aufrecht erhalten zu können. Da Arno nun an Kanten stoppt, wenn nicht sofort eine klare Richtungsanweisung gegeben wird, gehören Sprünge in den Tod nun ebenso der Vergangenheit an. Dass das Spiel selbst mit seinen Richtungsvorgaben manchmal unseren Helden auf eine für den Spieler ungewollte Fährte führt (eben auch die üblichen „Mein Charakter hält sich an Dingen fest, an denen er sich nicht festhalten soll“-Momente), verzeihe ich da angesichts dieses klaren Plus an Kontrolle liebend gerne.

Etwas weniger ist dafür die Kontrolle bei den Kämpfen geworden, was zu spannenderen Auseinandersetzungen führt und sogar in manchen Situationen bedeuten kann, dass Flucht die eindeutig gesündeste Lösung ist – vor allem, wenn die Wachen ihre Gewehre und Pistolen zücken, denn ganz ehrlich: So treffsicher wie hier waren sie noch in keinem Assassin’s Creed. Das sorgt hin und wieder natürlich für Frust, bzw. drängt sehr stark in die „Stealth“-Spielweise, da offenen Konfrontationen zumindest am Anfang eher schlecht für Arno enden. Natürlich, auch gut getimte Konter sichern bei hitzigen Gefechten das Überleben und nach dem Einsatz einer Rauchbombe, ist die Schlacht oft schneller entschieden, als man zunächst angenommen hätte – wenn man sie denn dann mal hat, die werte Rauchbombe. Wer es lieber gerne heimlich hat (was vom Spiel klar präferiert wird), der wird sich besonders freuen, dass sich nun endlich auch ein Assassine in gebückter Haltung fortbewegen kann. Was hier wiederum zur Herausforderung wird, ist die Tatsache, dass es nicht immer einfach ist zu erkennen, ob man bei einer der zahlreichen Stealth-Missionen, von Versteck zu Versteck gleitend, nun auch wirklich nicht mehr gesehen wird.

Die Hauptstory an sich – Assassinen gegen Templer – bewegt sich dabei auf gewohnten Pfaden und auch Arno ist mit seinen großteils auf Rachegedanken basierenden Motivationsgründen, relativ austauschbar – wenngleich seine Überheblichkeit (die im Spiel aufgrund der ganzen Fehler die er macht nie wirklich nachvollziehbar wird – hat halt scheinbar ein großes Ego der Kerl) hin und wieder nervt. Dafür sind die Nebenaufgaben an und für sich abwechslungsreich und unterhaltsam, wenn auch in ihrer schieren Menge mehr Arbeit als Vergnügen. Die Nebenfiguren bleiben leider so gut wie nie lange im Gedächtnis, von kleineren Ausnahmen mal abgesehen: Sich mit dem schrägen Marquis de Sade anfreunden, die Geheimnisse eines in den Katakomben hausenden Kults aufdecken oder gestohlene Köpfe für Madame Tussaud bergen, das ist an sich schon cool, leider aber erschreckend lahm inszeniert. Dass die guten alten, oft nervigen Sammelquests beinahe völlig von der Bildfläche verschwunden sind, ist dabei zusätzlich eine feine Sache, wenngleich man anmerken muss, dass die vielen Truhen im Grunde genommen auch nichts anderes sind.

Die ungefähr 15 Stunden umfassende Solo-Handlung, die nur alleine mit Arno bestreitbar ist und deren Hauptmissionen so offen angelegt sind wie noch nie, ist gut gelungen. Die Story wird schick und gut inszeniert erzählt und bietet auch so ein paar überraschende Wendungen, nur die Nebenaufgaben und -figuren werden einfach so ins Geschehen geschmissen ohne dem Ganzen irgendwie narrativen einen Rahmen zu geben. Zumindest wird das alles durch kooperative Missionen, die man online mit Freunden spielen kann, so um einige Stunden erweitert. Belohnungen in Form von kooperativen Drop-In Missionen, bei denen eine ständige Kommunikation zwischen den beiden Partnern nötig ist, um nicht wegen einem falschen Schritt ein Gemetzel auszulösen, bereiten dabei auch bei mehrmaliger Wiederholung, immer wieder Freude – man kann sie auch allein spielen, allerding sind sie dann eine Ecke schwerer. Ein besonderes Highlight ist der neuartige Vier-Spieler Muliplayer Modus. Das Spiel ist dabei zwar verloren, wenn einer aus dem Quartett stirbt, doch werden die Belohnungen am Ende, je nach der jeweiligen Spielweise, individuell vergeben. So entsteht dieses fordernde „gemeinsam, aber doch auch jeder für sich“ Gefühl, dass seinen ganz eigenen Reiz entwickelt.

Bei all der Action auf dem Bildschirm, leidet phasenweise die Performance der getesteten PS4-Version, wie bereits erwähnt, an manchen Stellen. Bei großen Menschenmassen kann es zu Synchronisations-Problemen kommen, was Wartezeiten auf nachladende Bürger oder deren Erscheinen aus dem Nichts bedeutet. Dank sofortigem Gratis-Patch beim Release, konnte zumindest eine stabile Bildrate durchgehend gesichert werden. Ob ein paar hundert weniger Figuren auf dem Bildschirm zu einem technisch zufrieden stellenderen Endprodukt geführt hätte, ist eine Frage, die sich die Macher wohl für den nächsten Teil stellen sollten. Insgesamt aber optisch klar ein Referenz-Titel auf Sonys aktueller Konsole.

Insgesamt daher grafisch ein erfolgreicher Start der Assassinen auf der neuen Konsolen-Generation, was leider storytechnisch nicht gut gelang. Der wirklich einnehmende Held mit viel Charisma ist Arno zwar nicht geworden und die Tatsache, dass man die Französische Revolution so dermaßen in den Hintergrund rückt ist fast ein wenig peinlich. Es wirkt als hätte man bei „Unity“ so ziemlich jede Idee reinstopfen wollen und dabei trotzdem nur auf die Grafik geachtet. Elisé ist eine coole Braut, kommt aber viel zu selten vor, als dass man mit ihr eine Bindung aufbaut und das gerade bei einem Namen wie „Unity“ der einzige Assassine vorkommt, der aus dem Verein rausgeschmissen(!) wird, ist schon irgendwie schräg und führt den Titel dieses Teils ad absurdum. In den Nebenmissionen tauchen spannenderweise extrem viele spannende und schräge Charaktere auf (zumindest kann man im Codex nachlesen, dass sie das wären), aber im Spiel bleiben sie so farb- und persönlichkeitslos, dass man sich vielleicht 2/3 davon hätte sparen, dafür die anderen besser inszenieren hätte können.

Alles in allem ist „Assassin’s Creed Unity“ zumindest nach den Patches grafisch ein voller Erfolg, spielerisch und inszenatorisch aber total in die Hose gegangen. Sorry, Ubisoft – das könnt ihr besser. Aufgrund des Bug-Debakels zum Release bekommen alle den DLC „Dead Kings“ gratis dazu (zum Download im PS-Store), aber ehrlich: Der ist zwar besser als das Hauptspiel (von der Inszenierung her), aber so richtig warm wird man damit auch nicht.

„Assassin’s Creed: Unity“ bekommt von mir 6/10 Paris unsicher bzw. sicherer machende, aber leider der schlechteste Teil des Franchse seiende, Empfehlungspunkte.


Ein Gedanke zu „Assassin’s Creed: Unity (Game-Review)

  1. Gleich mal vorweg: Ja. Unity sieht super aus. Keine Frage. Paris ist lebendig und die Revolution an allen Ecken und Enden spürbar. Die Wetterwechsel und so – und nach den Patches habe ich auch keine Bug erlebt bis dato.

    Problem: Das Spiel ist vom gleichen Virus befallen wie „Assassin’s Creed III“, soll heißen: Es ist definitiv kein Kind der Liebe, wenn man so sagen will. An allen Ecken und Enden merkt man, dass die Macher einfach eine Liste abgearbeitet haben, ohne wirklich mitzudenken und ohne irgendwie Spaß dabei zu haben.

    Die Story um Arno und Elise? Hui, da wäre wirklich Potential da. Aber das Spiel springt so rasch durch gewisse Stationen, dass das Gefühl aufkommt als interessieren sich die Leute, die mir das Spiel erzählen nicht für ihren Charakter. Die wollen mich möglichst schnell zum „Assassin“ machen und dann geht’s schon los. Punktum. Das geht so ruck-zuck, dass ich emotional völlig unberührt bin, auch wenn Arno vor meinen Augen zusammenbricht und sich schuldig fühlt – ich empfinde nichts. Da hat „Assassin’s Creed II“ schon weit besser hinbekommen.

    Das gilt dann auch für die Welt: Ich bin noch nicht einmal Assassine und kaum erklimme ich einen Aussichtspunkt breitet sich vor mir einer Vielfalt an Missionen und Aufgaben aus, die ich noch nicht einmal irgendwo einordnen kann. Madame Tussaud helfen? Okay, aber warum spricht die mich mit Namen an? Nostradamus-Zeichen … mhm, warum soll ich die lösen? Tatorte suchen und Morde aufklären – mit welcher Motivation? Man meuchelt ja selbst quasi die ganze Zeit über Leute nieder? Und so geht das durchs ganze Spiel.

    Da marschiere ich durch die Stadt – plötzlich taucht ein Ingame-Menü auf und sagt mir: Geh ins Café Il Teatro, denn das war ein alter Stützüunkt von uns! … echt jetzt? Kann mir das keiner der Charaktere im Spiel sagen? Kann man das nicht irgendwie narrativ einführen? Ein Pop-Up-Fenster?
    Und das zieht sich durch das ganze Spiel.

    Ich verstehe den Ansatz: Die „Rahmenstory“ bindet mich als Spieler vor der PS4 ja in den Kampf der Assassinen ein, das finde ich auch eine witzige Idee. Darauf bauen auch die ganzen In-Game-Koop-Sachen auf (wie überhaupt das ganze Spiel auf dieses Social-Media/Social-Club/Initiates-Zeug hin ausgelegt ist) und auch die Story. Deshalb ist die Immersion im Spiel wie ich finde auch ziemlich mies, denn das Spiel erinnert mich ständig daran, dass es ein Spiel ist und ich habe die ganze Zeit über das Gefühl eine To-Do-Liste abzuarbeiten, die sich irgendwann irgendwer ausgedacht hat anstatt das Gefühl einer spannende und gut inszenierte Lebensgeschichte zu erleben.

    Und das ist für mich der größte faux-pas, der möglich ist. Und da kann noch nicht mal unser kleiner Pseudo-Ezio namens „Arno“ was dafür. Das liegt schlicht an der Inszenierung und daran, dass UBISOFT diesbezüglich einfach Mist gebaut hat. Punktum.

    Was schade ist. Denn wenn das passen würde, mehr Zeit für diese Dinge eingeplant gewesen wäre und man wirklich das Gefühl hätte eine spannende(!) und in sich konsistente Lebensgeschichte zu erleben, welche sich auch liebevoll um kleine Details und Nebencharaktere kümmert, dann wäre das mal wieder ein großartiges Assassin’s Creed.

    Es gibt einen Grund, warum 90% der SpielerInnen die Ezio-Trilogie lieben und es liegt nicht an den (an sich immer gleichen) Spielmechaniken.

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